Die C/O Berlin Foundation im Amerikahaus präsentiert ab 7. Februar drei Ausstellungen international erfolgreicher Künstlerinnen und Künstler: Graciela Iturbide, Dörte Eißfeldt und Sheung Yiu.
Fotos sind wie Wale, die ganze Inseln tragen können. So beschreibt Dörte Eißfeldt ihre Arbeit, die auch ihre Kunst ist. Als „zart, poetisch und stets neugierig“ beschreibt das Team der C/O Berlin Foundation den Blick, mit dem die Fotografin „die Welt um uns herum und das Medium selbst erkundet“. Die Foundation im Amerikahaus am Bahnhof Zoo hat sich sehr intensiv mit dem Werk der 1950 geborenen Künstlerin auseinandergesetzt – schließlich widmet sie ihr eine ihrer drei neuen Ausstellungen. „Archipelago“ ist sie überschrieben.
Über Jahrzehnte hinweg hat Dörte Eißfeldt als eine der bedeutendsten Vertreterinnen der experimentellen Fotografie in Deutschland ein vielschichtiges Werk geschaffen, das, wie das C/O Berlin-Team sagt, „immer wieder neu gelesen werden kann“. Die Ausstellung „Archipelago“ ist eine weitere neue Lesart und „gibt diesen Inselgruppen der Bedeutung, der Erinnerung, der Analogie und des Momenteindrucks nun einen Raum“. In Eißfeldts Bildern sei nichts so, wie es scheint. „Anstatt Wirklichkeit einfach nur abzubilden, arbeitet sie mit Realitätsfragmenten. Fotografie wird zu einem Medium der Verwandlung“, erklärt Kurator Boaz Levin. Das sieht dann so aus: Ein Schneeball schmilzt auf einem Bild, auf einem anderen wirkt er felsartig und wie ein Himmelskörper. Eine Messerklinge erscheint wie ein Megalith. Haut wird metallisch, dann wieder zerbrechlich und porös.
Experimentelle Fotografie
„In diesen Verschiebungen verbindet sie präzise Beobachtung mit einer sensiblen Reflexion über Körperlichkeit, Stimmung und Darstellung und knüpft dabei an Bildtraditionen aus Film, Malerei und Literatur an“, erklären die Ausstellungsmacher. Eißfeldt nutzt unkonventionelle Entwicklungsmethoden, experimentiert mit Negativ- und Positivumkehrungen und Mehrfachbelichtungen. Ihre Werke zeichnen sich durch Bildmontagen und hybride Serien aus, bei denen analoge und digitale Verfahren miteinander verwoben sind. Dabei arbeitet sie auch mit eher ungewöhnlichen Bildträgern wie zum Beispiel Glas – unter anderem deshalb sind fast alle ihrer Werke Unikate, auch wenn sie häufig in Serien entstehen.
Jedes Bild besitzt für Eißfeldt einen Körper, ein materielles Trägermedium und ein eigenes „Leben“, geprägt durch Papier, chemische Prozesse und die Spuren seiner Herstellung. „Viele ihrer Arbeiten entdeckt sie in ihrem Archiv später aufs Neue und entwickelt sie zum Teil weiter, sodass sie in neuen Zusammenhängen fortbestehen und sich im Verlauf der Zeit auch verändern“, schreibt der Kurator.
Nach ihrem Kunststudium an der Hochschule für Bildende Kunst Hamburg in den frühen 70er-Jahren, zunächst mit Schwerpunkt auf Malerei und Film, entwickelte Dörte Eißfeldt in den darauffolgenden Jahrzehnten eine weitreichende, experimentelle und zutiefst medienreflexive fotografische Praxis. Prozesshaft und spielerisch angelegt, könne Eißfeldts Praxis „als Vorläuferin der jüngeren Hinwendung der Künste zur künstlerischen Forschung gelten“. Als langjährige Professorin an der HBK Braunschweig prägte sie über zwei Jahrzehnte hinweg maßgeblich eine jüngere Generation von Künstlerinnen und Künstlern.
Die zweite Ausstellung, die C/O Berlin glichzeitig mit „Archipelago“ am 6. Februar eröffnet, präsentiert die erste große Retrospektive von Graciela Iturbide in Berlin. In enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin entwickelt, zeigt die Ausstellung ikonische Serien ebenso wie bislang selten oder nie präsentierte Aufnahmen und zeichnet die Entwicklung einer fotografischen Arbeit nach, die über fünf Jahrzehnte hinweg das Bild Mexikos und seiner Menschen mitgeprägt hat. Kuratiert wurde die Ausstellung von Sophia Greiff, Kuratorin bei C/O Berlin, und der Gastkuratorin Melissa Harris.
