Es ist wieder Super-Bowl-Zeit. Die New England Patriots wollen eine neue Ära starten, die Seattle Seahawks wollen Revanche. Beim NFL-Finale ist aber auch einer omnipräsent, der gar nicht erscheinen will.
Donald Trump ist in Kalifornien für viele Menschen ein rotes Tuch. Mit seiner aggressiven Politik und seiner Entscheidung, die Nationalgarde des Bundesstaates in Los Angeles wegen angeblicher Unruhen einzusetzen, hat sich der US-Präsident dort keine Freunde gemacht. Zumal der Gouverneur des US-Bundesstaates Kalifornien, Gavin Newsom, einer der größten und lautstärksten Trump-Kritiker ist und bei der kalifornischen Bevölkerung viel Rückhalt erfährt. Und so atmeten auch viele erleichtert auf, als Trump vor rund zwei Wochen sein Fernbleiben vom Super Bowl LX verkündete. Denn das Mega-Event findet in diesem Jahr in der Nacht zu Montag (9. Februar, deutsche Zeit) im kalifornischen Santa Clara statt. Ein Auftritt dort wäre für den höchst unbeliebten Trump zu einem Spießrutenlauf geworden. Im Vorjahr war der Republikaner beim Finale der nordamerikanischen Profiliga NFL live vor Ort in New Orleans gewesen, es gab sowohl Jubel als auch Buh-Rufe. Die negativen Reaktionen in Santa Clara wären sicher heftiger gewesen, vielleicht gab es auch sicherheitsrelevante Bedenken. Offiziell sagte Trump aber aus anderen Gründen ab.
Blick auf das Rahmenprogramm
„Es ist einfach zu weit weg“, sagte der 79-Jährige der „New York Post“. Er behauptete: „Ich würde hingehen. Ich habe großartige Karten für den Super Bowl bekommen, sie mögen mich.“ Wer ihn aber auf jeden Fall nicht mag, sind Bad Bunny und die Band Green Day. Die Musiker kritisierten in der Vergangenheit öffentlich die Politik der Trump-Regierung – und sind nun die Stars der Eröffnung und der mit Spannung erwarteten Halbzeitshow beim größten Einzelsportevent des Jahres in den USA. „Ich bin dagegen. Ich halte das für eine schreckliche Entscheidung. Das schürt nur Hass. Schrecklich“, sagte der US-Präsident über die Besetzung des Unterhaltungsprogramms. Ob und wie der puerto-ricanische Rapper Bad Bunny die riesige Bühne für eine politische Botschaft nutzen wird, ist offen. Klar ist, dass die Verantwortlichen einen Eklat vor geschätzten 120 Millionen Zuschauern weltweit unbedingt vermeiden wollen. Seit dem sogenannten „Nipplegate“ beim Super Bowl 2004, als Justin Timberlake die Brust von Janet Jackson entblößte und damit einen kollektiven Aufschrei im konservativen Teil der USA auslöste, werden die Live-Shows um einige Sekunden zeitversetzt ausgestrahlt. So bleibt der Regie die Möglichkeit, bei unliebsamen Vorkommnissen rechtzeitig auf eine andere Kamera zu schalten.
Der Sport steht angesichts der gesellschaftspolitischen Ereignisse in den USA diesmal etwas im Hintergrund. Dennoch fiebern wieder Millionen Fans in Amerika dem Spektakel mit dem eiförmigen Ball entgegen. Vielleicht kann der Sport das Land, das durch die gesellschaftspolitischen Unruhen tief gespalten ist, sogar für einen kurzen Moment wieder vereinen. Auch die Finalpaarung im Levi’s Stadium von Santa Clara verspricht Spannung: Seattle Seahawks gegen New England Patriots. Beide Teams zogen auf höchst unterschiedliche Weise in den Super Bowl ein. Die Seahawks lösten in einem Highscoring Game gegen die Los Angeles Rams mit 31:27 ihr Finalticket, die Patriots behielten im Schneetreiben von Denver gegen die Broncos mit 10:7 die Nerven. Die Finalpaarung hatte vor der Saison wohl kaum jemand auf dem Zettel. Vor allem die Patriots, die in den zwei Spielzeiten zuvor nur jeweils vier Siege einfahren konnten, gingen nur als Außenseiter an den Start. Doch Headcoach Mike Vrabel formte aus der Mannschaft wieder einen Titelkandidaten, der nun sogar Geschichte schreiben kann: Mit einem siebten Titelgewinn wäre die Franchise alleiniger Rekordhalter in der NFL.
