Als jüngster Spieler, dem der Karriere-Grand-Slam gelingt, gewinnt Carlos Alcaraz den Happy Slam in Australien. Mit dem Finale gegen „Oldie“ Djokovic. Und nach dem drittlängsten Match der Turniergeschichte, beim Halbfinale gegen Alexander Zverev.
Der Pokal neben ihm glänzte. „Inspirierend“ nannte der 22-jährige Carlos Alcaraz alles, was Novak tue. Jener „Djoker“ genannte Djokovic, der 16 Jahre älter als der neue spanische Tenniskönig und übrigens überzeugter Veganer ist. Ob sich Carlos die positiven Effekte grüner Kost von Djokovic abgeguckt hat? Wobei Alcaraz nicht zu Grünzeug, sondern zu einem grün schimmernden Fläschchen griff, das wohl Essigwasser enthielt, in dem einst Gürkchen eingelegt waren. Ein Mittel, auf das manche Sportler bei Krämpfen schwören. Das aber keineswegs zur Nachahmung empfohlen wird, zumal bei Problemen mit Blutdruck und Nieren.
Den jungen Alcaraz haben, dem Vernehmen nach, die schnelle Wirkung von Gurkenwasser und eine kleine Auszeit gerettet: Vor einem Abbruch seines letztlich fünf Stunden und 27 Minuten währenden Rekord-Matches gegen den Hamburger Sascha Zverev. Heftige Krämpfe hätten den Spanier beinahe den Einzug ins Endspiel gegen Novak Djokovic gekostet. Und den Gewinn des letzten ihm noch fehlenden der vier verschiedenen Grand-Slam-Titel.
Zverev wartet auf den Titel
Im Melbourne-Finale hatte der krampferprobte Alcaraz Glück unter Schmerzen: Der Physio durfte sich ausführlicher ansehen, was die Nummer eins der Weltrangliste so heftig zwickte. Warum Carlos „was in den Adduktoren“ verspürt hatte. Einen Stich, der ihm ein erholsames Medical Time-out im dritten Satz bescherte.
Dem mutmaßlichen Gurkenwasser in Alcaraz’ Fläschchen ging die „Apotheken Umschau“ nach. Das Kundenmagazin berichtet: „Die starke Säure und der intensive Geschmack des Gurkensafts lösen im Mund einen Reflex aus, der ein Signal sendet, das die krampfenden Muskeln entspannt.“
Der Spanier spielte weiter und war eine Stunde nach dem großen Krampfen wieder so topfit, dass er sich mythische Rallyes gegen „Sascha“ Zverev lieferte. Entspannt und entfesselt, trotz der hohen Temperaturen bei offenem Dach. Der 22-Jährige mit dem sonnigen Gemüt gewann das Halbfinale des Happy Slams.
So ein Halbfinale in der Hitze des australischen Sommernachmittags sucht sich keiner freiwillig aus. Besonders keiner, der, wie Zverev, mit Diabetes bei extremer Wärme klarkommen muss. Sinner und Djokovic durften am Abend spielen. Die Nummer zwei und vier im Ranking mussten lange warten, bis Alcaraz und Zverev fertig miteinander waren. Beide hielten 327 Minuten durch. Mit ihren Stürmen ans Netz verkürzten sie die kräftezehrende Partie ein wenig. Der Welt-Erste und -Dritte umarmten sich am Ende ihrer Spitzen-Kür in fünf Sätzen freundschaftlich. Der Krampf zwischendurch schien vergessen.
Er wolle über die Time-out-Szene „eigentlich nicht reden jetzt“. Schließlich sei es „einer der besten Fights“ in Australien gewesen, sagte ein müder Zverev. Taktische Zaubereien beider Spieler, lange Ballwechsel, schnelle Punkte und ein Rekord. Kein anderer deutscher Spieler hat bislang wie Zverev 24 oder mehr Spiele bei einem einzigen Grand Slam ausgefochten.
Seine Niederlage habe daran gelegen, dass er beim Stand von 5:2 Spielen den zweiten Satz nicht „ausserviert“ habe. Wenn ich den zweiten Satz gewonnen hätte, und dann kommen seine Krämpfe im dritten Satz dazu“, sagte der Finalist von 2025, „hätte das den Unterschied ausmachen können“. Beim härtesten Match in der Karriere des 28-Jährigen.
