Jack Kayil und die Wagner-Brüder haben viel gemein. Doch der Aufbauspieler von Alba Berlin will seinen eigenen Weg gehen. Das klappt aktuell hervorragend.
An potenziellen Vorbildern mangelt es Jack Kayil nicht. Aufschauen könnte er zum Beispiel zu Dennis Schröder, der es als wieselflinker Point Guard zum Welt- und Europameister-Kapitän geschafft hat. Oder zu den Wagner-Brüdern Franz und Moritz, die wie er aus Berlin kommen und seit Jahren in der NBA für Furore sorgen. Der Nationalspieler von Alba Berlin bewundert die Karrieren der genannten Basketballstars auch, aber als richtige Vorbilder hat er sie nie angesehen. „Ich wollte immer schon meinen eigenen Weg gehen“, sagte der Youngster, der seit Ende Januar 20 Jahre alt ist. Dass das nicht nur so daher gesagt ist, zeigt sein eher ungewöhnlicher Werdegang. Nach der Ausbildung in den Jugend-Abteilungen von TuS Neukölln und Alba Berlin verließ er im Alter von 17 seine Heimatstadt und wechselte zu Rasta Vechta. Noch krasser war der Einschnitt ein Jahr später, als sich das Top-Talent für ein Abenteuer in Serbien entschied: Beim KK Mega Basket in der 39.000-Einwohner-Stadt Sremska Mitrovica wollte Kayil ganz auf sich allein gestellt sportlich wie menschlich reifen.
„Zeit in Serbien war nicht einfach“
„Die Zeit in Serbien war nicht einfach, weil ich zum ersten Mal allein gewohnt habe, noch dazu in einem fremden Land“, erinnerte er sich an die Zeit von damals zurück. Sportlich habe ihn das Jahr in Serbien aber „unheimlich weitergebracht“, erzählte er: „Das Niveau in der adriatischen ABA-Liga ist sehr hoch. Dort spielen auch Euroleague-Teams, ich habe gegen physisch starke Gegner gespielt. Außerdem ist Mega Basket dafür bekannt, junge Spieler individuell zu fördern.“ Aber auch zu fordern. Kayil arbeitete hart an seiner Physis, Krafttraining stand fast täglich auf dem Programm. Er nahm deutlich an Muskelmasse zu, was ihm in seinem explosiven Spiel mit dem Ball hilft und ihn für Verletzungen resilienter macht. Die Alba-Verantwortlichen verloren ihr großes Talent nie aus den Augen, verfolgten seinen Weg kontinuierlich. Und als sich eine Tür für die Rückkehr auf Leihbasis auftat, schlugen sie zu. Jetzt im Alba-Trikot bei den Profis spielen zu dürfen, damit gehe „ein kleiner Traum in Erfüllung“, sagte Kayil: „Ich freue mich riesig, vor den Augen meiner Familie und Freunde zu spielen.“
Diese Freude sieht man bei fast all seinen Auftritten. Kayil begeistert die Fans mit Dribblings, schnellen Antritten, spektakulären Anspielen und Würfen. Der Point Guard ist einer jener Spieler, für die viele Zuschauer in die Arena am Ostbahnhof kommen, um sich ein Basketballspiel live anzuschauen. Und auch die Alba-Bosse sind vom Spielstil des Youngsters hellauf begeistert. „Er nimmt unglaubliche Würfe“, sagte Albas Sportdirektor Himar Ojeda: „Er ist mutig und bereit, Verantwortung zu übernehmen, auch in schwierigen Situationen.“ Und auch Trainer Pedro Calles schwärmte von der Nervenstärke und Reife des Youngsters: „Wie er das annimmt, verdient unseren Respekt.“ Dass der 20-Jährige sein unbestritten großes Potenzial bei Alba so konstant aufs Parkett bringt und noch dazu Führungsqualitäten beweist, veranlasste Ojeda zu einem Vergleich: „Einen Spieler wie Jack, der in dem Alter so spielt, hatten wir in der Vergangenheit erst zweimal: Das waren Malte Delow und Franz Wagner.“
Delow ist noch heute bei Alba, während Wagner sogar in der NBA zu einem Star aufgestiegen ist. Wagners garantiertes Gehalt im Fünfjahresvertrag bei den Orlando Magic von 224 Millionen US-Dollar (etwa 206 Millionen Euro) macht ihn zum bestbezahlten deutschen Mannschaftssportler der Geschichte. Und Wagner hat mit WM- und EM-Gold auch sportlich Geschichte geschrieben. In Abwesenheit der Wagner-Brüder durfte Kayil in der Qualifikation zur Europameisterschaft für die deutsche Nationalmannschaft auflaufen und sein Länderspieldebüt feiern. „Es fühlt sich fast so an, als wäre er ein Veteran“, hatte Bundestrainer Alex Mumbru damals von der Abgezocktheit des Jungprofis geschwärmt. Für einen Start bei der Endrunde im vergangenen September hat es aber nicht gereicht. Doch die Experten sind sich einig, dass die Zukunft im DBB-Team Kayil gehört. Bei der U19-WM in der Schweiz hatte der Aufbauspieler das deutsche Juniorenteam schon zu Silber geführt und einen starken Eindruck hinterlassen.
