Wale gehören zu den faszinierendsten und intelligentesten Bewohnern der Ozeane. Aktuelle Studien bringen Verblüffendes zutage: So sollen Wale Versuche unternommen haben, Kontakt zu Menschen aufzunehmen. Und in der Alien-Forschung spielen die großen Säugetiere auch eine wichtige Rolle.
Im Herzen des kalifornischen Silicon Valley ist seit 1984 im Städtchen Mountain View eine ungewöhnliche interdisziplinäre Nonprofit-Organisation beheimatet, die sich gestützt auf Erkenntnisse aus Physik, Astronomie, Astrobiologie und Space-Wissenschaften sowie modernsten Technologien zu Datenanalysen, maschinellem Lernen und Signalübertragungen mit der Suche nach intelligentem außerirdischem Leben beschäftigt. Es handelt sich um das Seti Institute, was für die Abkürzung „Search for Extraterrestrial Intelligence“ steht. Das Institut hat sich längst einen erstklassigen Ruf als renommierter Forschungspartner für Industrie, Wissenschaft und Regierungsbehörden in den USA erworben und wird daher unter anderem von der Nasa oder der National Science Foundation finanziell unterstützt.
Nun ist Seti gewissermaßen auf den Wal gekommen, sprich es wurde zusätzlich das Projekt „WhaleSeti“ ins Leben gerufen, dessen Mitarbeiter sich der Erforschung der Feinheiten in der Kommunikation von Buckelwalen widmen. Was auf den ersten Blick befremdlich erscheinen mag, weil sich Ähnlichkeiten zwischen den komplexen Lautäußerungen der Meeressäuger und etwaigen Alien-Signalen kaum erschließen dürften. Doch die Projekt-Verantwortlichen haben sich die spannende Aufgabe gestellt, nicht-menschliche Intelligenz auf der Erde, wie sie den Buckelwalen bescheinigt wird, zu erkunden, um dadurch auch die Suche nach außerirdischer Intelligenz zu unterstützen. Auf Basis von empirischen Studien, akustischen Analysen und Verhaltensbeobachtungen sollen Muster oder Filter von intelligenten, nicht-terrestrischen (sprich aquatischen), nicht-menschlichen Kommunikationssystemen entwickelt werden, die bei der Auswertung kosmischer Signale auf Anzeichen intelligent-außerirdischen Lebens helfen können. Ähnlich wie bei der Untersuchung extremer irdischer Landschaften wie der Antarktis als Stellvertreter für außerirdische Ökosysteme wurden die Wale, im konkreten Fall die Buckelwale, als Trainingspartner für wahrscheinlich noch weitaus fremdartiger und komplizierter daherkommende extraterrestrische Intelligenzen ausgewählt. Buckelwale besitzen dank eines großen auditorischen Cortex ihres Gehirns eine eigene Sprache und sind auch für ihre komplexen, meist als „Gesänge“ bezeichneten Lautfolgen bekannt. Buckelwale dienen also quasi als Modell, um das Verstehen nicht-menschlicher Kommunikation zu üben.
