Haie gehören zu den ältesten Organismen der Erde, einige werden älter als alle anderen Wirbeltiere, und sie dominieren ganz eindeutig die Nahrungskette der Ozeane. Außerdem regen sie die Fantasie der Menschen nicht immer zu ihrem Vorteil an.
Steven Spielberg hat dem Image von Haien einen Bärendienst erwiesen. Seit sein Spielfilm „Der weiße Hai“ (englisch: „Jaws“) 1975 auf der Leinwand erschien, hat es in den Jahren danach mehr und mehr Spekulationen über menschenfressende Monster der Tiefsee gegeben. Dabei ist der Mensch nicht einmal im Beuteschema der gefürchteten Raubtiere. Im Gegenteil: Der Homo sapiens ist die größte Gefahr für den „König der Meere“, jagt er doch immer noch diese faszinierenden Tiere, die vom Aussterben bedroht sind. Tatsächlich sind die meisten von über 500 Haiarten Fleischfresser, nur wenige ernähren sich von Plankton. Auf der Speisekarte der Carnivore stehen vornehmlich Fische, Krustentiere und Weichtiere. Da Haie alle Meeresgebiete bewohnen, haben sich vor 400 Millionen bis 200 Millionen Jahren etliche Formen entwickelt, vom Bodenbewohner über schnelle Schwimmer im offenen Meer hin zu den kleinsten Arten in der Tiefsee. Etwa ab dem Jura-Zeitalter waren die Haie in ihrer Ausprägung mehr oder weniger die von heute.
Ihre Sinne sind Supersensoren
Eine der größten Haiarten, der berühmt-berüchtigte Weiße Hai, frisst auch Robben, Seelöwen und andere Säuger, ja sogar kleinere Haie, aber auf Surfer oder Taucher hat er es dennoch nicht abgesehen. Wenn Haie nach einem Paddler oder Wellenreiter schnappen, liegt es daran, dass sie über ihre sogenannten Seitenlinien, mit denen sie Druckunterschiede messen können, angelockt werden. Diese Sinnesorgane haben sich über Millionen Jahre Evolution zu wahren Supersensoren entwickelt, mit denen sie über weite Distanzen potenzielle Beutetiere aufspüren. Neben dem ausgeprägten siebten Sinn fühlen, schmecken, hören und sehen Haie überdurchschnittlich gut, letzteres sogar besser als Katzen im Dunkeln. Auch ihr Geruchssinn ist super ausgeprägt. Haie können Blut in einer Verdünnung von eins zu einer Million noch wahrnehmen. Darüber hinaus verfügen sie über zwei weitere Sinnesorgane: Mit ihren an der Unterseite des Kopfes befindlichen Lorenzinischen Ampullen messen Haie Temperaturunterschiede und nehmen elektrische Felder wahr. Hat sich ein Beutetier wie der Stechrochen in den Sand eingegraben, kann ihn der Hai dennoch aufspüren. Die Haiart mit dem absoluten Durchblick und gleichzeitig bestem Riecher ist der Hammerhai. Sowohl die Augen als auch die Nasenlöcher sitzen an den Enden des verbreiterten Kopfes, was ihm dazu verhilft, mehr zu sehen und zu wittern.
