Drei Fragen
„Auf den Märkten verloren“
Der deutsche Export ist keinesfalls eingebrochen, aber wir haben nicht profitiert von dem weltweit wachsenden Handel, so der Leiter Volkswirtschaft des Statistischen Bundesamtes, Michael Kuhn.
Herr Kuhn, laut Vorab-Abschluss 2025 lag das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2025 bei 0,2 Prozent, also kein Minus wie befürchtet. Wohin steuert Deutschland 2026?
Das Wachstum 2025 mit 0,2 Prozent ist sicherlich sehr niedrig. Die Treiber an der Stelle waren die privaten Konsumausgaben, die Staatsausgaben, gerade bei den Investitionen. Unternehmensinvestitionen oder der Hochbausektor sind leider nicht so gestiegen, wie man sich das eigentlich wünscht oder auf politischer Seite erhofft hat. Ganz im Gegenteil, sie sind massiv zurückgegangen. Das ist für unsere deutsche Wirtschaft mittelfristig betrachtet natürlich ein großes Problem, weil das die Grundlagen schafft für die zukünftige Wirtschaftsentwicklung.
Also das Investitions-Sondervermögen von 500 Milliarden Euro hat demnach noch nicht richtig gezündet? Zum Beispiel im Baugewerbe.
Das muss man unterscheiden: Wir sehen im Tiefbau, Straße oder Schiene einen deutlichen Anstieg der Investitionen, aber auch mehr in der gewerblichen Wirtschaft, also Industrie- und Büroimmobilien. Und da vermuten wir ganz stark, dass dies viele Infrastruktur-Projekte sind, die hier aufgelegt wurden. Im Bereich Wohnungsbau gibt es einen erheblich längeren Vorlauf und darum macht sich das in unserer Statistik vom letzten Jahr noch nicht bemerkbar. Die Sonderschulden werden vermutlich in diesem Jahr für uns bemerkbar greifen. Man darf nicht vergessen, das Sondervermögen ist ja erst im Frühsommer des vergangenen Jahres aufgelegt worden.
Wie bedenklich ist es, dass die Importe, also Einfuhren, 2025 über um fünf Prozent zugenommen haben, die Ausfuhren, sprich Exporte, erneut zurückgegangen sind?
Da wird deutlich, dass wir auf den internationalen Absatzmärkten letztlich ein bisschen verloren haben. Deutschlands Export ist aber nicht eingebrochen, wie teilweise berichtet wird, aber wir haben nicht profitiert vom wachsenden internationalen Handel. Die Konkurrenz aus China ist noch stärker geworden. Starke deutsche Export-Produktionsstrecken, wie Pkw-Bau, Maschinen oder chemische Industrie waren vor allem betroffen. Damit sind die Lieferungen von uns nach China um elf Prozent zurückgegangen. Interview: Sven Bargel
Bahn nicht mehr wintertauglich
Deutschland erlebte in den ersten zwei Wochen des neuen Jahres einen richtigen Wintereinbruch, mit ortsweise bis zu 17 Grad minus, Schnee und Eisregen. Die Bahn strich daraufhin vorsorglich viele Verbindungen im Fernverkehr zum Schutz ihrer Fahrgäste. Vorteil für die Bahn: Gestrichene ICE- und IC-Züge können nicht zu spät kommen und tauchen auch nicht in der Verspätungsstatistik auf, die im vergangenen Jahr einen neuen Negativrekord erreicht hat. Für den Mobilitätsexperten Prof. Christian Böttger wenig überraschend. Schuld daran ist die jahrzehntelange Vernachlässigung der Infrastruktur und Wettervorsorge. „Früher gab es überall Mitarbeiter, die den Schnee selbst weggeschippt haben“, bringt es Mobilitätsexperte Böttger auf den Punkt. Dabei verweist er unter anderem auf die Unterlassung, dass entlang der von Schneewehen bedrohten Hauptbahntrassen seit zwei Jahrzehnten im Herbst keine einfachen Schneegitter aus Holz mehr aufgestellt werden. „So kann sich die Natur dann tatsächlich austoben“, so Böttger.
Aus für das Kupfernetz
Die Bundesnetzagentur will den Umstieg auf Glasfaser forcieren: Ein neues Konzeptpapier sieht vor, die Deutsche Telekom zur lokalen Abschaltung veralteter DSL-Leitungen zu verpflichten. Ziel ist es, die Auslastung der Glasfaser-Infrastruktur zu steigern. Bisher ist die Resonanz verhalten: Rund 23 Millionen Haushalte nutzen noch DSL, obwohl das Glasfasernetz bereits 24,8 Millionen Haushalte erreicht. Die geplante Abschaltpflicht greift jedoch erst, wenn ein Gebiet zu mindestens 80 Prozent mit Glasfaser (FTTH) versorgt ist. Zudem müssen Wettbewerber ihre Netze für andere Anbieter öffnen („Open Access“), damit Kunden die Wahlfreiheit behalten. Frühestens 2030 könnten erste Regionen vom Kupfernetz gehen. Geplant ist eine dreijährige Informationspflicht für Kunden sowie ein Verkaufsstopp für DSL-Neuverträge zwei Jahre vor dem Stichtag. Die Telekom will selbst über den Abschaltzeitpunkt entscheiden, doch Netzagentur-Chef Klaus Müller sagte, der Wechsel auf Glasfaser sei ein „zukunftsorientiertes Upgrade“.
