Selbstbewusst, forsch und entschlossen startet der deutsche Autohersteller Audi in die Formel-1-Saison 2026. Ein Fünfjahresplan sieht vor, 2030 um die WM zu kämpfen. FORUM erläutert Hintergründe und Ziele der Premiummarke mit den vier Ringen.
Eigentlich könnte sie sich zurücklehnen und dem Treiben auf der internationalen Motorsportbühne locker entgegensehen. Denn in ihrem intensiven (Motorsport-)Leben hat sie eine beeindruckende Erfolgsbilanz aufzuweisen, diese sehr umtriebige VW-Konzerntochter Audi: 13 Gesamtsiege bei den 24-Stunden-Rennen von Le Mans (2000–2014), vier Rallye-Weltmeisterschaften (1980er) mit 23 Einzelläufen, zwölf Titel in der DTM (114 Siege 1990–2017), erster Sieg bei der Rallye Dakar (2024, Carlos Sainz sen.) sowie historische Erfolge mit Hybrid- und Elektroantrieben (Formel E) sind ihre größten Taten.
Ein strategisches Leuchtturmprojekt
Von wegen zurücklehnen. Diese Haltung entspricht nicht der DNA der Wolfsburger Konzerntochter. Motorsport ist Teil der DNA von Audi. Und jetzt steht die VW-Tochter vor ihrem Höhepunkt: Einstieg 2026 in die Formel 1, in die Königsklasse des Motorsports (Auftakt 8. März in Australien). Und es klang wie ein Donnerhall, als Audis Vorstandsboss Gernot Döllner bei der offiziellen Präsentation seines Formel-1-Projekts vor wenigen Tagen in Berlin verkündete: „Der Einstieg in die Formel 1 mit einem eigenen Werksteam und einem Chassis ist ein strategisches Leuchtturmprojekt, das die technologische, kulturelle und unternehmerische Neuausrüstung der Marke widerspiegelt.“ Wow, das hat schon mal gesessen.
Unermüdlich für dieses ehrgeizige F1-Einstiegsprojekt arbeitet die Audi-Truppe an drei beheimateten Standorten. Bereits seit Frühjahr 2022 entwickelt Audi in Neuburg an der Donau die sogenannte „Power Unit“ (deutsch: Antriebseinheit). Sie besteht aus Elektromotor, Batterie, Steuerungselektronik und Verbrennungsmotor. 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind daran beteiligt. Neben dieser „Power Unit“ wird in Neuburg auch das Getriebe hergestellt.
Im schweizerischen Hinwil im Züricher Oberland sind am Stammsitz des Sauber-Rennstalls die F1-Einsatzfahrzeuge auf die Räder gestellt worden. Hier werden Planung und Durchführung der Renneinsätze verortet. Warum gerade in der Schweiz? Wir erinnern uns: Für seinen F1-Einstieg ist Audi ab 2023 eine strategische Partnerschaft mit dem Schweizer Traditionsrennstall eingegangen. Im März 2024 begannen die Ingolstädter, die sich zunächst nur mit 75 Prozent an den Anteilen der Schweizer Sauber Holding AG beteiligen wollten, in das Unternehmen Formel 1 einzusteigen. Dann aber hat Konzernchef Döllner erkannt: „In der Formel 1 gibt es zwei Wege. Entweder man macht es richtig oder gar nicht. Halbherzigkeit bedeutet, dass man im hinteren Teil des Feldes fährt. Also entschieden wir, den Prozess zu beschleunigen und Sauber zu 100 Prozent zu übernehmen. Und dann ist Audi als Werksteam nicht dabei, um nur dabei zu sein. Egal, in welcher Rennserie wir angetreten sind, wir hatten Erfolg. Wir wollen auch diesmal wieder Technologieführer werden.“
Für die 100-prozentige Übernahme von Sauber soll der Ingolstädter Konzern rund 600 Millionen Euro bezahlt haben. Der Name Sauber ist, nach 33 Jahren Formel-1-Geschichte, Geschichte. 1993 war das Team des Gründers Peter Sauber in Südafrika in die Königsklasse eingestiegen, am 7. Dezember 2025 endete nach 542 Grand Prix in Abu Dhabi die Story des viertältesten F1-Rennstalls. Und Audi war das deutsche Werksteam.
Dritter Standort ist die Außenstelle im britischen Bicester mit dem Technik-Zentrum. Die Präsenz im sogenannten „Motorsport Valley“ verschafft dem Team Zugang zu zusätzlicher F1-Expertise. Zwischen den Standorten findet eine intensive technische Zusammenarbeit statt. Außerdem hofft Audi einerseits, qualifiziertes technisches Personal für sein Projekt zu gewinnen. Andererseits will das Werksteam die hohen Lohnkosten in der Schweiz vermeiden, indem es neue Mitarbeiter auf der britischen Insel einstellt.
