Die Ausstellung „Haus Lemke – Die Möbel von Mies van der Rohe und Lilly Reich“ im Kunstgewerbemuseum lässt Architektur, Design und Alltag zu einem harmonischen Ganzen verschmelzen. Jedes Stück erzählt von Präzision, hochwertigen Materialien und zeitloser Ästhetik.
Haus Lemke wirkt auf den ersten Blick unspektakulär – gerade darin liegt seine besondere Kraft. Es ist kein pompöses Bauwerk, kein Monument, das überwältigt. Und genau das macht es so bemerkenswert. Hier hat Ludwig Mies van der Rohe ein leises, aber eindrucksvolles Statement hinterlassen: Architektur kann zurückhaltend sein und dennoch eine enorme Wirkung entfalten. Wer das Haus betritt, merkt schnell, dass es bei Mies immer um mehr ging als Mauern, Dach und Fundament. Architektur war für ihn ein Gesamtkunstwerk – ein sorgfältig durchdachtes Zusammenspiel von Raum, Möbeln, Licht und Alltag. Die Ausstellung „Haus Lemke – Die Möbel von Mies van der Rohe und Lilly Reich“ im Kunstgewerbemuseum richtet den Blick auf die Einrichtung. Sie zeigt, dass Mies’ Vision nicht an der Fassade endete, sondern in jedem Detail, in jedem Möbelstück weiterlebte.
Visionen enden nicht an der Fassade
Mies van der Rohe, 1886 geboren, gehört zu den zentralen Gestalten der modernen Architektur. Zusammen mit Le Corbusier, Frank Lloyd Wright und Walter Gropius prägte er das Bauen des 20. Jahrhunderts und veränderte die Vorstellung davon, wie Räume wirken können. Als er 1932 das Haus Lemke entwarf, leitete er das Bauhaus und hatte längst internationale Bekanntheit erlangt. Das kleine Landhaus am Obersee in Alt-Hohenschönhausen sollte sein letzter Wohnhausbau in Deutschland werden, bevor er 1938 in die USA übersiedelte.
Wer heute vor dem Gebäude steht, wird schnell in dessen Bann gezogen. Das eingeschossige, L-förmige Haus liegt still in einem großzügigen Garten, die Bäume und Sträucher rahmen es sanft ein, und die Fassade aus warmen, rotbunten Ziegeln wirkt selbstverständlich und doch präzise durchdacht. Das Bauwerk entstand mit begrenztem Budget auf dem Seegrundstück und nach den Wünschen des Ehepaars Karl und Martha Lemke, die sich ein „kleines und bescheidenes Wohnhaus“ wünschten – ein Haus, das sich an schönen Tagen zum Garten und dem Wasser hin öffnet, das Licht einlässt und die Natur spürbar macht. Große Fensterflächen, eine Terrasse, die von Backsteinmauern eingefasst wird, und der fließende Übergang vom Inneren nach draußen schaffen Nähe zwischen Wohnen und Natur.
Im Haus Lemke wird eine Haltung spürbar, die Mies sein Leben lang betonte: Qualität entsteht nicht durch Überfluss, sondern durch Klarheit. „Verwechseln Sie bitte nicht das Einfache mit dem Simplen“, sagte er einmal. Und wer durch die Räume geht, versteht sofort, was er damit meinte. Die Wege durchs Haus scheinen eine eigene, feinsinnige Logik zu besitzen: Man bewegt sich fließend, fast intuitiv, von einem Raum zum nächsten, vom ehemaligen Wohnzimmer über die Terrasse in den Garten hinaus.
Das Haus, wie es sich Besuchern heute präsentiert – idyllisch am See, in zeitloser Schönheit in sich ruhend –, lässt wenig von seinem bewegten Leben erahnen. Bis 1945 wohnten Karl und Martha Lemke hier, danach nutzte die Rote Armee das Gebäude als Garage, später diente es der DDR-Staatssicherheit als Wäscherei, Lager und Dienstwohnung. Viele Details wurden verändert, manches zerstört. Erst 1977 wurde das Haus unter Denkmalschutz gestellt, 1990 gelangte es durch bürgerliches Engagement in öffentliche Hand. Heute ist es als „Mies van der Rohe Haus“ ein Ort für Ausstellungen und Forschung, ein Ort, der die Verbindung von Architektur, Kunst und Alltag lebendig hält.
