Die Füchse Berlin finden in die Erfolgsspur zurück, doch die Mission Titelverteidigung dürfte scheitern. Mit spektakulären Transfers will der Club in Zukunft aber wieder titelfähig sein.
So lange hatten die Füchse Berlin auf die Meisterschale warten müssen. Und als sie sie in der Vorsaison endlich überreicht bekamen und in den Trophäenschrank stellen konnten, war das Glück nur von kurzer Dauer. Im vergangenen November drangen Diebe in die Geschäftsstelle am Gendarmenmarkt ein und stahlen die Silberschale, die einen Materialwert von 12.500 Euro hat. Doch der emotionale Wert ist natürlich deutlich größer. Auch deswegen war Bob Hanning so verärgert. Er war zunächst von einem Insider-Job ausgegangen, denn: Es braucht einen Transponder, um die Aufzüge im Haus der Geschäftsstelle zu nutzen. Daraus machte sich Ex-Handballstar Pascal Hens einen Spaß. „Kretzsche, gut, dass du noch den Transponder für den Aufzug hattest, sodass ich da ohne Probleme reinkommen konnte“, sagte Hens im Podcast „Harzblut“ des Streamingdienstes DYN in Richtung des früheren Füchse-Sportvorstands Stefan Kretzschmar und hielt eine Schale hoch.
Neue Meisterschale nach Einbruch
Aber das war natürlich nicht die echte Meistertrophäe, und Kretzschmar war auch niemals im Besitz eines Transponders für den Fahrstuhl. „Ich hatte in der Geschäftsstelle gar kein Büro, nicht mal einen Schreibtisch“, sagte er lächelnd: „Wenn ich da reinwollte, musste ich immer unten klingeln.“ Später wurden zwei Verdächtige des Diebstahls gefasst. Die Polizisten durchsuchten deren Wohnungen und fanden einen eingeschmolzenen Sterling-Silberbarren und einen Schmelzofen vor. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Trophäe eingeschmolzen wurde. Doch die Füchse werden wohl eine neue Meisterschale bekommen, stellte Präsident Frank Bohmann von der Handball-Bundesliga in Aussicht. „Es wird wieder eine Meisterschale geben – und die werden wir nicht aus Pappe ausschneiden“, sagte er: „Wenn die Schale nicht gefunden werden sollte, werden wir schon dafür Sorge tragen, dass es am Ende dieser Saison eine neue Meisterschale geben wird.“
Es wird vermutlich die einzige bleiben in dieser Spielzeit, denn eine erfolgreiche Titelverteidigung erscheint aktuell höchst unwahrscheinlich. Nach 20 Spielen haben die Füchse bereits fünf Niederlagen auf dem Konto, doch vor allem die Souveränität des noch ungeschlagenen Spitzenreiters SC Magdeburg lässt selbst die Fans kaum noch an einen erneuten Coup glauben. Platz zwei und damit die erneute Qualifikation für die Champions League wäre schon ein Riesenerfolg – und selbst dafür braucht es nach der Ligapause wegen der Handball-EM eine erfolgreiche Aufholjagd. Daran ändern auch die vier jüngsten Siege gegen Göppingen, Hamburg, Minden und Wetzlar nichts. Die ruckelige Startphase mit den überraschenden Trennungen von Sportvorstand Kretzschmar und Meistertrainer Jaron Siewert kostete Berlin eine bessere Platzierung.
Doch spätestens 2027 sollen die Füchse wieder ein heißer Kandidat auf den Titel sein. Dafür bastelt Geschäftsführer Hanning an einem Kader, der sich hinter den Branchengrößen aus Magdeburg und Kiel wahrlich nicht verstecken muss. Allen voran die Verpflichtungen der Starspieler Dika Mem und Simon Pytlick sorgen schon jetzt für riesengroße Vorfreude bei den Füchsen auf die Spielzeit 2027/28, dann werden beide spätestens im Füchse-Trikot zu sehen sein. Mem wechselt 2027 nach Ablauf seines Vertrags beim FC Barcelona nach Berlin, wo er einen Vierjahresvertrag unterschrieben hat. Pytlick wird ebenfalls spätestens 2027 von der SG Flensburg-Handewitt kommen.
