Jetzt gilt’s: Bei der UAE-Tour wird sich zeigen, wie gut die Frühform von Remco Evenepoel nach seinem spektakulären Wechsel zu Red Bull wirklich ist.
Der spektakuläre Wechsel von Radstar Remco Evenepoel zum deutschen Team Red Bull-Bora-hansgrohe hat seinen Ursprung in einer Etappe bei der Dauphiné-Rundfahrt. Damals sei er in der Spitzengruppe als Letzter des Teams Soudal Quick-Step auf sich allein gestellt gewesen, erinnert sich der Belgier. „Nach sehr vielen Anstiegen kamen wir mit einer erstklassig besetzten Gruppe in ein Tal“, erzählt er: „Ich habe mich umgesehen, und da waren drei oder vier Red-Bull-Fahrer in unserer Gruppe. Und ich dachte: ‚Mann, ich bin hier komplett alleine, und die fahren hier mit vier Jungs herum.‘“ Dieser Moment hat bei ihm mächtig Eindruck hinterlassen. „Am Abend nach der Etappe konnte ich nur an eine Sache denken: ‚Stell dir nur mal vor, wie es wäre, wenn ich so geschützt wäre, wenn wir den Anstieg zu fünft in Angriff nehmen könnten.‘“ Dieser Gedanke habe ihn „wahnsinnig motiviert“ – und schließlich zur Erkenntnis gebracht, dass ein Wechsel zu Red Bull der genau richtige Schritt zur richtigen Zeit sei. Auch wenn das bedeutet, dass die teaminterne Konkurrenz deutlich größer ist als bei seinem Ex-Team. „Ich muss einfach bereit sein, denn es gibt jetzt immer einen Teamkollegen, der in der Lage ist, meine Leaderrolle zu übernehmen“, sagt der 26-Jährige.
Damit ist vor allem Florian Lipowitz gemeint. Der deutsche Shootingstar hat mit dem dritten Platz bei der Tour de France 2025 bewiesen, dass er inzwischen auch zu den besten Klassementfahrern der Welt gehört. „Ich denke, nach dem Jahr habe ich auf jeden Fall ein anderes Standing im Team“, sagte Lipowitz. Das bestätigt Teamchef Ralph Denk unumwunden: „Wir glauben langfristig an ihn. Wir glauben, dass er vielleicht sogar noch besser werden kann, als er jetzt ist.“
Warum aber dann schätzungsweise zwei Millionen Euro an Ablöse und noch einmal ein stattliches Gehalt für einen Evenepoel investieren? Die schonungslos ehrliche Antwort darauf lautet: Ansonsten hat man gegen Ausnahmekönner Tadej Pogacar beim wichtigsten Radrennen der Welt, der Tour de France, keine Chance.
„Mit einer Doppelspitze Lipowitz/Evenepoel ist es leichter, Pogacar mal zu knacken“, meint auch Jan Ullrich. Deutschlands bislang letzter Tour-Sieger (1997) sagt: „Ich kann Red Bull nur gratulieren. Remco ist ein Superstar. Mit ihm mischt das Team in der absoluten Spitze mit.“ Der Saisonstart verlief schon mal vielversprechend: Bei den ersten drei Rennen auf Mallorca glänzte der Doppel-Olympiasieger und holte drei Siege – unter anderem beim Mannschaftszeitfahren mit Lipowitz bei der Mallorca-Challenge. „Das gibt einen großen Motivationsschub“, sagte er hinterher, „und es ist immer gut, die Saison mit frühen Erfolgen zu beginnen.“ Auch Lipowitz war begeistert. Es sei „super cool“, so früh in der Saison schon ganz oben auf dem Treppchen zu stehen. „Ich glaube, für die Mannschaft ist das ein großer Erfolg“, sagte der 25-Jährige.