Ärger über Alcaraz’ Verletzungs-Pause
„Normalerweise darf man wegen Krämpfen keine Auszeit nehmen“, sagte Deutschlands bester Tennisprofi. „Was soll ich machen? Mir hat es nicht gefallen, aber es ist nicht meine Entscheidung.“ Während der Drei-Minuten-Pause hatte er sich gegenüber dem Schweizer Oberschiedsrichter mit Worten aufgeregt, deren Inhalt er später mit „Bullshit“ zusammenfasste. Der 28-Jährige resümierte: „Ein unglaublicher Kampf, eine Schlacht. Ein unglückliches Ende für mich. Aber um ehrlich zu sein: Ich hatte nichts mehr übrig.“ So sei es nun mal. „So ist das Leben.“
Zverev pocht aufs Positive: „Wir sind beide ans absolute Limit gegangen. Ich bin auch stolz auf mich, wie ich drin geblieben bin und mich aus einem Zwei-Satz-Rückstand zurückgekämpft habe. Natürlich ist es enttäuschend. Aber das Jahr geht gerade erst los. Wenn ich weiter so spiele, so trainiere, dann kann das ein sehr gutes Jahr für mich werden.“
Vielleicht wartet doch noch der Traum-Titel auf den Hamburger? Immerhin ist Zverev zehn Jahre jünger als Djokovic. Und die beiden amtierenden „Mauern“ im Tennissport, Alcaraz und Sinner, zeigten beide in den Halbfinal-partien, dass sie Schwachstellen besitzen. Wenn nicht in den Achillesfersen, dann doch in den Adduktoren und in der Kunst ihrer Gegner. Boris Becker attestierte Sascha Zverev: „Der hat so gut Tennis gespielt. Mit dieser Form, mit dieser Leidenschaft, bin ich sicher, kann er einen Grand Slam irgendwann gewinnen. [...] Wenn er die Chance hat, irgendwann wird er sie nutzen.“
So wie Alcaraz das Duell der Generationen und Rekorde für sich entschied, als er den 38-jährigen Novak im Finale der Australian Open 2026 besiegte. Jenen Djokovic, der seine Grand-Slam-Ausbeute so gern mit Titel Nummer 25 abrunden würde. Den einstigen Federer-Nadal-Rivalen, der heuer in einem Fünf-Satz-Halbfinale Jannik Sinner bezwang: den Champion der vergangenen beiden Jahre. Erst im Finale fehlte dem 38-Jährigen die Kraft in den Beinen, sodass er dem flinken Carlos Alcaraz unterlag.
Zuvor hatte der Djoker es leichter: Lorenzo Musetti gab nach zwei gewonnenen Sätzen im Viertelfinale wegen einer schweren Oberschenkelverletzung auf, Novak zog ohne Sieg weiter ins Halbfinale.
Showman Gaël Monfils und Stan Wawrinka, Titelträger von 2014, gingen für immer weg vom Grand-Slam-Turnier in Melbourne. Bedauert und bejubelt vom Publikum. Monfils blieb noch wegen Elina: Die 30-jährige Svitolina besiegte im Achtelfinale einen der Teenager-Stars des Turniers, die 18-jährige Russin und Weltranglisten-Achte Mirra Andreeva, sowie im Viertelfinale die Weltranglistendritte Coco Gauff. Nachdem die Ukrainerin der Belarussin Aryna Sabalenka im Halbfinale unterlegen war, verweigerte Svitolina ihr, wie auch Andreeva, wegen ihrer Herkunft den Handschlag.
Deutsche Damen waren früh draußen
Die zweifache Melbourne-Championesse Sabalenka musste sich im Finale der Kasachin Elena Rybakina geschlagen geben. Eine Favoritin auf den Titel war Naomi Osaka. Die Japanerin fiel mit extravaganten, symbolträchtigen Outfits auf, bevor sie zum Achtelfinale mit einer Bauchverletzung ausfiel.
Wenig happy waren die deutschen Damen. „Natürlich sind wir ein bisschen geknickt, dass nach der zweiten Runde alle Deutschen draußen sind“, sagte Bundestrainer Torben Beltz. Vor zehn Jahren war er mit Australian-Open-Siegerin Angelique Kerber zur Wetteinlösung in schmutziges Flusswasser gesprungen. Heuer trug die einstige deutsche Nummer eins vor dem Halbfinale den Pokal auf den Court.
Nichts war’s mit „Lucky“ mehr bei Lys, wie im vorigen Jahr: Außer einer Knieverletzung gab es für die Hoffnung auf eine „neue Kerber“ in diesem Jahr nichts zu holen. Eva Lys, Tatjana Maria und Ella Seidel waren gegen bezwingbare Gegnerinnen in der ersten Runde ausgeschieden. Mariella Thamm erreichte beim Juniorinnen-Wettbewerb mit 16 Jahren immerhin die zweite Runde. Laura Siegemund kam gegen die australische Qualifikantin Maddison Inglis knapp nicht über die zweite Runde hinaus. In der ersten Runde hatte sie sich nach einem 0:6, 2:5 und 15:30 gegen Ljudmila Samsonowa zurückgekämpft. Kommentar der Schwäbin: „Aber des isch halt Tennis, gell? Es ist rum, wenn es rum ist.“ „Sie ist wirklich eine Löwin. Sie ist auch vielleicht ein Beispiel für die jungen deutschen Tennisdamen, was man wirklich mit der richtigen Einstellung, einer guten körperlichen Fitness erreichen kann“, lobte Boris Becker die 37-Jährige bei Eurosport.
„So ist Tennis“, sagte auch der Kemptener Daniel Altmaier, nachdem die Nummer 44 der Weltrangliste eine heftige Erstrunden-Pleite gegen Marin Čilić einstecken musste: 0:6, 0:6, 6:7. Yannick Hanfmann immerhin zwang den späteren Turniersieger Alcaraz in Runde zwei in einen Tiebreak. Jan-Lennard Struff verlor, ausgepowert wie die kaputte Hawk-Eye-Anlage, einen Fünfsatz-Krimi gegen den Tschechen Vit Kopriva. Doch Nachwuchs ist beim DTB da: Jamie Mackenzie erreichte das Achtelfinale bei den Junioren, Oliver Majdandzic ebenda die zweite Runde.