Der Roman ist verästelt und phantastisch, beklemmend und komisch. Es geht um Literaturbesessene, Wahnsinnige und Folterer, mitunter in einer Person, und immer wieder um bedrohliche Keller. Im Mittelpunkt steht George, der sich dem Grauen aussetzt und vergeblich versucht, Rache zu nehmen.
Von seinem Vater weiß er wenig, offiziell ist dieser Offizier der US-Armee. Als er einen Mord begeht und im Irrenhaus landet, macht sich der Sohn auf die Suche nach dem Geheimnis des Vaters und reist nach Lateinamerika. Ab da setzt der Autor surreale Momente ein, Stilmittel, wie sie die lateinamerikanische Literatur gerne verwendet.
In Paraguay hatte der Vater unter dem Decknamen Egon Schiele für die Militärregierung unter Alfredo Stroessner Geheimgefängnisse entwickelt. Paradoxerweise wird George auf der Suche nach der Wahrheit über ihn in einem davon in der Hauptstadt Asunción acht Jahre in Einzelhaft festgehalten. Die Handlungsorte beschränken sich vornehmlich auf heruntergekommene Cafés, Irrenhäuser, Friedhöfe, Gefängnisse und Keller.
Nach der Lektüre, die durchaus als Wucht verstanden werden kann, bleibt aber ein zwiespältiger Eindruck. Es empfiehlt sich, „Unten leben“ in einem einzigen Rutsch zu lesen, weil so viele Namen und Orte auf den Leser, die Leserin einprasseln, der Autor aber aus dem ausgebreiteten Gespinst nach und nach die Fäden zusammenführt und immer wieder mit neuen, sich ergebenden Mustern überrascht. Eine verblüffend kunstvoll konstruierte Geschichte, aber eben konstruiert, mit allzu vielen unglaublichen Zufällen.
Der Peruaner Gustavo Faverón Patriau, der in den USA lateinamerikanische Literatur lehrt, schafft ein sprachgewaltiges Gemälde von 600 Seiten, das nicht rund und stimmig, sondern kantig, schräg, gebrochen, in unterschiedlichen Rhythmen und Stilen abläuft. Eine Straffung mancher Passagen hätte dem Ganzen gutgetan, das trotzdem als mächtiges Werk eines von furioser Fantasie und beachtlichem literarischen Wissen geprägten Autors im Gedächtnis bleibt.