Graciela Iturbide, geboren 1942, gilt als eine der bedeutendsten Fotografinnen Lateinamerikas. Nach einem Studium der Filmregie und Fotografie an der Universidad Nacional Autónoma de México arbeitete sie zunächst als Assistentin des Fotografen Manuel Álvarez Bravo. Ihre überwiegend schwarz-weißen Fotografien zeichnen sich durch eine Bildsprache aus, die ebenso dokumentarische wie poetische Aspekte aufweist. Dabei setzt sie sich immer wieder mit Themen wie Tradition, Ritual, Gemeinschaft und Vergänglichkeit auseinander. Sie lebt und arbeitet in Mexiko-Stadt.
„Iturbides Werk untersucht die oft intimen Beziehungen zwischen Identität, Ritual und Gesellschaft. Mit großer Sensibilität nähert sie sich Menschen und Gemeinschaften, die sie porträtiert, und sucht in ihren Bildern das Poetische im Dokumentarischen“, erklärt das Kuratorinnenteam. Der Ausstellungstitel „Eyes to Fly With“ greift den Titel eines der Selbstporträts Iturbides auf und verweist auf deren Verständnis von Fotografie als einem „Mittel, die Welt wie auch das eigene Selbst zu erkunden, sich zu befreien und für neue Perspektiven zu öffnen“.
Frauen und ihre gesellschaftliche Rolle
Ein zentrales Thema der Ausstellung ist die Darstellung von „Frauen und ihrer gesellschaftlichen Rolle“. In den 70er- und 80er-Jahren fotografierte Iturbide die nomadische Gemeinschaft der Seri im Nordwesten Mexikos, „deren Lebensformen von Unangepasstheit gekennzeichnet sind“, wie die Kuratorinnen sagen. Ihre Aufnahmen gewähren eindrückliche Einblicke in ihren Alltag und zeigen die Vielschichtigkeit mexikanischer Kultur, in der präkoloniale und koloniale Kontinuitäten bis heute fortwirken. Mit der Arbeit „La Matanza“ schuf Iturbide einen eigenständigen Zyklus, der das rituelle Ziegenschlachten in der Mixteca-Region dokumentiert und verdeutlicht, wie Kolonialismus, Ritual, Überleben und Tod ineinandergreifen.
In den 1980er-Jahren porträtierte Iturbide zudem den Alltag der sogenannten Cholos und Cholas, einer mexikanisch-amerikanischen Subkultur, die sich unter anderem im Osten von Los Angeles entwickelt hat. Aus diesen Begegnungen entstand das Langzeitprojekt „White Fence“, das sie über mehr als drei Jahrzehnte hinweg fortführte. Ihre Fotografien eröffnen eine vielschichtige Perspektive auf Migration, Community und kulturelle Kontinuität im urbanen Raum. In ihrer fotografischen Auseinandersetzung mit der Casa Azul, dem berühmten Blauen Haus von Frida Kahlo, richtet Iturbide den Blick auf die noch spürbare Präsenz der Künstlerin. Jahrzehnte nach Kahlos Tod fotografierte sie persönliche Gegenstände –
Kleidung und Reliquien, die im Haus verblieben – und folgt damit den Spuren eines Lebens, das von Schmerz, Kreativität und Selbstbehauptung geprägt war.
„Die Fotografien heben die feinen Übergänge zwischen Leben und Tod, Leiden und Freude hervor und machen jene eng miteinander verwobenen Erfahrungsräume sichtbar, die in vielen ihrer Arbeiten eine zentrale Rolle spielen“, beschreiben die Kuratorinnen die Intention. Ergänzt wird die Retrospektive durch selten gezeigte Aufnahmen, die während ihrer Reisen nach Indien und Bangladesch entstanden.
Die dritte Ausstellung, die die Foundation am 6. Februar eröffnet, ist der Arbeit von Sheung Yiu gewidmet. In seinem Langzeitprojekt untersucht der in Finnland lebende Künstler, wie Gesichter in unterschiedlichen zeitlichen, kulturellen und technologischen Kontexten zu „Projektionsflächen für vermeintliche Vorhersagen von Charaktereigenschaften sowie der Zukunft einer Person“ verwendet werden. Anhand seines eigenen Gesichts verbindet Yiu traditionelle ostasiatische Praktiken des Gesichtlesens mit westlichen physiognomischen Theorien und den neuesten Verfahren computergestützter Gesichtserkennung.