In den Weltmeeren brauchen Schwertwale als größte Vertreter der Delfin-Familie keinen einzigen natürlichen Feind zu fürchten. Was die Orcas auch ihrer Intelligenz verdanken, über die in den letzten Jahren immer mehr Erkenntnisse gewonnen werden konnten.
Die Orcas oder Schwertwale, wie sie wegen ihrer schwertförmigen Rückenflosse namens Finne auch genannt werden, sind als größte Vertreter der Familie der Delfine (Delphinidae) nicht nur die Spitzen-Prädatoren der Meere, sondern können auch als das gefährlichste, hochintelligenteste und äußerst sozial-kommunikative Raubtier des Globus angesehen werden. Orcas, die als Säugetiere zu einer der beiden Unterordnungen der Wale namens Zahnwale zählen, unter denen die Delfine die bekannteste und artenreichste Familie stellen, haben keinerlei natürliche Feinde. Selbst der gefürchtete Weiße Hai verlässt beim Auftauchen von Schwertwalen fluchtartig sein angestammtes Revier. Die häufig auch gebräuchliche Bezeichnung als „Killerwal“ geht auf frühere Walfänger zurück.
Dennoch scheint es ausgerechnet innerhalb der Familie der Delfine eine Art zu geben, vor der Schwertwale aus unerfindlichen Gründen regelrecht Angst haben. Der Grindwal, der auch den Namen Pilotwal trägt, ist zwar die zweitgrößte Delfinart, kann aber seinem größeren Verwandten gar nicht gefährlich werden. Im Rahmen des „Icelandic Orca Project“ konnten Wissenschaftler vor rund zehn Jahren vor der Küste Süd-islands erstmals das verblüffende Zurückweichen von Schwertwalen vor Pilotwalen dokumentieren, wenn diese sich zu größeren Gruppen zusammengeschlossen hatten. Gleiches konnten andere Forscher später in der Straße von Gibraltar und vor Westaustralien registrieren. Als wahrscheinlichste Erklärung für dieses ungewöhnlich aggressive Verhalten der Pilotwale wurde die These einer sogenannten Anti-Raubtier-Verteidigung ins Spiel gebracht. Denn obwohl beispielsweise die lokalen Schwertwale vor Island ihre Delfin-Verwandten gar nicht auf dem Speisezettel hatten, sondern dort fast ausschließlich Jagd auf Heringe machten, könnten die auf den Verzehr von Tintenfisch spezialisierten isländischen Pilotwale in ihnen dennoch eine große Gefahr aufgrund ihres „Rufs“ und einer Bedrohung des eigenen Nachwuchses gesehen haben, so die Wissenschaftler. Angesichts der Gegnerschaft der beiden Delfinarten war es eine große Überraschung, als Forscher anno 2023 vor der Südküste Islands ein Pilotwal-Baby inmitten einer Gruppe von Schwertwalen antrafen. Da zuvor schon zwei ähnliche Vorfälle dokumentiert worden waren, könnte es sich womöglich um ein gängiges (hilfreiches?) Sozialverhalten der Orcas handeln.
Dank des vermehrten Einsatzes von High-Tech konnten in jüngster Vergangenheit ständig neue Entdeckungen rund um die in so gut wie allen Weltmeeren verbreiteten Orcas gemacht werden, über deren Gesamtzahl es keine gesicherten Angaben gibt, sondern lediglich Schätzungen für einzelne Regionen, wobei die Zone südlich der Antarktischen Konvergenz mit 80.000 Exemplaren wohl den höchsten Bestand aufweist, gefolgt vom tropischen Ostpazifik mit rund 8.500 Exemplaren. Meist leben die Schwertwale, bei denen es die Männchen auf eine Größe von bis zu 9,8 Metern und ein Gewicht bis zu 6,6 Tonnen und die Weibchen auf maximal 8,5 Meter und 4,7 Tonnen bringen können, nicht weiter als rund 800 Kilometer von der Küste entfernt. Dabei halten sie sich vorwiegend im Oberflächenwasser auf und tauchen in der Regel kaum tiefer als 20 Meter ab. Trotz ihrer Größe sind Schwertwale flinke Schwimmer und zählen mit bis zu 55 Kilometern pro Stunde zu den schnellsten Meeressäugern, die Tauchgänge von 15 bis 20 Minuten Dauer absolvieren können. Die meisten Orcas leben nomadisch, unternehmen allerdings größtenteils keine regelmäßigen Wanderungen. Es gibt allerdings auch teilresidente Populationen beispielsweise in der Straße von Gibraltar, vor der nordamerikanischen Westküste oder in der Antarktis.