Immer mehr Milliardäre
Es gibt immer mehr Milliardäre auf der Welt und ihr Vermögen wächst. Das geht aus einem Bericht hervor, den die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam zum Start des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos veröffentlicht. Demnach besaßen die rund 3.000 Milliardärinnen und Milliardäre weltweit im vergangenen Jahr ein Vermögen von umgerechnet 15,75 Billionen Euro. Seit 2020 wurden sie inflationsbereinigt um mehr als 80 Prozent reicher. Gleichzeitig lebe fast die Hälfte der Menschheit in Armut, betont Oxfam. Dem Bericht liegen Daten der „Forbes“-Schätzungen zum Vermögen von Milliardären, der Weltbank und solchen aus dem UBS-Weltvermögensreport zugrunde. Im vergangenen Jahr sei das Vermögen der Milliardäre um rund 16 Prozent gewachsen, dreimal schneller als im Durchschnitt der Vorjahre. Die zwölf Reichsten hätten nun mehr Geld als die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung, das sind mehr als vier Milliarden Menschen.
Starker Trend zu Fertiggerichten
Unter Ernährungswissenschaftlern sind fertige Mahlzeiten in Dosen, Kunststoffverpackungen oder Tiefgefrorenes nicht gerade die erste Wahl. Doch die Deutschen bevorzugen immer mehr das Fertiggericht. Seit 2020 ist die Produktion in Deutschland um fast 26 Prozent angestiegen. Ravioli, Spaghetti oder ganze Mahlzeiten mit Fleisch, Beilage und Gemüse zum Aufwärmen sind der Renner bei den deutschen Konsumenten. Auch der Handelsverband hat dazu keine schlüssige Erklärung. Naheliegend: Die Menschen verbringen immer weniger Zeit in der Küche mit dem Zubereiten ihrer Mahlzeiten, derzeit sind es im Schnitt 41 Minuten am Tag. Nutznießer des Fertiggerichte-Boom sind die großen Lebensmittelkonzerne, die allein in Deutschland im vorigen Jahr 1,7 Millionen Tonnen hergestellt haben. Vor fünf Jahren waren es noch 1,4 Millionen Tonnen.
US-Außenpolitik
Freundlich und besorgt
Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) hat bei seinem Besuch in Washington ungeachtet der Irritationen über den Kurs von US-Präsident Donald Trump das transatlantische Verhältnis beschworen. Nach dem dreistündigen Treffen mit seinem US-Amtskollegen Marco Rubio berichtet Wadephul von einem „sehr freundschaftlichen Gespräch“. Beide, so der CDU-Politiker, seien sich bewusst, „dass wir enge Verbündete, enge Freunde sind“. Gleichzeitig weilte auch SPD-Vizekanzler Lars Klingbeil in der US-amerikanischen Hauptstadt und vermittelte einen anderen Eindruck: „Ich mache mir große Sorgen“ um das Verhältnis mit den USA. Man sehe, „dass die Differenzen immer größer werden“. Der Außenminister hielt dagegen, die USA stünden politisch wie auch militärisch in der Nato „voll und ganz an der Seite Europas“. Zur Ehrenrettung Wadephuls ist anzumerken, dass zum Zeitpunkt der Einlassung die jüngste Grönland-Attacke Donald Trumps mit Strafzöllen gegen Europa noch nicht bekannt war.
Neue E-Auto-Förderung
Wer ein Elektroauto kauft oder least, bekommt künftig je nach persönlichen Umständen und Fahrzeugart zwischen 1.500 und 6.000 Euro vom Staat. Wer weniger verdient oder Kinder hat, bekommt mehr innerhalb dieser Spanne.
Die Fördergrenze liegt bei einem Haushaltseinkommen von 80.000 Euro. Das wären rund 4.800 Euro bei Ledigen und 5.400 Euro bei Paaren, so das Bundesumweltministerium. Die Basisförderung liegt bei 3.000 Euro. Für Haushalte mit einem Einkommen von maximal 60.000 Euro gibt es 4.000 Euro, für Haushalte mit einem Maximal-Einkommen von 45.000 Euro 5.000 Euro. Pro Kind steigt die Förderung um 500 Euro, insgesamt um höchstens 1.000 Euro. Gebrauchtwagen werden nicht gefördert. Weniger Geld gibt es für sogenannte Plug-in-Hybride. Wer seinen Wagen gekauft oder geleast und ab dem 1. Januar neu zugelassen hat, kann die Förderung beantragen. Beantragen kann man die neue Förderung voraussichtlich aber erst ab Mai, wenn das entsprechende Internet-Portal an den Start gehen soll.
