Die Eisbären Berlin kommen in dieser Saison nicht so richtig in Fahrt. In der spielfreien Zeit wegen der Olympischen Winterspiele will sich der Meister für den Hauptrunden-Endspurt einstimmen.
Tobias Eder ist auch ein Jahr nach seinem Krebstod unvergessen bei den Eisbären Berlin. Dafür sorgt auch ein Ort des Gedenkens in der Uber Arena: Eine Granittafel mit dem Namen sowie Geburts- und Todesdatum erinnert an den Eishockeyspieler, der am 29. Januar 2025 im Alter von nur 26 Jahren starb. „Immer wenn ich an diesem Ort nach dem Training oder Spiel vorbeigehe, bekomme ich Gänsehaut“, sagte der langjährige Eisbären-Manager der „Sport-Bild“: „Doch ich bin ein positiver Mensch. Ich erinnere mich dann an den Tobi Eder, der jeden Tag mit einem Lächeln zum Training kam, an den stets freundlichen und immer zum Lachen aufgelegten tollen Menschen.“ Am ersten Todestag war der Schmerz über den Verlust noch mal präsenter als sonst – vor allem für Andreas Eder. Der 30-Jährige spielt seit Saisonbeginn in Berlin und wird jeden Tag fast zwangsläufig mit dem Tod seines Bruders konfrontiert.
„Im Moment ein Stück weit davon entfernt“
„Es gibt Tage, da läuft alles super, ich fühle mich echt gut. Aber es gibt auch Tage, da kommt alles wieder hoch. So, als wäre es erst gestern gewesen“, sagt er. Auf seinen Schlägern stehen der Name „Tobi“ und dessen frühere Rückennummer „22“ geschrieben. Und auch sonst versucht Andreas Eder erst gar nicht, das Thema kleinzuhalten. Er beantwortete gar eine etwas befremdlich anmutende Frage der „Bild“-Zeitung, was sein Bruder wohl zur aktuell schwierigen Situation der Eisbären in der Deutschen Eishockey Liga sagen würde. „Aufgeben ist keine Option. Genau das, was Tobi zu seiner Situation sagte. Wir müssen als Mannschaft da durch“, sagte der Stürmer. Der Titelverteidiger und Rekordmeister verabschiedete sich mit zwei Niederlagen in Serie in die vierwöchige Olympia-Pause, der Frust über den bisher enttäuschenden Saisonverlauf ist groß. Das dynamische und vor allem erfolgreiche Eisbären-Hockey ist aktuell nur selten zu sehen.
„Wir sind im Moment auf jeden Fall ein Stück weit davon entfernt“, gibt Kapitän Kai Wissmann zu. Der Verteidiger und andere Nationalspieler sowie Headcoach Serge Aubin, der als Assistent von Bundestrainer Harold Kreis im Betreuerstab der deutschen Mannschaft steht, können sich bei den Olympischen Winterspielen in Mailand ablenken und neues Selbstvertrauen holen. Die Daheimgebliebenen sollen nach einer kürzeren Pause im Training an den Defiziten arbeiten. „Wir müssen unsere Identität wiederfinden“, forderte Trainer Aubin. Das ist auch zwingend notwendig, denn das Hauptziel der Hauptrunde – ein Platz unter den besten Sechs und damit das direkte Viertelfinal-Ticket – ist in Gefahr. Die Eisbären liegen als Siebter drei Punkte hinter den Pinguins aus Bremerhaven zurück. Die Top-5 sind schon zu weit enteilt, als dass die Berliner sie in den acht noch ausstehenden Partien wirklich noch einholen könnten. Der Druck beim Heimspiel-Doppelpack am 25. und 27. Februar gegen die Straubing Tigers und die Iserlohn Roosters wird groß sein. Denn der Umweg über die Pre-Play-offs droht.