20 Minuten Gespräch mit einem Wal
In einer Ende 2023 im Journal „PeerJ“ veröffentlichten Studie berichteten Wissenschaftler des Seti-Instituts, der University of California Davis (UC Davis) und der Alaska Whale Foundation von ihrem verblüffenden Experiment einer Sprach-Kommunikation mit einem auf den Namen „Twain“ getauften erwachsenen weiblichen Buckelwal im Südosten Alaskas. Dafür hatte das Team zuvor Buckelwal-Laute aufgezeichnet und davon eine Sequenz bei der Analyse als eine Art von Begrüßungsruf identifiziert. Nachdem die Forscher dieses Signal per Unterwasserlautsprecher ausgesendet hatten, wurde „Twain“ davon angelockt und es entwickelte sich ein 20 Minuten dauernder Austausch, wobei „Twain“ immer wieder auf den von den Forschern kontinuierlich abgespielten Ruf „übereinstimmend mit den Intervall-Variationen zwischen jedem Signal“ geantwortet hatte. Laut den Forschern war dies der „erste kommunikative Austausch zwischen Menschen und Buckelwalen in der Sprache der Buckelwale“ gewesen. Darüber hinaus stellten sie die doch recht waghalsige Vermutung auf, dass, wenn Wale sich auf die Kommunikation mit Menschen einstellen könnten, das wohl auch für Aliens machbar sein dürfte: „Angesichts der derzeitigen technologischen Einschränkungen basiert ein wichtiger Grundgedanke bei der Suche nach außerirdischer Intelligenz darauf, dass außerirdische Intelligenz und Leben daran interessiert sein werden, Kontakt aufzunehmen und daher gezielt menschliche Empfänger ansprechen. Dieses wichtige Grundprinzip wird sicherlich durch das beobachtete Verhalten der Buckelwale gestützt“, so Dr. Laurance Doyle vom Seti-Institut und der UC Davis.
Der Sprachcode der oft in Küstennähe anzutreffenden Buckelwale, die eine Länge von durchschnittlich 13 Metern haben und ein Gewicht von bis zu 30 Tonnen erreichen können und überwiegend allein die Ozeane auf der Suche nach ihrer Lieblingsnahrung Krill durchschwimmen, konnte mit dem Experiment natürlich nicht entschlüsselt werden. Zudem war der Kontakt zu dem Säugetier vom Menschen ausgegangen. Dass eine Kommunikation auf nonverbaler Ebene auch mit umgekehrten Vorzeichen ablaufen kann, konnte jüngst ein Team unter Federführung von Dr. Laurance Doyle, Dr. Fred Sharpe von der UC Davis und der Meerestierfotografin Jodi Frediani von der UC Davis mit einer im Fachmagazin „Marine Mammal Science“ veröffentlichten und in das „WhaleSeti“-Projekt eingebetteten Studie nachweisen. Dass Buckelwale zur Erhöhung ihrer Jagdeffizienz Netze aus Luftblasen als pfiffige Werkzeuge produzieren können, war schon längst registriert worden. Absolut verblüffend ist jedoch die neueste Erkenntnis, dass die schlauen Tiere auch gänzlich anders gestaltete Blasenstrukturen fabrizieren können – und zwar einzig und allein beim direkten Aufeinandertreffen mit Menschen. Dies konnte durch aufwändige Drohnen-Videoaufnahmen belegt werden, weil die beobachteten Tiere ohne die Anwesenheit von Menschen die Blasenringe mit einem Durchmesser von zwei bis drei Metern nicht hergestellt hatten.
Blasenringe als Sprachmittel
Insgesamt konnte das Forschungsteam weltweit Informationen über zwölf Episoden der ungewöhnlichen Blasenbildung sammeln, wobei elf einzelne Buckelwale insgesamt 39 dieser kunstvollen Gebilde aus Atemluft, die in eindrucksvollen Fotos dokumentiert wurden, geschaffen hatten. Auf der Suche nach Erklärungen für dieses spektakuläre Verhalten der Buckelwale waren die Forscher auf ähnliche Ringe von Bartenwalen und Delphinen gestoßen, wobei diese Tiere die Blasengebilde jedoch nur im Zusammenhang mit Jagd- oder Konkurrenzverhalten eingesetzt hatten. Was bei den Buckelwalen, die sich ruhig und offenbar in friedlicher Absicht den im Meer schwimmenden oder sich auf Booten befindenden Menschen angenähert