Die erste richtige Bewährungsprobe kommt aber erst jetzt. Bei der UAE-Tour vom 16. bis zum 22. Februar wird sich zeigen, wie gut die Frühform Evenepoels und des Red-Bull-Teams wirklich ist. Denn die Konkurrenz bei der achten Auflage ist groß: Im Kampf um den Gesamtsieg wird sich Evenepoel unter anderem mit dem zweimaligen Tour-de-France-Gewinner Jonas Vingegaard aus Dänemark und Mexikos Radhelden Isaac Del Toro messen müssen. Der Topstar aber fehlt. Pogacar, der das Heimrennen seines Arbeitgebers im vergangenen Jahr gewonnen hatte, verzichtet in diesem Jahr auf einen Start.
Evenepoel hat große Ambitionen
Alle 18 World-Teams sind am Start, darunter neben Red Bull-Bora-hansgrohe auch Lidl-Trek aus Deutschland. Das Streckenprofil dürfte ganz nach dem Geschmack von Evenepoel sein: anspruchsvoll, aber nicht extrem schwierig. Die zwei Bergankünfte sind als mittelschwer einzustufen, bei der Zeitfahretappe geht der Belgier als Topfavorit an den Start. Vor dem Wettbewerb fand bereits die UAE-Tour der Frauen statt. Das Hauptaugenmerk liegt aber bei den Männern – und hier vor allem auf dem zu erwartenden Dreikampf zwischen Evenepoel, Vingegaard und Del Toro. Für einen Start bei der zweiten Rundfahrt der Saison in der WorldTour hatte sich Evenepoel relativ kurzfristig entschieden. Denn eigentlich wollte er in dieser Zeit im Höhentrainingslager an seiner Form arbeiten. Doch der Radstar veränderte seine Planungen leicht, um in den Vereinigten Arabischen Emiraten doch dabei sein zu können. So wie 2023, als er die Gesamtwertung vor dem Australier Luke Plapp für sich entscheiden konnte. Ein Sieg in diesem Jahr wäre genau das Richtige, um aus dem gelungenen Start für sein neues Team einen perfekten zu machen und die Skeptiker des Mega-Wechsels vorerst zum Schweigen zu bringen.
„Ich will bei jedem Rennen vorne dabei sein und um den Sieg fahren. So möchte ich arbeiten, und so gehe ich gern durch die Saison“, sagt Evenepoel. Die UAE-Tour spielt dabei eine wichtige Rolle, denn natürlich ist noch längst nicht alles so eingespielt wie bei seinem früheren Team Quick-Step, wo wirklich komplett alles auf den belgischen Sportstar ausgerichtet war. „Die ersten Rennen werden sehr wichtig sein“, sagt Evenepoel, „um das Team kennenzulernen.“ Und was hilft am besten bei der Eingewöhnung? Natürlich Erfolge. Und die will Evenepoel liefern. Die muss er angesichts des Gesamtvolumens seiner Verpflichtung auch liefern.
„Ich würde einfach gerne wieder viele Rennen gewinnen. So wie 2022, 2023 und 2024“, sagt er mit Hinweis auf die verletzungsbedingt nicht ganz so erfolgreiche Vorsaison. Er brauche jetzt „ein Jahr, in dem es läuft, ohne größere Probleme, Verletzungen oder Krankheiten“. Deshalb sei sein Hauptziel in seiner Premierensaison für Red Bull auch, „nicht von einem Postauto erwischt zu werden“.
Hintergrund: In der Vorbereitung der Vorsaison war er bei einer Trainingsausfahrt in eine geöffnete Tür eines Postautos gefahren. Dabei hatte er sich Frakturen an einer Rippe, dem rechten Schulterblatt und seiner rechten Hand zugezogen. Eine Lungenprellung und eine Luxation des Schlüsselbeins vollendeten das schwere Verletzungsbild. All das warf ihn weit zurück und war auch ein Grund, warum er bei der Tour de France nicht im Vollbesitz seiner Kräfte an den Start ging. So musste er in den Pyrenäen aufgeben.