New England siegte zuletzt 2019
Die Vince Lombardi Trophy gewann New England zuletzt 2019 – zum Ende der langen Erfolgsära mit Star-Quarterback Tom Brady und Headcoach Bill Belichick, in der auch Vrabel mit drei Titeln als Spieler maßgeblich beteiligt war. „Ich freue mich riesig für Mike Vrabel, meinen ehemaligen Teamkollegen“, sagte Superstar Brady über den heutigen Patriots-Trainer. „Er ging nach New England und niemand war sich so recht sicher, wie es dort laufen würde – zwei Saisons in Folge mit nur vier Siegen und 13 Niederlagen.“ Der Sieg im Spiel um die Meisterschaft in der American Football Conference auswärts in Denver, der von einem großen Schneetreiben begleitet war, begeisterte auch Brady. „Ich weiß, wie schwer das ist“, sagte der siebenmalige Super-Bowl-Gewinner. „Wenn man das Meisterschaftsspiel auswärts gewinnt, bestätigt das viele der Werte, die sie verkörpern wollten. Es ist einfach unglaubliche Freude und Begeisterung.“
Keine Frage: Brady wird in seiner kalifornischen Heimat vor Ort sein und seine Ex-Franchise anfeuern. Auch dessen ehemaliger kongenialer Teamkollege Rob Gronkowski hält natürlich zu den Patriots. Der frühere Tight End sprach von einer der „beeindruckendsten Wendungen im Sport, wenn man bedenkt, wo die Patriots letztes Jahr standen“. Doch mit Vrabel als Headcoach wendete sich das Blatt. Der 50-Jährige kann gegen Seattle die Überraschungssaison krönen und sich selbst ein Denkmal setzen: Bei einem Sieg wäre er der erste NFL-Profi, der sowohl als Spieler als auch als Trainer mit demselben Team den Super Bowl gewinnen konnte. Seine Spieler würden es ihm von Herzen gönnen, denn Vrabel coacht dem Vernehmen nach mit sehr viel Herz und Empathie. „Er ist vielleicht der beste Coach, den ich je hatte“, sagte Receiver Stefon Diggs. „Sein Vertrauen in uns ist riesig. Ich verdanke ihm viel.“ Und Tight End Hunter Henry bestätigte das: „Unser Coach steht hinter uns. Egal, was passiert.“
Vrabel ist keiner für die One-Man-Show. Als ehemaliger Linebacker fühlt er sich in der Defensive zu Hause, für die stockende Offensive suchte er sich vor der Saison Verstärkung im Staff – und fand diese in Josh McDaniels. Der einstige Brady-Förderer kurbelte als Offensive Coordinator das Spiel der Patriots an und brachte neue Ideen ein, die vor allem Quarterback Drake Maye entlasteten. Denn als Alleinverantwortlicher war das junge Talent sichtlich überfordert. Auch vom neuen Quarterback-Coach Ashton Grant profitiert Maye sichtbar. Dass die Offensive mit Spielern wie Tackle Will Campbell sowie den Wide Receivern Mack Hollins und Stefon Diggs personell kräftig aufgepäppelt wurde, half Maye natürlich ebenfalls. Wobei dem 23-Jährigen niemand helfen kann, eines zu ertragen: die ständigen Vergleiche mit Tom Brady. Seit seinem Erstrunden-Pick 2024 ist er dazu auserkoren, bei den Patriots die Quarterback-Lücke zu schließen, die Brady mit seinem Rückzug 2020 nach 20 größtenteils erfolgreichen Jahren hinterlassen hatte. Der GOAT, der Größte aller Zeiten, ist zunehmend begeistert von seinem auserwählten Nachfolger. „Ich hätte vielleicht selbst eine ordentliche Karriere hingelegt, wenn ich einige Dinge könnte, die dieser Junge kann“, scherzte Brady kürzlich.
