Hollywoodstar Colin Farrell über seinen Film „Ballad of a Small Player“, die verrückten Dreharbeiten in Macau, welche Spuren der frühe Ruhm bei ihm hinterließ, wie er seine Süchte in den Griff bekam und warum ihn Preise misstrauisch machen.
Mr. Farrell, ihr letzter Film „Ballad of a Small Player“ war ein exzessiver Film. Warum wollten Sie sich diesem kreativen Strudel aussetzen?
Die Dreharbeiten zu „Ballad of a Small Player“ haben mir physisch und psychisch sehr viel abverlangt. Aber ich wollte unbedingt bei diesem Projekt dabei sein, weil ich finde, dass Edward Berger ein ganz fantastischer Regisseur ist. Ich habe seine Filme „Im Westen nichts Neues“ und „Konklave“ gesehen sowie seine Serie „Patrick Melrose“ und bin seither ein großer Fan von ihm. Er weiß sehr genau, wie er eine Geschichte packend erzählen kann. Als ich das Drehbuch las, war ich wie elektrisiert.
Der Film macht einen fast schwindlig – bei all dem hektischen Tempo, dem Lärm, den grellen Farben …
… ja, er ist sehr, sehr intensiv. Das liegt auch zum Teil an Macau, wo wir gedreht haben. Macau ist ja das Las Vegas Asiens. Ein Paradies für Spieler – oder eben die Hölle. Da wir den Spielbetrieb in den Casinos für unsere Dreharbeiten nicht stoppen konnten, haben wir live in den Spielhallen gedreht, und das war oft sehr chaotisch, ja fast psychotisch. Macau liegt auf einer Insel gegenüber von Hongkong und ist mit der Fähre binnen einer Stunde erreichbar. Wer nach Macau kommt, ist reif für den Wahnsinn. Dort gibt es nicht nur jede Menge Casinos, sondern auch den Eiffelturm, Big Ben und die Rialto-Brücke inklusive Gondeln, wie in Venedig. Die ganze Zeit hört man nur die „Bing-Bing-Bing“-Klänge der Spielautomaten und Celine-Dion-Songs in voller Lautstärke aus den Lautsprechern. Hier geht es nur um Geld, Geld, Geld.
Sie spielen Lord Doyle, einen High Roller, der gern hohe Summen am Baccara-Tisch setzt – und mal gewinnt, mal verliert. Er ist körperlich und emotional ziemlich ausgelaugt. War es sehr anstrengend dieses Wrack zu spielen?
Ja, Doyle steht ständig unter enormen Druck; das geht massiv auf seine Gesundheit und macht ihn fast wahnsinnig. Ich habe ihn wie im Fieber gespielt: mit all seinen Ängsten, seiner Verzweiflung, seiner Paranoia. Er befindet sich in einem spirituellen und emotionalen Vakuum. Er sieht in seinem Leben keinen Sinn mehr. Kurz: Er ist süchtig nach Alkohol und Glücksspiel. Gott sei Dank hatte ich auch ein paar Szenen mit der wunderbaren Fala Chen. Sie spielt einen Kredithai, der mit Doyle Mitleid hat. Wenn ich bei ihr war, konnte ich endlich runterkommen und mich etwas beruhigen. Es gab sogar ein bisschen Zärtlichkeit zwischen uns. Das zu spielen war sehr gut für mein Seelenheil.
Haben Sie selbst schon mal in Casinos gezockt? Baccara, Poker, Roulette?
(lacht) Ich hatte viele Laster, aber die Spielsucht gehörte – zum Glück – nicht dazu.
Sie standen auch wieder mit Tilda Swinton gemeinsam vor der Kamera…
… ach, ich liebe es, mir ihr zu spielen! Sie ist eine faszinierende Frau und eine ganz großartige Schauspielerin. Es gibt da eine Vertrautheit zwischen uns, die ich selten bei anderen Menschen spüre. Und sie ist immer so spielerisch, so einfühlsam, so auf dem Punkt. Wir hatten viel Spaß miteinander.