Noch bis zum 15. März sind hier Werke des 2025 verstorbenen Künstlers Horst Bartnig zu sehen. Er zählt zu den prägenden Persönlichkeiten der konkreten Kunst in der DDR und im wiedervereinten Deutschland. Schon früh verband ihn eine enge Beziehung zu dem Haus: Bereits 1994 und 2003 stellte er hier in Einzelausstellungen aus. Nun kehren ausgewählte Werke – von frühen abstrakten Formexperimenten bis zu den späten, komplexen Systemen aus Farbe, Struktur und Geometrie – aus seinem persönlichen Nachlass an diesen Ort zurück.
In der klaren Architektur des Hauses findet Bartnigs Kunst als präziser Denkprozess einen idealen Resonanzraum. Die geometrische Strenge seiner Werke harmoniert mit der Klarheit des Hauses, die Materialien und Proportionen korrespondieren miteinander, als wären sie füreinander geschaffen. Auch die Ausstellung im Kunstgewerbemuseum setzt auf diese Erfahrung, nicht mit Kunst, sondern indem sie den Blick auf die Möblierung richtet – ein Aspekt, der für Mies von Anfang an zentral war. Gemeinsam mit Lilly Reich, seiner Lebensgefährtin und engen Mitarbeiterin, entwarf Mies jedes einzelne Möbelstück. Arbeits- und Schlafzimmer wurden vollständig nach ihren Plänen eingerichtet, im Wohnzimmer wurden vorhandene Möbel harmonisch integriert. Seit den 1920er-Jahren arbeiteten beide zusammen und entwickelten eine Gestaltung, die auf hochwertige Materialien, präzise Formen und handwerkliche Perfektion setzte.
Entgegen den historischen Werbefotografien der Firma Thonet von 1933, die das Haus mit den bekannten Stahlrohrmöbeln zeigten, ist die Einrichtung des Hauses durchgehend aus Holz gefertigt – warm, edel, zurückhaltend. Jeder Raum erhielt eine eigene Holzart, die den Charakter des Zimmers unterstreicht: Zitronenholz für den wandfüllenden Kleiderschrank und das Doppelbett im Schlafzimmer, dunkles Makassar-Ebenholz für Schreibtisch, Bücherschrank und den quadratischen Tisch im Arbeitszimmer. Einige Stücke – darunter Doppelbett, Schreibtischstuhl, Herrensessel und Sitzhocker – wurden mit gelbem Schweinslederpergament bezogen, das den geometrisch klaren Formen eine haptische Weichheit verleiht. Im „Damenzimmer“ lud eine viersitzige Schlafcouch mit cremefarbenem Wollbezug zum Entspannen ein. So entsteht in jedem Raum eine harmonische Verbindung von Form, Material und Funktion – ein Gesamtkunstwerk, das Architektur und Einrichtung untrennbar miteinander verbindet.
Streng, klar und funktional
Die Möbel wurden über mehrere Jahre entwickelt. Erste Entwürfe stammen von 1933, erst 1937 war alles vollständig umgesetzt. Im selben Jahr präsentierte die Deutsche Bauzeitung das Haus ausführlich, begleitet von Fotografien von Max Krajewsky, die die Räume eindrucksvoll dokumentierten. Die Möbel erzählen viel über die Vorstellungen ihrer Zeit: Sie sind streng, klar und funktional, aber niemals kalt. Sie zeigen, dass Moderne nicht Verzicht bedeutet, sondern bewusstes, überlegtes Entscheiden.
Für Karl Lemke war das Haus mehr als nur ein Zuhause. Als Inhaber einer renommierten Berliner Kunst- und Buchdruckerei empfing er hier Gäste, pflegte Kontakte zu Museen und Künstlern. Nach seinem Tod führte Martha Lemke diese Tradition fort. Schließlich vermachte sie den Nachlass – darunter die Möbel – verschiedenen Berliner Museen. 1984 gelangten sie in die Sammlung des Kunstgewerbemuseums. Heute werden sie wieder zusammengeführt und als Teil des architektonischen Gesamtkonzepts präsentiert. Dank der Unterstützung des Freundeskreises der Kulturstiftung der Länder und der Julius-Lessing-Gesellschaft konnte das Mobiliar restauriert und erhalten werden. Die Ausstellung im Kunstgewerbemuseum macht deutlich, dass die Möbel nicht einfach Gebrauchsgegenstände sind, sondern Herzstück einer architektonischen Vision. Hier lässt sich erleben, wie Räume, Möbel und Funktion zu einem harmonischen Ganzen verschmelzen. Hier wird deutlich, dass das Haus Lemke nicht nur ein Wohnhaus, sondern ein lebendiges Gesamtkunstwerk ist – ein Ort, an dem Architektur und Design, Geschichte und Ästhetik unmittelbar spürbar werden.