Der Große Tümmler gilt als bekannteste Delfinart. Die Tiere können sich im Spiegel erkennen und benutzen Werkzeuge. Ein Forschungsprojekt will mehr erfahren über die Population in der Adria – diese gilt als gefährdet.
Vinko heißt das Männchen, das sich in der Adria tummelt – oder auch tümmelt. Denn das etwa zehnjährige Männchen ist ein Delfin, ein Großer Tümmler, um genau zu sein. Vinko ist ein bekanntes Mitglied einer Population, die sich gerne unweit von Lošinj aufhält, einer Insel im Norden Kroatiens in der Kvarner-Bucht. Wissenschaftler des Instituts Plavi svijet (auf Deutsch: Blue World Institut für Meeresforschung und -schutz) und des Kroatischen Naturkundemuseums haben das Männchen mit einem Satellitensender ausgestattet, um die Tierart besser zu erforschen.
Vinko ist Jahrgang 2015 und wurde unter anderem wegen seiner Rückenflosse ausgewählt. An diesem auch Finne genannten Körperteil in Form einer Sichel kann man die Delfinart gut erkennen. Vinkos Rückenflosse wurde nach einer wilden Spielerei oder durch Auseinandersetzungen mit anderen Delfinen verletzt und sieht nun wie ein Angelhaken aus, woran man ihn leicht identifizieren kann. Bis auf seine Finne sieht Vinko dann aber doch so aus wie andere Große Tümmler auch: grauer Rücken, hellere, manchmal rosa wirkende oder auch leicht gesprenkelte Unterseite und bis zu 80 Zähne im Mund. In der Regel werden die Tümmler zwischen 1,90 und vier Meter lang. Beim Gewicht liegt das Tier normalerweise zwischen 150 und 300 Kilogramm, einige Exemplare können auch bis zu 650 Kilo schwer werden.
Besonders charakteristisch ist die kurze Schnauze, wegen der das Tier seinen englischen Namen trägt: Bottlenose Dolphin; Bottlenose wie Flaschennase. Berühmt wurde die Art neben ihrem Einsatz in Delfinarien vor allem durch die legendäre TV-Serie „Flipper“. Die mit dem Oscar prämierte Dokumentation „Die Bucht“ machte den Großen Tümmler ebenfalls bekannt: Darin wird dokumentiert, wie im japanischen Küstenort Taiji regelmäßig rund 2.000 Delfine in eine nicht einsehbare Bucht getrieben werden. Die schönsten werden verkauft, die restlichen Tiere abgeschlachtet. Die Filmemacher behaupten, dass in Japan jedes Jahr rund 23.000 Delfine aller Arten getötet werden. Die Zahl gilt heute als rückläufig.
Gefahr durch Fischernetze
Dennoch kann festgehalten werden, dass der „Tursiops truncatus“ weltweit nicht als bedroht gilt. Allerdings sind regional einzelne Populationen gefährdet, wie die Organisation Whale and Dolphin Conservation berichtet. Das WDC ist nach Eigenauskunft die weltweit führende gemeinnützige Organisation, die sich dem Schutz von Walen, Delfinen und ihres Lebensraums widmet. Gefährdet sei beispielsweise eine Population von etwa 600 Individuen im Schwarzen Meer oder eine Unterart in Südamerika mit geschätzt einigen Tausend Tieren.
Das bringt uns zurück zu Vinko ins Adriatische Meer, denn auch die Population, zu der sich der Sender-Träger immer wieder gesellt, gilt als gefährdet. Laut Verein „Gesellschaft zur Rettung der Delphine“ gibt es in der Adria etwa 220 bis 250 Exemplare und sie ist demnach kein Delfin-Hotspot. Die Großen Tümmler leben dort ständig, daneben gibt es auch die Arten Streifen-, Rundkopf- und Gemeiner Delfin als gelegentliche Besucher. Für die kleine Population gehören zu den Hauptbedrohungen etwa Umweltverschmutzung und Beifang in Fischernetzen sowie absichtliche Tötung und der Verlust ihres Lebensraums, da Tourismus und Bootsverkehr immer mehr zunehmen.