Zähne der Haie wachsen nach
Dass Spielbergs Film übersetzt „Kiefer“ heißt, hat mit dem eindrucksvollen Gebiss des Weißen Haies zu tun. Eine neue Studie, an der die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel beteiligt war, zeigt, dass bei den am meisten verbreiteten Haiarten die Unterkiefer über Millionen Jahre hinweg nur geringe Formschwankungen aufweisen; große Unterschiede fanden sich vor allem bei Tiefseehaien, die verschiedene Strategien bei ihrer Nahrungsaufnahme verwenden – vom Verschlingen großer Walstücke bis hin zum Fressen von Eiern und Kopffüßern. Man fand heraus, wie wichtig die Beute, die Position in den Nahrungsbeziehungen und der Lebensraum für die vielfältigen Kieferformen bei Haien sind. Der Aufbau des Schädels spricht dafür, dass die Haie beim Angriff den Kopf nach hinten beugen, während gleichzeitig der Unterkiefer nach vorne geschoben wird. Schließlich ist es dann auch der Unterkiefer, der beim Haibiss die Beute zuerst berührt. Der Weiße Hai, dessen Angriffsverhalten man recht genau untersucht hat, beugt bei seiner Attacke den Kopf nach hinten, er senkt den Unterkiefer und hebt die Schnauze um 30 bis 40 Grad an. Der Oberkiefer bewegt sich nach vorn, sodass die Zähne deutlich aus der Mundhöhle hervortreten. Sie stehen in mehreren Reihen hintereinander. Die Zähne der vordersten Reihe sind aufrecht, am Gaumen liegen junge Beißerchen an und richten sich nach und nach auf. Da sie beim Angreifen wegen ihrer fehlenden Wurzel schnell ausfallen, schiebt sich der nächste Zahn von hinten in die entstandene Lücke, ähnlich einem Pistolenmagazin. Sinnigerweise spricht man deshalb von einem Revolvergebiss. Das genetische Programm des Hais sorgt jederzeit für Ersatz – aus Stammzellen im Kiefer. Trotzdem hat der Hai Zahnprobleme. Der Klimawandel fordert seinen Tribut. Der Säuregehalt der Ozeane ist wegen Umweltverschmutzung stark erhöht, so lauten die Befunde einer aktuellen Studie unter Beteiligung der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Durch den erhöhten CO2-Ausstoß wird der pH-Wert im Waser gesenkt, was wiederum die Zähne angreift. Da Haie stets mit offenem Maul schwimmen, ist der permanente Kontakt mit H2O unvermeidlich. Dass Haie als Knorpelfische ein Exoskelett aus zahnähnlichen Schuppen haben, könnte bedeuten, dass es neben Zahnproblemen bald auch Hautprobleme geben könnte. Die Sandpapier-ähnliche Haut geht an den Kieferrändern nahtlos in Zähne über, die im Halsbereich vollständig aus Dentin bestehen – eine dem Zahnschmelz ähnlichen Substanz. Je nach Haiart und deren Anpassung an den Lebensraum haben die Hautschuppen unterschiedliche Formen und Funktionen. Die Schuppen kleinerer Arten wie der Katzen- und Dornhaie dienen der Verteidigung und dem Schutz vor Parasiten. Deshalb sind sie an der Basis sehr breit und laufen an der Seite spitz zu. Ist der Lebensraum ein Korallenriff, wie beim Stierkopf- oder beim Schlinghai, schützen die pflasterartigen, kreuzförmigen Schuppen vor allem vor Abrieb. Hochseeschwimmer wie der Blauhai, Hammerhai, Makrelenhai oder Fuchshai erzielen eine höhere Geschwindigkeit, dank ihres an ein Mikro-Relief erinnerndes Schuppenkleid. Dies sorgt für eine Herabsetzung des Wasserwiderstands von bis zu 80 Prozent. In der Luft- und Raumfahrt hat man die Erkenntnisse zur Oberflächenbeschaffenheit bei Flugzeugen und Trägerraketen erfolgreich angewendet. Auch bei Schwimm- und Tauchanzügen wird die Technologie einer schuppenartigen Hülle umgesetzt, indem man die Haut des Hais imitiert.
Dass Haie als die Top-Raubfische in den Meeren für ein natürliches Gleichgewicht sorgen und somit für das Ökosystem eine hohe Bedeutung haben, ist ein beunruhigendes Faktum für den Menschen, da dieser mit seiner Jagd und dem Überfischen für einen abnehmenden Bestand sorgt. Dass für den Haifischflossenbedarf vornehmlich von asiatischen Fängern verstümmelte Leiber wieder ins Meer geworfen werden, ist eine Grausamkeit, die zwar seit 2013 von der EU verboten ist, aber nur schwer kontrolliert werden kann. Von den 100 Millionen jährlich gefangener Tiere ist der Großteil Beifang und führt zu einem massiven Rückgang der Population. Haifische werden durch die Köder in den Schleppnetzen der Fischer angezogen, verfangen sich in diesen und werden verletzt.