Bei seiner Tour-Premiere 2024 war der Zeitfahr-Spezialist als Dritter gleich aufs Podium gestürmt und hatte in seiner Heimat Hoffnungen geweckt, dass Belgien in naher Zukunft endlich mal wieder einen Tour-Sieger feiern kann. Mit dem Wechsel zum finanzstarken Red-Bull-Team sind diese Hoffnungen wieder gestiegen, und Evenepoel versucht auch gar nicht erst, die Erwartungen zu dämpfen. Es komme zwar auch auf die Form von Pogacar und Vingegaard an, aber: „Mein Selbstvertrauen ist immer recht hoch, und wenn das Gefühl da ist und die Zahlen stimmen, dann gehe ich auf den Sieg, das ist doch klar.“
Zwei Topfahrer sollen Pogacar „knacken“
Aber ist Tour-Dominator Pogacar, der die Große Schleife in Frankreich schon viermal gewinnen konnte und zuletzt nicht einmal ansatzweise in Gefahr geraten war, wirklich zu bezwingen? Ja, meint Evenepoel. „Sonst würden wir doch nicht an den Start gehen. Wir versuchen, in jedem Rennen, in jeder Saison, in jedem Jahr näherzukommen. Wir werden vom Sponsor bezahlt, Rennen zu gewinnen.“
Die Experten sind sich einig: Mit einer Doppelspitze Evenepoel/Lipowitz wird es einfacher, den Ausnahmefahrer Pogacar auszubremsen. Die Konstellation ermöglicht der Sportführung ganz neue taktische Möglichkeiten. „Einen Pogacar kriegt man nur geknackt, wenn man zwei Topfahrer im Team hat und den so in die Mangel nimmt“, sagt Rick Zabel. Für den Ex-Profi und Sohn von Sprint-Ikone Erik Zabel steht fest: „Bora ist da jetzt in einer luxuriösen Situation.“ Denn dem Team sei es relativ egal, ob der Belgier oder der Deutsche am Ende vor Pogacar stehe. „Es ist besser, zwei Eisen im Feuer zu haben als nur eins.“ Und auch Evenepoel werde davon profitieren. Dieser habe „große Ziele“, so Zabel, „und Bora spielt eben in einer anderen Liga. In einem besseren Team ist es leichter, große Rundfahrten zu gewinnen.“
Bei der WM im Vorjahr in Ruanda konnte Evenepoel seinen großen Widersacher Pogacar nicht nur schlagen, sondern ihn beim Zeitfahren gar etwas demütigen. Beim letzten Anstieg wurde der Slowene vom zweieinhalb Minuten später gestarteten Belgier überholt. „Natürlich bin ich enttäuscht, dass mich Remco überholt hat“, haderte Pogacar damals: „Es ist unfassbar, wie gut er in dieser Disziplin ist.“ Doch der Ausnahmekönner schlug zurück und besiegte Evenepoel anschließend im WM-Straßenrennen, bei der EM in Frankreich und bei der Lombardei-Rundfahrt.
Im Red-Bull-Team sieht Evenepoel nun bessere Chancen für das Duell mit dem Dauersieger, zumal er reichlich Vertraute mitbringen konnte: Sein wichtiger Helfer Mattia Cattaneo ist ebenfalls zum deutschen Team gewechselt, ebenso Sportdirektor Klaas Lodewyck, Pfleger David Geeroms und Mechaniker Dario Kloeck. Doch die Experten sind sich einig: Evenepoels wichtigste Person bei Red Bull dürfte in Zukunft Florian Lipowitz sein – aber auch dessen sportlich gefährlichste.
Er werde „natürlich“ dem Deutschen seine Helferdienste anbieten, „wenn er die Chance hat, Dritter, Zweiter oder Erster zu werden und ich komplett raus bin“, bekräftigte Evenepoel: „Ich denke, deshalb fahren wir zu zweit. Es ist auch ein Geben und Nehmen.“ Ullrich glaubt, dass Lipowitz von der Konstellation so oder so profitieren werde: „Es ist für Lipo ganz wichtig, dass nach seinem dritten Platz bei der Tour de France nicht der maximale Druck auf ihn gelenkt wird. Mit Remco verteilt sich der Druck – erst recht bei den großen Rundfahrten. Wenn Evenepoel sagt, er möchte bei der Tour de France Kapitän sein, nimmt das Druck von Lipowitz. Und am Ende entscheiden sowieso die Beine.“