Wenn Mem und Pytlick dann gemeinsam mit Welthandballer Mathias Gidsel auflaufen, dürften die Füchse den besten Rückraum im Club-Welthandball stellen. Natürlich gehen die Füchse mit den spektakulären Transfers auch ins Risiko. Aber man wisse, erklärte Hanning, „dass wir Mathias Gidsel eine Mannschaft hinstellen müssen, die konkurrenzfähig ist und in den nächsten Jahren um die Weltspitze mitspielen kann“. Der dänische Superstar hatte bei seiner letzten Vertragsunterschrift bis 2029 verlängert, doch die Unruhe und die durchschnittlichen Leistungen zu Saisonbeginn dürften ihn ins Grübeln gebracht haben. Mittelmaß ist mit Gidsel nicht zu machen. Mit den Neuzugängen Mem und Pytlick wäre Mittelmaß auch nicht mehr vermittelbar.
Vor allem die Verpflichtung von Mem löste bei den Füchsen eine große Euphorie aus. Der 28-Jährige verkörpert absolute Weltklasse. In seiner Karriere hat er alle wichtigen Titel gewonnen: Olympiasieg (2021), WM-Gold (2017) und EM-Gold (2024). Dazu drei Champions-League-Siege mit dem FC Barcelona. Laut Clubangaben kommt der gebürtige Pariser im Vereinshandball auf über 50 Titel. „Es gab viele Entscheidungswege und Möglichkeiten für ihn“, sagte Hanning: „Wir haben uns maximal um ihn bemüht, und je mehr wir ihn kennengelernt haben, desto begeisterter waren wir und desto mehr haben wir diesen Transfer gewollt.“ Für Mem fühlt es sich „richtig an, den Schritt in die Bundesliga zu wagen“. Er freut sich schon auf das Zusammenspiel mit seinen neuen Teamkollegen ab 2027: „Diese Gruppe wird besonders sein und mit ihr wollen wir Besonderes leisten.“
39 Jahre und noch immer nicht müde
Dafür braucht es aber auch auf der Torhüter-Position eine Weltklasse-Besetzung. Nachdem Dejan Milosavljev angekündigt hatte, seinen am Saisonende auslaufenden Vertrag nicht verlängern und eine neue sportliche Herausforderung suchen zu wollen, intensivierten die Verantwortlichen die Suche nach einem Nachfolger. Medienberichten zufolge soll es Andreas Palicka sein. Der schwedische Nationaltorhüter spielt aktuell in der norwegischen Topliga, er lief aber auch schon in der Bundesliga für THW Kiel und die Rhein-Neckar Löwen auf. Vor allem seine Zeit in Kiel war mit sechs Meistertiteln höchst erfolgreich. Inzwischen ist Palicka zwar schon 39 Jahre alt, doch für einen Handball-Torwart ist das nicht unbedingt ein Nachteil.
Aber die Füchse setzen in Zukunft nicht nur auf den Faktor Erfahrung. Kürzlich konnte der Club die Jungstars Nils Lichtlein, Tim Freihöfer, Matthes Langhoff und Lasse Ludwig langfristig an sich binden. Alle vier Spieler wurden in der Nachwuchsabteilung des Clubs ausgebildet, krönten sich 2023 zu U21-Weltmeistern und schafften den Durchbruch im Profibereich. Inzwischen werden sie auch regelmäßig zur A-Nationalmannschaft eingeladen, entsprechend begehrt waren sie auch auf dem Markt. Doch Hanning tat alles, um das Quartett zu halten. „Wir wollen eine Weltklasse-Mannschaft aufbauen, aber die DNA des Clubs nie verkaufen“, sagte der Geschäftsführer: „Das ist unsere DNA, von unten nach oben auszubilden. Und diese vier Spieler stehen neben Fabian Wiede und Paul Drux wie keine weiteren für diesen Club und die Philosophie. Das Schöne ist, dass die nächste Generation schon wieder an der Tür klopft.“
Das bedeutet aber auch, dass nicht für alle Platz ist. Rückraumspieler Max Beneke zum Beispiel sieht auch angesichts der Top-Verpflichtungen auf seiner Position keine Zukunft mehr in Berlin und wechselt im Sommer zu Frisch Auf Göppingen. In dieser Saison ist der 22-Jährige bereits an den ThSV Eisenach ausgeliehen. Sein bis 2027 laufender Vertrag in Berlin wird aufgelöst. „Es ging um die Entscheidung, die beste Möglichkeit für Max zu finden“, erklärte Hanning: „Diese hat Max aus seiner persönlichen Sicht in Göppingen.“