Der neue Teil von James Camerons „Avatar“-Saga führt auf die dunkle Seite des Planeten Pandora. Auch Sam Worthington und Stephen Lang als Jake Sully und Colonel Quaritch treffen wieder aufeinander und liefern sich eine erbitterte Schlacht.
Mr. Worthington, Mr. Lang, war es diesmal leichter für Sie, in die „Avatar“-Stimmung zu kommen, als beim letzten Mal? Zwischen „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ und „The Way of Water“ lagen immerhin 13 Jahre. Bei „Fire and Ash“ nur drei.
Sam Worthington: Ja, und das lag vor allem daran, dass wir „The Way of Water“ und „Fire and Ash“ parallel drehten. Sie sind ja eigentlich auch ein Film. Als ich das Drehbuch bekam, waren beide Geschichten in einem dicken Skript zusammengefasst. Es gab diesen großen, dramatischen Bogen, und so konnten wir uns bereits darauf vorbereiten, wie sich unsere Charaktere in „Fire and Ash“ weiterentwickeln würden.
Stephen Lang: Wichtig war auch, dass es eigentlich keinen Bruch zwischen den beiden Filmen gibt. Denn die Geschichte geht ja genau da weiter, wo die vorige Geschichte aufhörte. Die große „Avatar“-Saga wird einfach weitergeführt … Das hat uns sehr geholfen, in der von Ihnen angesprochenen richtigen Stimmung zu bleiben.
Die Performance-Capture-Technik ist auch dieses Mal wieder phänomenal. Aber sie unterscheidet sich doch wesentlich vom „normalen“ Schauspielen. Wie sind Sie denn mit den Anzügen, den Kameras, die an Ihrem Kopf befestigt waren, und den vielen Punkten in Ihrem Gesicht zurechtgekommen?
Worthington: Viele denken ja, dass uns das als Schauspieler behindert. Aber das Gegenteil ist der Fall. Es gibt viel mehr Ablenkungen und Irritationen an einem konventionellen Filmset. Denn da gibt es Dolly-Tracks, Steadycams und andere Kameras, da wird ständig neu vermessen und ausgeleuchtet und es gibt auch viele Leute um einen herum. Und wenn man mir dann sagt: „Jetzt machen wir Großaufnahmen!“, dann ist das für mich das Nervenaufreibendste, was ich mir vorstellen kann. Bei der Performance Capture bin ich immer im Close-up. Auch bei den weiten Kameraeinstellungen oder in Kampfszenen. Das ist für mich sehr befreiend. Wir als Schauspieler müssen uns dann nicht um die Kameraposition kümmern oder um das Licht und so weiter … sondern können uns ganz und gar auf die Schauspielerei konzentrieren. Deshalb ist die Performance-Capture-Technik so kreativ und einzigartig. Es wird zwar eine große Präzision verlangt, aber innerhalb dieser Vorgabe gibt es die komplette Freiheit.
Lang: Wenn ich mit Sam auf einem normalen Filmset interagiere, ist die absolut wichtigste Beziehung, die ich da habe, nicht mit Sam, sondern mit der Kamera. Normalerweise spielt man immer nur für die Kamera. Aber hier existiert dieses Problem nicht. Da entsteht pures Schauspiel – auf höchstem und ehrlichstem Niveau. Das blaue Make-up und die Verkleidung akzeptieren wir einfach. Ich lege meinen Performance-Capture-Anzug an, als würde ich eine Marineuniform anziehen.
Man kann Ihr Gesicht – trotz aller nachträglichen Veränderungen – immer erkennen. War das eine Forderung an den Regisseur, dass er Sie auf der Leinwand nicht unkenntlich erscheinen lässt?
Lang (lacht): Nein, ich war so froh, mit dabei sein zu dürfen, dass ich zu Jim Cameron sagte: „Es ist mir völlig egal, ob man mein Gesicht erkennt oder nicht. Lass mich nur spielen!“ Und ich erzähle Ihnen auch noch gern den rührendsten Moment, den ich je in meiner Karriere erlebt habe: Das war, als ich das Skript zum ersten „Avatar“-Film in der Post hatte. Und sich James Cameron dafür bedankt hat, dass ich es lese. So viel Anerkennung und Mitgefühl habe ich in meiner ganzen Laufbahn als Schauspieler nicht bekommen. Ich hatte ja schon vor „Avatar“ eine Karriere; da lief es manchmal gut und manchmal war es auch sehr frustrierend.
Worthington: Beim ersten Film versprach mir Jim, wenn ich mit ihm zusammen auf diese lange Reise gehe, dann wird er mich als Schauspieler immer anerkennen. Ich bin ein Schauspieler, der sehr feinfühlig vor der Kamera agiert. Für mich ist Performance Capture wie ein digitales Make-up. Im Gegensatz zum echten Make-up. Wenn ich zum Beispiel Frankensteins Monster spielen würde, dann würde man mein Gesicht vollkommen mit dickem Make-up zukleistern. Da wäre es sehr schwierig, Zwischentöne und subtile, verfeinerte Gesichtsausdrücke durch diese Prothese rüberzubringen. Doch bei diesem Film wird jede Nuance aufgezeichnet, jedes Atemholen. Da kann man sich als Schauspieler nicht verstecken. Oder so tun als ob. Denn alles, jede kleinste Bewegung oder das Zucken der Augenlider, wird aufgezeichnet und ist später zu sehen. Da entsteht Wahrhaftigkeit, oder wie Stephen sagte: etwas Pures.