Wie sind Sie eigentlich zur Schauspielerei gekommen? Stimmt es, dass Sie viel lieber Fußballer geworden wären?
Das war tatsächlich der größte Traum meiner Kindheit. Ich war als Fußballer ziemlich talentiert und habe sogar eine Zeit lang als Profi bei den Shamrock Rovers in Dublin gespielt, genau wie mein Vater. Mein Vater war ein schwieriger Mensch, der sehr verschlossen war. Wir konnten nicht über viele Dinge reden –
außer Fußball. Als Teenager habe ich dann aber doch lieber Mädchen den Kopf verdreht, statt mich auf dem Fußballplatz abzuquälen. Dann kam der erste Whisky-Rausch, der erste Joint – und es dauerte nicht lange, bis ich beim Training nicht mehr mithalten konnte. Mit dem Fußballspielen aufzuhören war also keine bewusste Entscheidung, sondern lag eher an meiner mangelnden Kondition.
Und wie ging es dann mit Ihnen weiter?
Meine ältere Schwester Catherine ging auf eine Schauspielschule und da habe ich zum ersten Mal begriffen, dass die Schauspielerei auch ein Handwerk ist, dass man lernen kann. Ich bin aber auch schon seit ich denken kann sehr gern ins Kino gegangen. Dabei habe ich viel gelernt. Filme geben einem die Möglichkeit, einen Blick in andere Kulturen zu werfen. Das öffnet einem doch ganz neue Welten. „Indiana Jones“, „Back to the Future“ – das waren die prägenden Filme in meiner Kindheit. Und später habe ich mir natürlich auch amerikanische Klassiker angesehen und europäische Filme, zum Beispiel von Wim Wenders, oder asiatische von Wong Kar-Wai. Das war eine ganz großartige kulturelle Erziehung. Mit Anfang 20 bin ich dann beim irischen Fernsehen gelandet und habe dort in ein paar Mini-Serien mitgespielt. Die Schauspielerei hat mir schließlich die Möglichkeit gegeben, aus meinem doch sehr beschränkten Dunstkreis herauszutreten, andere Menschen kennenzulernen und andere Länder. Das hat meinen Horizont enorm erweitert.
Vor 25 Jahren holte Sie der US-Regisseur Joel Schumacher für sein Kriegsdrama „Tigerland“ vor die Kamera …
… und das hat mein Leben auf einen Schlag verändert. Joel habe ich sehr viel zu verdanken. Er hat mich immer unterstützt und war lange Zeit auch so etwas wie mein Mentor …
… und dann wurden Sie – fast über Nacht – zum heißesten Ticket in Hollywood. Mit Anfang 20!
Das war absolut magisch – hat mich aber auch total überfordert. Ich war ja erst drei, vier Jahre im Filmbusiness tätig. Und plötzlich wollte mich Steven Spielberg neben Tom Cruise für seinen Film „Minority Report“ haben. Und ein Jahr später stand ich Mit Al Pacino für „Der Einsatz“ vor der Kamera. Das war total verrückt! Das waren Stars, die ich noch vor ein paar Jahren im Kino bewundert hatte. Tom Cruise hatte ich als Neunjähriger in „Top Gun“ gesehen. Und Al Pacino in den „Paten-Filmen“ … Ich war 22 – fühlte mich aber wie zwölf. (lacht) Das tue ich übrigens heute noch sehr oft. Damals habe ich versucht, diese überwältigenden Erfahrungen auf ein normales Maß herunterzubrechen. Ich war sehr gut darin, mir einzureden: „Das hat ja alles nicht wirklich etwas zu bedeuten!“ Das war natürlich nur eine Schutzbehauptung, weil ich total verunsichert war. Das Ganze hat mir regelrecht Angst gemacht. Plötzlich wollte jeder ein Stück von mir und alle sagten, wie toll ich doch sei. Verstehen Sie mich nicht falsch: Dieser riesige Erfolg war natürlich ein wunderbares Geschenk des Schicksals – aber es war alles so laut, so grell und so weltumspannend. Darauf war ich nun wirklich nicht vorbereitet. Es hat für mich auch keinen Sinn gemacht. Ich dachte immer, ich hätte das nicht verdient. Aber Glück hat man selten verdient. Man muss aus dem, was man hat, eben das Beste machen.