Die Zukunft der Formel 1 gestalten
Das Zepter über das Audi Revolut F1 Team – so der offizielle Name (Revolut, der Hauptsponsor, ist ein Finanzunternehmen aus London) – schwingen die studierten Motoringenieure Mattia Binotto und Jonathan Wheatley als „Doppelspitze“. Der 56-jährige Schweiz-Italiener Binotto war von 2020 bis 2022 Rennleiter des Ferrari-F1-Teams. In der Corona-Saison 2020 hatte er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Sebastian Vettel wegen dessen zwei verpassten WM-Titeln telefonisch abserviert, bevor er Ende 2022 selbst gehen musste. Bei Audi hat Binotto die Position des Projektleiters. Im Vorbereitungsjahr 2025 oblag dem Mann mit der schwarzen Wuschelkopffrisur und der Harry-Potter-Brille als Betriebs- und Technikleiter die operative Geschäftsführung der Sauber Motorsport AG am Standort Hinwil mit der technischen Entwicklung der Rennfahrzeuge. Er war damit auch „die übergreifende Schnittstelle zwischen den Entwicklungsteams in Hinwil und der Audi Racing GmbH in Neuburg“.
Der Brite Jonathan Wheatley (58), früherer Benetton-Chefingenieur und zuletzt Sportdirektor im Red-Bull-Rennstall, kam im April 2025 als Teamchef zu Sauber und dirigiert heute als solcher die Truppe mit mehr als 800 „Audianern“. Die beiden erfahrenen Manager berichten direkt an den ranghöchsten Audi-Mann Döllner.
An markigen Worten fehlt es den beiden nicht. „Bei unserem Projekt geht es um mehr als nur den Aufbau eines Teams. Es geht darum, die Zukunft der Formel 1 zu gestalten. Mit Talenten, visionären Partnern und der Transformation der Marke. Wir trauen uns, neu zu definieren, was ein Rennteam sein kann“, heißt es von Wheatley in einer Audi-Pressemitteilung. Für Binotto „ist der Aufbau des Teams das spannendste Projekt im Motorsport, wenn nicht sogar im Sport überhaupt. Und das Ziel ist klar: Ab dem Jahr 2030 wollen wir um die Meisterschaft kämpfen“.
In den ersten beiden Jahren will der deutsche Premiumhersteller Herausforderer sein, mit dem Ziel, zu wachsen. In den nächsten beiden Jahren sollen sich dann als Wettbewerber erste Erfolge einstellen. Einfahren sollen die Erfolge die Piloten Nico Hülkenberg (38) und sein junger brasilianischer Teamkollege Gabriel Bortoleto (21). Der erfahrene Routinier aus Emmerich mit 250 Grand- Prix-Einsätzen kam vom US-Team Haas und leistete 2025 als Sauber-Fahrer Aufbauhilfe für den Audi-Rennstall.
Bortoleto als Hoffnungsträger
„Als deutscher Fahrer für einen deutschen Hersteller an den Start zu gehen, ist eine große Herausforderung. Da wird es viel Aufmerksamkeit geben und hohe Erwartungen. Das wird nicht einfach“, ist sich „Hulk“ sicher. Dennoch hofft der Rheinländer, mit den vier Ringen mittelfristig nach den Sternen in der Formel 1 greifen zu können.
Der talentierte Bortoleto gilt als Hoffnung für die Zukunft. Der Formel-2-Meister von 2024 kam 2025 als Teamkollege von Hülkenberg ins Sauber-Team. Mit diesem Fahrer-Duo setzt Audi auf eine kluge Mischung aus Erfahrung und Jugend.
Dem Formel-1-Einstieg des Milliardenprojekts stand Döllner anfangs kritisch gegenüber, zumal Audi bis Ende 2029 insgesamt 7.500 Arbeitsplätze in Deutschland streichen wird. „Natürlich haben wir Effizienzprogramme im Kernunternehmen und gleichzeitig den Einstieg in die Formel 1“, sagt Döllner. „Wir sehen das als gute Investition für uns. Sie wird die Marke in eine starke Position bringen. Motorsport und Audi passen perfekt zusammen“, betonte der Konzernchef.
Begünstigt hat den Einstieg auch die größte Regelrevolution. Die Autos mit neuer Aerodynamik sind kleiner und leichter. Die Hybridmotoren beziehen ihre Leistung zu 50 Prozent aus einem Verbrennungsaggregat und zu 50 Prozent aus einer Batterie. Für die Stromerzeugung werden 100 Prozent nachhaltige Kraftstoffe verwendet.
Eine Prognose für 2026 wagt Döllner allerdings nicht. „Niemand weiß, wo wer steht. Aber es reicht, wenn wir das Reglement besser interpretieren als andere.“
Es wird eine Saison der Fragezeichen werden. Den ersten Rückschlag für den deutschen Neueinsteiger gab es schon beim ersten Wintertest am ersten Tag in Barcelona (26.–30. Januar). Nach nur 27 Runden hat der Defektteufel zugeschlagen. Ein Technikproblem am Auto von Bortoleto bescherte dem Brasilianer einen frühen Feierabend. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit fand in Spanien ein fünftägiger Test statt, bei dem die Teams allerdings nur an drei Tagen auf der Strecke Kilometer schrubben und Daten sammeln konnten, um das neue Reglement besser zu verstehen. Zwei weitere Wintertests sind vor dem Saisonstart noch in Bahrain angesetzt (11.–13. und 18.–20. Februar).