Auch dieser Film entführt uns wieder in eine Wunderwelt voller grandioser Szenarien mit Bildern von visueller Brillanz …
Worthington: … wobei das Wichtigste doch nach wie vor die Menschen darin sind. Wir sind es doch, die diese scheinbar einfache Story voll wunderschöner Bilder mit Leben erfüllen.
Wie haben sich Ihre Figuren in „Fire and Ash“ denn weiterentwickelt?
Worthington: Ich will jetzt nicht zu viel verraten … Jake ist natürlich immer noch an seinen Code gebunden. Er zeigt aber diesmal noch mehr Verantwortungsbewusstsein und Menschlichkeit. Er hat inzwischen viel von den Na’vi gelernt. Diesmal wird seine Ehe mit Neytiri durch die Umstände sehr belastet und die beiden müssen erst einmal gemeinsam lernen, wie sie die Krise bewältigen können. Dann erinnert sich Jake auch wieder an seine ursprüngliche Bestimmung … und muss dann mit den Konsequenzen fertig werden …
Lang: Colonel Quaritch ist zwar immer noch auf einem Rachefeldzug gegen Jake, aber in diesem Film scheint das Konzept der Rache langsam zu zerfleddern. Es fühlte sich für mich wie ein alter Song an, der sich ausgeleiert hat. Aber andererseits war es ja auch von Anfang an seine Mission, Jake zu töten. Doch inzwischen ist er nicht mehr so felsenfest überzeugt von sich und seinem Auftrag wie zu Beginn.
Es geht im Film auch um Verlust und Trauerarbeit. Wie gehen Sie denn im wirklichen Leben mit dem Verlust eines geliebten Menschen um?
Worthington: Das ist mir zu persönlich.
Lang: Ich kann Ihnen da nur sagen: weitermachen! Man atmet tief durch und kümmert sich um die Aufgaben, die der Alltag einem stellt. Man sollte sich von der Trauer nicht unterkriegen lassen. Es gibt ja keine Alternative. Zum Glück habe ich bis jetzt immer noch die Kraft gefunden, auch etwas Gutes im Leben zu entdecken.
Eine weitere Botschaft des Films ist, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, wo wir alle transformiert werden und vereint sind. Eine sehr religiöse Konnotation. Können Sie damit etwas anfangen?
Lang: Sie meinen, ob ich daran glaube, dass es ein Leben nach dem Tod gibt? Auch das ist eine sehr persönliche Frage. Ich würde mich sehr freuen, wenn mit dem Tod nicht alles zu Ende wäre und ich meine Mutter wiedersehen könnte. Ich bin da sehr offen.
Ist Performance Capture die Zukunft? James Cameron legt ja sehr großen Wert darauf, dass in seinem Film nichts per Künstlicher Intelligenz hergestellt wurde und er auch weiterhin die Arbeit seiner Schauspieler respektieren und schätzen will. Aber KI ist doch schon sehr weit fortgeschritten – gerade auch im Filmbusiness. Macht Ihnen das keine Sorgen?
Worthington: KI ist ein Werkzeug. Das sollte man dort einsetzen, wo es Sinn macht. Schauspieler durch KI zu ersetzen, halte ich nicht nur für unmöglich, sondern auch für einen Affront. Wie jede neue Technologie kann sie natürlich auch für sehr schädliche Zwecke benutzt werden. Es wäre auch vor allem ein Affront gegenüber James Cameron. Denn er liebt und verehrt seine Schauspieler wirklich. Ich glaube, die meiste Freude beim Filmen machen ihm die Schauspieler.
Science Fiction ist – wenn sie gut ist – auch ein Spiegel der menschlichen Existenz. Welche Botschaft, welche Moral nehmen Sie aus „Fire and Ash“ mit?
Worthington: Dass alles mit allem zusammenhängt und verbunden ist. Dass wir die Welt, wie sie ist, schützen müssen vor weiterer Zerstörung und Entmenschlichung. Und uns bewusst werden, dass wir alle etwas dafür tun können, dass es nicht so weit kommt. Und dass wir als Familien zusammenhalten müssen, denn nur dann sind wir stärker als alleine. „Fire and Ash“ ist auch ein Film, der zeigt, dass wir für das Gute im Leben und für das, was wir lieben, bereit sein müssen zu kämpfen.
Lang: Mich hat sehr beeindruckt, dass Jim Cameron in „Fire and Ash“ auch zerrüttete Familien zeigt und sie mit ihren Problemen und Konflikten ins Zentrum der Geschichte stellt. Das fand ich sehr mutig. Das sieht man sonst eigentlich nicht in Blockbuster-Movies.
Welcher ist wohl Ihr Lieblings-Cameron-Film?
Lang: Oh, da gibt es viele, die mir gefallen. Aber ich habe eine Schwäche für „Titanic“. Denn der Film ist in jeder Hinsicht einzigartig. Und es ist ein Film, der einem das Herz bricht. Außerdem liebe ich „My Heart Will Go On“ von Céline Dion. Ich singe den Song immer noch unter der Dusche.
Worthington: Es fällt mir schwer, darauf zu antworten. Als ich 29 Jahre alt war, hatte ich das Glück, zum ersten Mal Jim Cameron in seinem Büro zu treffen. Ich ging den Korridor zu seinem Zimmer entlang und da hingen all die Poster zu seinen Filmen. Das war zum einen sehr einschüchternd und dann auch wieder ganz wunderbar.