Der ERC Ingolstadt wurde 2014 sogar nach einem Hauptrundenplatz neun am Ende noch Meister, und auch die Eisbären haben in der Vergangenheit oft genug bewiesen, dass sie in der entscheidenden Saisonphase den Turnaround noch schaffen können. Deswegen ist in Berlin noch keine Panik angesagt. „Ich denke, wir werden nach der Pause noch mal ein anderes Gesicht zeigen können“, sagt Wissmann. In der spielfreien Zeit in der DEL sollen vor allem die Akkus aufgeladen und Blessuren auskuriert werden. „Die Pause kommt zur rechten Zeit“, sagt Trainer Aubin, „alle mussten viel leisten“. Aber Ausruhen alleine dürfte nicht reichen. Es gibt viele Baustellen, die das Team bearbeiten muss. „Ich denke, es gibt einige Bereiche, in denen wir uns verbessern können“, gibt Wissmann zu. Torwartspiel, Über- und Unterzahlspiel, Defensivverhalten, Abschluss – es mangelt fast in allen Bereichen an Konstanz. In vielen Statistiken rangieren die Berliner nur im Mittelfeld – und genau das spiegelt auch ihr Tabellenplatz wider. Auch das Miteinander, das gegenseitige Unterstützen sei ausbaufähig, monierte Wissmann. Gerade in engen Momenten ist aber genau das spielentscheidend.
Aktuell sieht nur wenig nach dem zwölften Meistertitel für den DEL-Rekordchampion aus. Doch das muss nichts heißen. Die Berliner sind in der Liga als „Play-off-Monster“ gefürchtet, das gerade in den K.-o.-Duellen besonders gefährlich ist. „Man darf die Eisbären nie abschreiben“, sagt Jens Baxmann. Der frühere Meisterspieler der Eisbären ist mittlerweile Sportdirektor bei Ligakonkurrent Dresdner Eislöwen, er verfolgt das Geschehen beim Hauptstadtclub aber nach wie vor aus der Ferne. Seiner Meinung nach sei das Verletzungspech ein Hauptgrund dafür, warum die Mannschaft so wenig eingespielt wirkt. „Aber wenn der ein oder andere zurückkehrt, sich die Mannschaft festigt und ein paar Erfolgserlebnisse holt, dann sind sie immer gefährlich“, meint Baxmann: „Dann können sie auch wieder jeden Gegner schlagen.“
„Irgendwann kommt das Meister-Gen“
Auch Club-Idol Sven Felski hält nichts von Schwarzmalerei. „Erstens werden Meisterschaften nicht jetzt, sondern im April entschieden. Und auch Spitzenreiter Köln wird nicht immer gewinnen, wie zum jetzigen Zeitpunkt“, sagt der frühere Stürmer. Tabellenführer Kölner Haie führt die Tabelle mit herausragenden 101 Punkten nach 44 Spielen souverän an und sind inzwischen klarer Titelfavorit Nummer eins. Aber das bedeute gar nichts, betont Felski: „Ich erinnere an unsere Saison, als wir 2009/2010 mit 123 Punkten und 25 Zählern Vorsprung auf den Zweiten Frankfurt unangefochten Hauptrundensieger wurden und dann in der ersten Play-off-Runde am Achten Augsburg scheiterten.“ Der 51-Jährige ist sich sicher: „Die Eisbären werden noch einen Zahn zulegen und als Sechster in die Play-offs marschieren. Dann möchte keine Mannschaft gern gegen Berlin antreten.“ Woran er diesen Optimismus festmacht? „Irgendwann kommt das Meister-Gen bei den Eisbären wieder raus“, antwortet Felski, „und wir sehen Eisbären-Eishockey“.
Klingt ein wenig nach dem Prinzip Hoffnung. Und die trägt vor allem Liam Kirk auf seinen Schultern. Auf den flinken Außenstürmer war auch in schwächeren Partien zuletzt immer Verlass, der Brite kommt auf starke 50 Scorerpunkte (30 Tore, 20 Assists) in 44 Spielen. „In letzter Zeit habe ich einen Lauf. Ich versuche, in jedem Spiel mein Bestes zu geben und an den Kleinigkeiten zu arbeiten“, sagte Kirk. Dass der 25-Jährige in dieser Saison so sensationell durchstartet, freut auch Stéphane Richer. Der Sportdirektor hatte den damals eher unbekannten Kirk 2024 an die Spree geholt. „In den letzten Spielen hat er sein Glück gefunden“, schwärmt Richer: „Er ist ein Top-Spieler für die Liga. Wir wissen, was wir an Liam haben.“ Klar ist, dass die Club-Bosse den Leistungsträger gern länger an sich binden wollen. Kirks Vertrag läuft am Saisonende aus, Gespräche über eine Verlängerung dürften im Hintergrund bereits angelaufen sein. Auch wenn der Sportdirektor dazu ausweichend sagt: „Wir gehen während der Saison nicht mit Verhandlungen oder Vertragsverlängerungen an die Öffentlichkeit.“ Denn die Eisbären wollen die Saison weiterhin mit einem Titel beenden – auch wenn aktuell nicht viel dafür spricht.