Wandern Tausende von Kilometern
Da die Fortpflanzungsstrategie von Tiefseehaien wegen ihrer langsamen Art auch weniger Nachwuchs hervorbringt, ist ihre Art massiv bedroht. Sie leben in mehreren hundert Metern Tiefe, wo es wenig Licht und Nahrung gibt, was zu einer anderen Fortpflanzungsstrategie im Vergleich zu den Küstenhaien führt. Deren Reproduktion ist schnell und nachwuchsreich. Allerdings haben die mittelgroßen Küstenhaiarten mehr natürliche Feinde. Haie legen, je nach Art, Eier oder gebären lebend oder tun beides. An den unterschiedlichen Fortpflanzungsstrategien kann man festmachen, dass Haie Meister der Anpassung sind. Von tropischen Gewässern hin zu Polarregionen sind ihre Winkelzüge zur Arterhaltung höchst verschieden. Hinsichtlich Fortpflanzung, Nahrungssuche und Migration zeigt sich, dass sich der Winter maßgeblich auf ihren Lebenszyklus auswirkt. Arten wie der Weiße Hai oder der Tigerhai wandern während der kalten Monate in wärmere Gewässer, wo sie Nahrung und Fortpflanzungsstätten finden. Dabei legen sie Tausende von Kilometern zurück. Der Grönlandhai hingegen bleibt das ganze Jahr über in der Polarregion. Sein Stoffwechsel ist ein verlangsamter, und seine Beute besteht aus Aas oder langsamen Beutetieren. Die Wassertemperatur wirkt sich auf die Entwicklung der Eier oder Embryonen aus. In der Kälte kann sich die Entwicklungszeit verlängern, was günstigere Bedingungen für den Schutzmechanismus von Jungtieren schafft. Ihr Schlüpfen oder ihre Geburt findet dann in günstigeren Bedingungen statt. Bis die Jungtiere schlüpfen, legen Haiarten wie Katzenhaie ihre Eier oft über Monate hinweg an geschützten Orten ab. Die angesprochene Verzögerung durch den kalten Winter sorgt dafür, dass Jungtiere erst im Frühjahr, wenn die Nahrung reichlicher vorhanden ist, in die Welt entlassen werden. Außerdem ziehen im Winter viele potenzielle Beutetiere in tiefere, wärmere Gewässer oder verfallen in eine Ruhephase. Somit ziehen Haie genau dorthin, wo ihre Nahrung die kalte Jahreszeit verbringt, oder sie weichen auf andere Beute aus. Der Blauhai bleibt zum Beispiel auch den Winter über in tieferen, kälteren Gewässern des Nordatlantiks. Mit seinen ausgeprägten Sinnesorganen findet er Beute wie Tintenfische, die sich bevorzugt in den tiefsten Regionen aufhalten.
So gut angepasst der Hai auch sein mag, der menschengemachte Klimawandel könnte ihm nicht nur wegen seiner Zähne sehr zu schaffen machen. Durch die erhöhten Temperaturen der Weltmeere wäre es möglich, dass Haie in Regionen vordringen, wo sie noch nie gesichtet wurden. Verschobene Wanderungsmuster könnten erhebliche Auswirkungen auf ihre Nahrungssuche und Fortpflanzung haben. Da es der Hai aber schon 400 Millionen Jahre geschafft hat, sich an seine Umwelt anzupassen, wird er hoffentlich eine Strategie finden, seinen Untergang zu verhindern. Seine Chancen sind besser als die der Menschen.