Nun ja, oder auch das Schlimmste. Spielten damals nicht auch Alkohol und Drogen eine große Rolle in Ihrem Leben?
Anfangs funktionierten Drogen und Alkohol einfach als willkommene Stimulanzien. Und eine Zeit lang halfen sie mir auch, den Hollywood-Wahnsinn auszuhalten. Ich war ständig auf der Überholspur. Ich hatte kein Fundament. Keinen Kompass. Mein Psychiater hat mir damals eine tiefe Depression attestiert und mich davor gewarnt, mich weiterhin mit Drogen zu vergiften, wenn ich nicht emotional total verkümmern wollte. Irgendwann hatte ich dann wohl genug von meinen täglichen Psychosen – und habe das Steuer herumgerissen. Ich bin jetzt schon lange clean. Die erste Rolle, die ich nüchtern gespielt habe, war die in dem Film „Brügge sehen…und sterben“
Für „Brügge sehen … und sterben“ haben Sie 2009 den Golden Globe gewonnen. Und Anfang des Jahres für die Mini-Serie „The Penguin“ ebenfalls. Was für eine Bedeutung haben denn Auszeichnungen für Sie?
Ich misstraue Auszeichnungen, wenn ich ehrlich bin. Ich bin sicher kein Schauspieler, der diesen Job macht um Preise zu bekommen. Tief in mir suche ich tatsächlich immer noch nach einer Art Bestätigung als Schauspieler – und auch als Mensch. Ich frage mich oft: „Bin ich wirklich ein guter Schauspieler?“ Das Beste bei diesen Preisverleihungen ist doch, dass man überhaupt nominiert wurde und somit ein Teil dieser wunderbaren Schauspielergemeinschaft ist. Bei der Schauspielerei gibt es keine Siege – wie beim Boxen oder beim 100-Meter-Lauf. Es ist alles eine Reise, ein Weg. Und man muss verdammt aufpassen: Preise – wie auch Erfolg und Ruhm – sind sehr verführerisch und können dich von all den anderen Menschen trennen. Mir ist das passiert – obwohl mir immer sehr bewusst war, dass ich als Schauspieler in einer Art illusorischen Welt lebe und nicht in der Realität. Doch dann lässt du dir das Essen in deine Villa liefern, hast dein eigenes Fitnessstudio im Keller und einen Personal Trainer. Du gehst nicht mehr hinaus in die Welt. Das ist Vereinsamung auf hohem Niveau. Dagegen muss man täglich ankämpfen, damit einem das nicht passiert.
Und welche Fragen stellen Sie sich als Mensch?
Was bedeutet es, dass ich lebe? Hat mein Leben wirklich einen Sinn? Bin ich ein guter Vater? Ein guter Freund? Was kann ich dazu beitragen, damit mein Leben etwas bedeutet? Okay, ich bin Vater von zwei wunderbaren Söhnen. Für sie da zu sein ist für mich das Schönste und Sinnvollste in meinem Leben.
Muss man sich Colin Farrell als glücklichen Menschen vorstellen?
Ja, ich bin zur Zeit sehr glücklich. Aber ich habe natürlich auch Momente, in denen ich sehr frustriert bin und mir große Sorgen um die Zukunft mache. Doch dann fasse ich wieder Hoffnung und Mut, wenn ich Menschen sehe, die aus Großzügigkeit und Menschenfreude anderen Menschen in Not helfen. Ich habe gelernt, das Leben so zu akzeptieren, wie es kommt.