Bildung
Diskussion ums Dividieren
Niedersachsen will den Grundschulen des Bundeslandes künftig freistellen, ob Grundschulkinder das schriftliche Dividieren in Teilschritten lernen sollen. In Klasse fünf soll es dann verpflichtend sein. Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) erntete damit einen bundesweiten Shitstorm. Die Kritiker berufen sich auf verschiedene Bildungsstudien, wonach die deutschen Grundschulkinder schon jetzt an den Mindestanforderungen für Mathematik scheitern. Auch die jüngste Pisa-Erhebung bescheinigte knapp einem Drittel der 15-Jährigen enorme Defizite. Darum könne es nicht sein, nun noch einen Teil des Mathelehrplans einfach streichen zu lassen, so Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Das schriftliche Dividieren gehöre in die Grundschulbildung. „Wir drohen, die Leistungsanforderungen an unsere Kinder immer weiter zu senken. Das kann nicht gut sein“, so Düll. Er befürchtet, dass andere Bundesländer dem Beispiel folgen werden. Und nicht nur das: „Ich sorge mich auch, dass Leistungen immer weiter nach unten angepasst werden. Das kann nicht im Sinn der Gesellschaft und auch nicht der Demokratie sein.“
Index „Gute Arbeit Saar“
Massive Mängel
Die Arbeitswelt im Saarland steht unter massivem Druck. Das zeigt der aktuelle „Index Gute Arbeit Saar“ der Arbeitskammer (AK). Die repräsentative Befragung von knapp 800 Beschäftigten (Anfang 2025) offenbart erhebliche Defizite bei Gesundheitsschutz, Entlohnung und Altersvorsorge. Die Zahlen seien alarmierend, so die AK: 59 Prozent der Befragten arbeiten in ungünstiger Körperhaltung, 45 Prozent leiden unter ständigem Zeitdruck. Besonders kritisch: Fast die Hälfte (47 Prozent) glaubt nicht, die aktuelle Tätigkeit gesund bis zum Renteneintritt durchhalten zu können. Zudem berichten 14 Prozent von einem respektlosen Umgang am Arbeitsplatz. Auch die wirtschaftliche Lage ist prekär. Für 36 Prozent reicht das Einkommen kaum aus; 42 Prozent befürchten, dass ihre spätere Rente nicht zum Leben genügt. AK-Chef Jörg Caspar fordert die Politik zum Handeln auf: „Wir brauchen eine stärkere Tarifbindung, wirksame Kontrollen des Arbeitsschutzes und eine zukunftsfeste Rentenpolitik.“ Nur mit guten Bedingungen könne der Strukturwandel im Saarland gelingen.
Wiegand will’s wissen
Blickpunkt Europa
Europa steckt seit Wochen in der Grönland-Falle. Und die ist selbstgebaut. Kaum ein anderes Thema hat so schonungslos gezeigt, wie unvorbereitet die Europäische Union auf harte Machtpolitik reagiert. Wenn große Interessen kollidieren, schwankt Europa zwischen moralischer Empörung und strategischer Ohnmacht – es fehlt die klare Linie.
Grönland steht dabei symbolisch für weit mehr als die entlegene Insel im Eis. Es geht um geopolitischen Einfluss, militärische Präsenz, Zugang zu Ressourcen und um die Frage, wer in Zukunft Regeln setzt. Genau hier liegt Europas Dilemma: Die EU will Hüterin des Völkerrechts sein und zugleich als Machtfaktor ernst genommen werden.
Zu oft hat Europa darauf vertraut, dass andere Stabilität garantieren. Man setzte auf Appelle, Gipfeltreffen und Erklärungen. Diese Bequemlichkeit rächt sich dann, wenn Andere ihre Interessen rücksichtslos formulieren. Dann wird sichtbar, wie wenig Spielraum Europa hat, wie langsam Entscheidungsprozesse greifen und wie schnell nationale Reflexe gemeinsame Antworten blockieren.
Aus dieser Erfahrung lassen sich Lehren ziehen. Erstens muss Europa seine sicherheitspolitische Eigenständigkeit real ausbauen, nicht nur blumig versprechen. Zweitens braucht es eine gemeinsame Strategie für wichtige Regionen, Ressourcen und Abhängigkeiten. Drittens muss die EU lernen, Machtpolitik nüchtern zu denken und geschlossen zu handeln.
Grönland mahnt: Wer Regeln verteidigen will, muss auch bereit sein, sie durchzusetzen – notfalls unter Druck und ohne großes Palaver. Man kann nur hoffen, dass das endlich mal klappt. Es wird Zeit.
Wolf Achim Wiegand ist freier Journalist mit EU-Spezialisierung.