Das zweitgrößte Gehirn nach dem Pottwal
Orcas besitzen ein charakteristisches Äußeres mit der bei Männchen bis zu 1,80 Meter weit aus dem Wasser ragenden Finne (Rückenflosse), der auffälligen Färbung mit weißem Bauch und schwarzem Rücken, einem hellen „Sattel“ nahe der Finne und zwei ovalen weißen Flecken hinter jedem Auge. Lange Zeit war die Forschung von einer einzigen Art namens Orcinus orca mit weltweiter Verbreitung ausgegangen. Anfang 2024 wurde neben einer schon länger gebräuchlichen Unterscheidung von mindestens zehn Ökotypen auch noch eine Aufteilung in drei Unterarten vorgenommen. Orcas, die im Tierreich nach dem Pottwal das zweitgrößte Gehirn mit einem Gewicht von bis zu sieben Kilogramm besitzen, sind extrem soziale Tiere, die in Familiengruppen namens Pods mit im Schnitt bis zu 50 Individuen in mütterlicher Linie unter Führung des ältesten Weibchens zusammenleben. Jeder dieser Pods besitzt einen eigenen Dialekt, der ebenso wie generationsübergreifendes Wissen oder Jagdstrategien in der Gruppe geteilt und bewahrt wird. Die Lebenserwartung liegt bei den Weibchen, die im Laufe ihres Lebens gerade mal fünf Kälber gebären, mit rund 50 Jahren deutlich höher als bei den Männchen mit etwa 30 Jahren. Schwertwale haben ein breites Nahrungsspektrum, es reicht von Kalmaren über Fische oder Robben bis hin zu Meeresschildkröten oder anderen Meeressäugern. Wobei es aber auch Spezialisierungen beispielsweise auf Lachsarten gibt. Für die Kommunikation nutzen die Schwertwale Klicks, Pfeiftöne, gepulste Rufe oder Quietschlaute, die sie mittels ihrer Nase, sprich dem hinter dem Blasloch sitzenden Teil der Atemwege, durch dort befindliche Stimmlippen erzeugen können. Damit können sie nicht nur ihren eigenen Dialekt erzeugen, sondern sogar Spracheigenheiten einer fremden Art übernehmen. US-Forscher konnten 2020 nachweisen, dass Schwertwale, die längere Zeit mit einer anderen Delfinart verbracht hatten, deren Artikulationsvarianten übernommen und damit gleichsam eine Fremdsprache erlernt hatten. Zuvor schon hatten Forscher ein in einem französischen Meerespark lebendes Orca-Weibchen dazu animieren können, menschliche Laute wie Lachen oder auch englische Wörter wie „hello“ einigermaßen verständlich nachzuahmen. Zudem zählen die Schwertwale zu den ganz wenigen Tieren, die sich laut einem 2001 durchgeführten Test selbst im Spiegel wiedererkennen können. Auch werden ihnen eine ganze Palette menschenähnlicher Emotionen zugeschrieben: Frustration, Angst, Freude, Liebe und Wut. Auch bewusste Freundschaften pflegen vor allem Weibchen im Umfeld ihres Pods, wie englische Wissenschaftler 2021 mit Hilfe von Drohnen nachweisen konnten. Sogar ein gemeinsames, 17 Tage dauerndes Trauern eines Pods um ein verstorbenes Kalb konnte 2018 an der Pazifikküste vor Vancouver beobachtet werden. Auch bei der gemeinsamen Körperpflege setzen Orcas unter den Meeressäugern offenbar neue Maßstäbe, wie US-Forscher im Sommer 2025 mit einer Studie nachweisen konnten. Demnach arbeiteten die Tiere den Stiel einer Braunalge zu einem Werkzeug um, das jeweils zwischen zwei Orcas zum gegenseitigen Rubbeln eingeklemmt wurde.
Dass Orcas raffinierte Jagdtechniken beherrschen, ist schon länger bekannt. So pflegen sie beispielsweise in der Antarktis Robben durch Erzeugung starker Wellen von Eisschollen herunterzuspülen, lassen sich bei den zu Argentinien gehörenden Crozet-Inseln bei hohem Wasserstand von der Brandung auf den Strand katapultieren, um dort dösende Seelöwen oder See-Elefanten zu erbeuten, oder töten Bartenwale wie den gigantischen Grönland- oder Blauwal durch Ersticken infolge fortwährenden Kopfuntertauchens.
Jagd auf den Weißen Hai
Im Dezember 2025 berichteten Wissenschaftler von einer jüngst entdeckten Jagdstrategie, bei der die Orcas vor der Küste der kanadischen Provinz British Columbia beim Raubzug auf die bis zu 1,5 Meter großen und bis 35 Kilogramm schweren Königslachse eine Allianz mit verwandten Weißstreifendelfinen eingegangen waren. Eine Win-Win-Situation, bei der die Orcas vom treffsicheren Echolot ihrer als Späher fungierenden Partner profitiert und dafür den Weißstreifendelfinen einen Teil der für diese zum Verschlingen zu großen Beute überlassen hatten. Noch weitaus spektakulärer dürfte die gnadenlose Jagd der Schwertwale auf die Weißen Haie sein. Wobei es die Orcas fast ausschließlich auf die ungewöhnlich große und nahrhaftes Öl enthaltende Hai-Leber (die fünf bis zehn Prozent des Körpergewichts des Hais ausmacht) abgesehen haben und diese ganz gezielt herausreißen. Erstmals konnte 1997 vor der kalifornischen Küste ein gelungener Hai-Raubzug der Orcas gefilmt werden, seitdem häufen sich dokumentierte Vorfälle vor der Küste Südafrikas und Kaliforniens. Dabei verwenden die Schwertwale einen raffinierten Trick: Sie treiben die Haie Richtung Wasseroberfläche und drehen ihr Opfer dann rammend blitzschnell auf den Rücken. Wodurch bei dem Hai eine sogenannte tonische Immobilität ausgelöst wird, eine reflexhafte, tranceähnliche Schreckstarre, die ihn absolut wehrlos werden lässt.
Obwohl der Mensch und seine ozeanischen Aktivitäten der einzige wirkliche Feind der Schwertwale ist, hat es in freier Wildbahn noch nie einen gezielten Angriff eines Orcas auf einen Menschen gegeben.
Die seit Sommer 2020 für Schlagzeilen sorgenden Attacken von Orcas auf mittelgroße Segelboote vor der Straße von Gibraltar, die sich inzwischen auch bis in die Biskaya ausgeweitet haben, werden von fast allen Wissenschaftlern als spielerisches Sozialverhalten der Tiere gedeutet. Bemerkenswert ist dabei, dass die Schwertwale längst ganz gezielt das Ruder beschädigen, weil sie offenbar gelernt haben, dass sie damit das Boot stoppen können.