und die Ringe dann direkt neben oder teilweise sogar unter den Booten oder Schwimmern platziert hatten, nicht der Fall gewesen war. Deshalb hatten die Forscher die These aufgestellt, dass die Buckelwale wohl nur dann mit Hilfe ihrer Atemlöcher Luftringe zu bilden pflegen, wenn sie in direkten Sichtkontakt mit Menschen kommen. Die Blasenringe könnten ein Versuch zur Kontaktaufnahme oder auch eine Aufforderung zum gemeinsamen Spiel sein. „Buckelwale leben in komplexen Gesellschaften, sind akustisch vielfältig, nutzen Blasenwerkzeuge und helfen anderen Arten, die von Raubtieren belästigt werden“, so Dr. Fred Sharpe. „Nun zeigen wir, dass sie, ähnlich einem möglichen Signal, Blasenringe in unsere Richtung aussenden, offenbar in einem Versuch, spielerisch zu interagieren, unsere Reaktion zu beobachten und/oder auf irgendeine Art zu kommunizieren.“ Zudem wies das Team darauf hin, dass die Muster der Blasenerzeugung der Meeressäuger eine Kommunikationsform darstellen, die landlebenden Säugetieren nicht zur Verfügung stehe. „Buckelwale zeigen häufig neugieriges, freundliches Verhalten gegenüber Booten und menschlichen Schwimmern“, so Jodi Frediani. „Inzwischen haben wir ein Dutzend Wale aus Populationen weltweit identifiziert, von denen die meisten sich Booten und Schwimmern freiwillig näherten und während dieser neugierigen Begegnungen Blasenringe formten.“
Buckelwale gehören zu den prominentesten Vertretern der Familie der Furchenwale. Diese werden wiederum an der Seite von Glattwalen, Grauwalen und Zwergglattwalen zu den Bartenwalen gezählt, die neben den Zahnwalen eine der beiden Unterordnungen der Säugetier-Ordnung der Cetaceen oder Wale/Waltiere bilden. Der Name Cetaceen ist abgeleitet vom Lateinischen cetus (= großes Meerestier) und dem Griechischen ketos (= Meeresmonster).
Laut der Deutschen Stiftung Meeresschutz werden die Bartenwale oder Mysticeti in 14 Arten unterteilt, während zu den Zahnwalen oder Odontoceti zwischen 70 bis 80 Arten gerechnet werden, beispielsweise Pottwale, Zwergpottwale, Schnabelwale, Belugas und Narwale, Schweinswale oder die Delfine, die allein mit knapp 40 Arten die größte Familie der Wale bilden. Evolutionsgeschichtlich stammen die Cetaceen, von denen heute mehr als die Hälfte von der Weltnaturschutzorganisation IUCN als gefährdet eingestuft wird, wobei 13 Arten sogar als „bedroht“ oder als „vom Aussterben bedroht“ gelten, verblüffenderweise von Paarhufern ab, die vor 50 Millionen Jahren gelebt und von denen einige die Rückkehr vom Land ins Wasser gewagt hatten. Als ihre nächsten landlebenden Verwandten konnten die Flusspferde ermittelt werden.
Grönlandwal wird 200 Jahre alt
Zu den Bartenwalen, die ihren Namen Hornplatten (Barten) im Oberkiefer verdanken, mit deren Hilfe sie aus dem Ozeanwasser in der Hauptsache tierisches Plankton und kleinste Meerestiere wie Krill in gewaltigen Mengen herausfiltern können, zählen die größten Kolosse unter allen Cetaceen, während die Zahnwale einzig mit dem Pottwal, der auf der Jagd nach seiner Leibspeise, dem Riesenkalmar, in rekordverdächtige Tiefen von bis zu 3.000 Metern abtauchen kann, einen Riesenvertreter in ihren Reihen führen. Mit dem zur Familie der Furchenwale zählenden Blauwal stellen die Bartenwale das größte Tier, das jemals auf der Erde gelebt hatte. Mit seiner Länge von bis zu 33 Metern und einem Gewicht von bis zu 200 Tonnen konnten ihm wohl nicht einmal die Dinosaurier-Giganten das Wasser reichen.
Und mit dem der Familie der Glattwale angehörenden Grönlandwal können die Bartenwale, die im Unterschied zu den als Raubtiere die Meere durchschwimmenden Zahnwalen ihre Beute nicht mittels Echoortung aufspüren können, auch das langlebigste Säugetier der Welt präsentieren: Es kann bis zu stolze 200 Jahre alt werden.