Die Zeitung „B.Z.“ fragte in einem ihrer Texte über das große Talent schon vor einiger Zeit: „Kann er der nächste Dennis Schröder werden?“ Albas Sportdirektor Ojeda hält solche Vergleiche zwar noch für vermessen, doch er sagt auch: „Er hat alles, um ein Großer zu werden.“ Alba will ihm bei seiner Entwicklung helfen – und selbst davon profitieren. Denn angesichts des im Sommer vollzogenen XXL-Umbruchs lastet auf dem jungen Kayil schon sehr viel Verantwortung. „Der Verein ist im Umbruch. Das bietet neuen Spielern wie mir eine große Chance“, sagte er: „Ich bin ein Gewinnertyp und möchte mithelfen, Alba wieder nach oben zu führen.“
Nach seinen 19 Ligaspielen kommt der Point Guard auf im Schnitt 13,0 Punkte – nur Ex-Kapitän Martin Hermannsson (13,1) und der nach nur drei Spielen nach Dubai abgewanderte Rejean Ellis (13,3) sind in diesem Ranking knapp besser. „Ich spiele mit sehr viel Selbstbewusstsein. Dafür trainiere ich, daher fällt mir das relativ leicht“, sagte er angesprochen auf die Leichtigkeit in seinem Spiel. Er profitierte natürlich auch davon, dass Boogie Ellis den Club schon früh in der Saison Richtung Dubai wieder verlassen hat. „Mir wurde damit auch gesagt, dass man mir vertraut. Und ich glaube, der Club ist auch relativ zufrieden damit, wie ich es mache“, sagte Kayil: „Klar, besser geht immer.“
USA-Wechsel bereits fix
Kayil fühlt sich in Berlin und bei Alba pudelwohl – und dennoch ist es nur eine Zwischenstation für ihn. Sein Wechsel im Sommer in die USA ist bereits fix, er will an der Gonzaga University im Bundesstaat Washington als College-Basketballer auf sich aufmerksam machen. Das klare Ziel: ein Platz in der besten Basketballliga der Welt. So wie es auch die aktuellen NBA-Profis Jalen Suggs (Orlando), Domantas Sabonis (Sacramento) und Chet Holmgren (Oklahoma City) aus der Gonzaga University geschafft haben. „Es wäre ein riesiger Traum, wenn ich es in die NBA schaffen würde“, sagte Kayil. Den Weg über das College in die NBA ist auch Franz Wagner erfolgreich gegangen. „Es ist gut zu sehen, dass es funktioniert“, sagte Kayil. „Dadurch weiß ich: Es ist möglich, es gibt Wege. Und mein Weg ist höchstwahrscheinlich ähnlich. Das stärkt auf jeden Fall den Glauben daran, dass es klappen kann.“
Schon jetzt gilt er bei einigen Experten als potenzieller First-Round Pick beim NBA Draft. „Ich will jetzt nicht daran denken, dass er uns im Sommer wieder verlässt“, sagte Ojeda: „Ich möchte ihn jetzt im Alba-Trikot genießen.“ Auch Kayil selbst schaut noch nicht so sehr in die Zukunft, zu sehr ist er bei Alba aktuell gefordert. „Ich bin da eher im Hier und Jetzt“, sagte der Youngster. Die Zukunft könne er ohnehin kaum beeinflussen, aber er könne sein Bestes geben „und schauen, was dabei rauskommt“. Experten sind sich einig: Kayil landet früher oder später in der NBA. Mit dem Basketball angefangen hat er bei seinem Heimatverein TuS Neukölln, und der Schritt zu Alba war für ihn als damals 13-Jähriger ein großer. „Ich habe etwas mehr darüber nachgedacht“, gab er zu. Gut für ihn und Alba, dass es damals zur Zusammenarbeit kam. Davon profitieren heute alle.