Darnold spielt nicht für die Galerie
Der Quarterback bei den Seahawks spielt weniger spektakulär, dafür aber konstanter. Der 28-jährige Sam Darnold galt einst – genau wie sein Gegenüber Maye – als Riesentalent, doch seine erste Station bei den New York Jets floppte. Danach folgten wenig erfolgreiche Back-up-Rollen bei den Carolina Panthers und den San Francisco 49ers. Als Ersatzmann bei den Minnesota Vikings profitierte er in der Vorsaison von Verletzungen anderer und machte durch starke Leistungen Seattle auf sich aufmerksam. Die Verpflichtung zahlte sich vor allem im Meisterschaftsspiel der National Football Conference gegen Los Angeles aus: Darnold glänzte mit 346 Passing Yards und drei Touchdown-Pässen. „Es ist unglaublich, dass ich das mit diesen Jungs in dieser Umkleidekabine und mit diesem Trainerstab erleben kann. Das bedeutet mir sehr viel“, sagte der Spielmacher.
Darnold ist keiner, der für die Galerie spielt. Er wirkt auf dem Platz fast ein wenig unterkühlt. Dafür agiert er sehr präzise und taktisch klug. „Man sieht ihn und er wirkt einfach so cool“, sagte Seattles Headcoach Mike Macdonald über seinen wichtigsten Spieler. „Er ist ein Mann mit einer Mission. Er ist fest entschlossen, uns zu einem großartigen Team und zu einer großartigen Offense zu machen. Er leistet hervorragende Arbeit als Anführer.“ Und die Mission heißt Revanche. Denn beim letzten und bislang einzigen Finalduell gegen die damals von Brady angeführten Patriots im Jahr 2016 verlor Seattle. „Das wird eine Revanche“, meinte Gronkowski. „Als Seattle das letzte Mal im Super Bowl stand, spielten sie gegen die Patriots, und die Patriots gewannen – das war der Beginn der zweiten Dynastie.“ Und dann ergänzte er die rhetorische Frage: „Wird es der Beginn der dritten Dynastie sein?“
Auf jeden Fall werden viele Millionen Menschen auf das Spiel in der Heimat der San Francisco 49ers schauen. Fast alle davon am Fernseher. Die günstigsten Tickets für den Super Bowl gab es für 700 US-Dollar, auf dem Zweitmarkt wurde schon das Zehnfache des Preises gefordert. Denn so ein Super Bowl ist nicht nur ein Finalspiel, es ist ein Spektakel mit Glitzer und Glamour – ganz so, wie es Amerika liebt. Dazu gehört natürlich auch die aufsehenerregende Halbzeitshow. Diese wird seit einiger Zeit von Apple Music präsentiert und von rund 120 Millionen Menschen weltweit verfolgt. Auch deswegen ist das Mega-Event ein Mega-Geschäft für alle Beteiligten. Berichten zufolge ruft NBC als übertragender US-Sender über sieben Millionen US-Dollar für einen Werbespot über 30 Sekunden auf.
Und Trump? Ob er sich den Super Bowl zumindest am Fernseher anschaut, ist offen. Und trotz seiner Abwesenheit dürfte der US-Präsident im Levi’s Stadium von Santa Clara omnipräsent sein. Zumal er angekündigt hatte, dass die heftig umstrittene Einwanderungsbehörde ICE auch beim Finale der NFL aktiv sein soll.