Wie der öffentlich-rechtliche kroatische Rundfunk „Hrvatska radiotelevizija“ (HRT) berichtet, ist die Untersuchung von Vinko und seiner Population Teil des Projekts „Rettung der letzten Adria-Delfine“, das seit über 35 Jahren die Bewegungen und sozialen Strukturen der Delfine in der Adria mittels Foto-Identifikation untersucht. Dabei würden einzelne Tiere anhand von Fotos ihrer Rückenflossen wiedererkannt. Denn Farbmuster und Markierungen sind so individuell wie der Fingerabdruck bei Menschen und unterscheiden sich in Form und Größe von Tier zu Tier. Narben und Einkerbungen entstehen im Laufe des Lebens und bleiben dauerhaft sichtbar. Diese Methode sei äußerst effektiv zur Identifikation einzelner Tiere, zur Schätzung der Populationsgröße und zur Erforschung sozialer Beziehungen. Sie erlaube jedoch keine detaillierten Einblicke in Nutzung des Habitats oder zu Wanderbewegungen.
Die nun eingesetzte Satellitentelemetrie soll erstmals präzise Informationen über die Nutzung von Lebensräumen, zu nächtlichem Verhalten, Fressstrategien und möglichen Interaktionen mit der Fischerei liefern. Das 1987 initiierte Delfinprojekt verfügt nach Eigenauskunft des Blue World Instituts für Meeresforschung und -schutz derzeit über den größten Datensatz und den umfangreichsten Katalog von Großen Tümmlern mit über 2.250 Individuen aus mehr als 30 Jahren Forschung in der Adria um die Inseln Lošinj, Murter und Vis. Die Weitergabe dieses Wissens an die Bevölkerung, Jugendliche sowie Fischer und Bootsfahrer soll ein verantwortungsvolles Verhalten gegenüber Delfinen und der Meeresumwelt im Allgemeinen fördern.
Familie und Freunde sind ihnen wichtig
Und faszinierend sind die Großen Tümmler auf jeden Fall. Neben Menschenaffen, Elefanten und Menschen zählen sie zu den intelligentesten Lebewesen auf der Erde – sie können sich sogar selbst im Spiegel erkennen. Außerdem haben sie enge soziale Bindungen und Einfühlungsvermögen, nutzen Werkzeuge und bringen sich gegenseitig neue Fähigkeiten bei. Die Delfinart hat aber auch einen für sich selbst großen Nachteil, denn wegen der Form des Mundes scheinen die Tiere immerzu zu lächeln – auch, wenn es ihnen eigentlich schlecht geht.
Wie die Organisation Whale and Dolphin Conservation berichtet, seien für Große Tümmler Familie und Freunde sehr wichtig. Durch ihr ausgeprägtes Sozialleben könnten sie sich beispielsweise bei Nahrungssuche und Jagd aufeinander verlassen. Sie würden gegenseitig auf ihren Nachwuchs aufpassen und kranke Individuen unterstützen. Zwar gebe es auch einige alleinlebende Tümmler, die sogenannten Solitärdelfine, die meisten lebten jedoch in Gruppen und man könne sie oft zusammen mit anderen Delfinarten, Walen und sogar Meeresschildkröten oder Haien beobachten. Manche arbeiten sogar beim Fischfang mit Menschen zusammen.
Man findet Populationen überall auf der Welt, außer in den sehr kalten Gewässern der Arktis und Antarktis. Einige Gruppen bleiben immer an einem Ort, andere ziehen umher. Sie leben in vielen verschiedenen Umgebungen: Küstengebiete, Häfen, Buchten, Lagunen, Binnengewässer und auch in halbgeschlossenen Meeren. In der Nordsee existieren nur noch kleine Bestände an britischen und französischen Küsten, in Deutschland gelten sie sogar als ausgestorben.
Wie bei den Menschen hängen auch die Nahrungsgewohnheiten bei den Großen Tümmlern davon ab, wo sie leben. Tiere in der Bucht Moray Firth im Nordosten Schottlands mögen wohlgenährten Lachs, während andere Populationen Tintenfische und Krustentiere bevorzugen. Die Fische werden im Ganzen hinuntergeschluckt. Beobachtet man einen Delfin beim Jagen, kann man sehen, dass die Fische in die Luft geworfen werden, damit sie in einem bestimmten Winkel leichter den Hals hinunterrutschen können. Die Mütter bringen ihrem Nachwuchs jahrelang das Jagen bei und zeigen ihnen die besten Futterplätze.