Simon Verhoeven hat seine Mutter Senta Berger in „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ liebevoll und tragikomisch inszeniert. Aus dem prominent besetzten Schauspielensemble sticht eindrucksvoll der junge Bruno Alexander in seiner ersten Kinofilm-Hauptrolle hervor.
Die Vorlage zum Film „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist der autofiktionale Roman des Bestsellerautors Joachim Meyerhoff aus der „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe. Es ist der dritte Band, in dem Meyerhoff seine „Münchner Jahre“ beleuchtet.
Wie merkt man, am richtigen Ort zu sein? Mit der Antwort auf diese Frage tut sich der 20-jährige Joachim (Bruno Alexander) sehr schwer. Dass er aber am falschen Ort ist, weiß er nach dem Unfalltod seines Bruders ganz genau. Nichts hält ihn mehr in dieser tristen Kleinstadt im hohen Norden und bei einer Familie, in der er sich nicht aufgehoben fühlt. Also wagt er den Sprung in eiskaltes Wasser: Er geht nach München und bewirbt sich an der berühmten Otto-Falckenberg-Schule als Schauspieler. Und wird – zu seiner großen Überraschung – tatsächlich angenommen.
In München zieht Joachim in die Villa seiner Großeltern Inge (Senta Berger) und Hermann (Michael Wittenborn) und taucht unvermittelt in ihre mondäne Welt ein. Inge, einst eine gefeierte Schauspielerin, und Hermann, ein Philosophieprofessor im Ruhestand, zelebrieren tagtäglich ihr mit vielen theatralischen Ritualen durchsetztes elitäres Bildungsbürgertum. Man hortet die letzten Dosen (echter) Schildkrötensuppe und flicht souverän Demosthenes, Dietrich Bonhoeffer und Gretchen in die Gespräche ein. Zum Frühstück gibt es Champagner und abends Rotwein und Cointreau. Dazu hört man meist klassische Musik – am liebsten „Peer Gynt“. Und zwar – aufgrund des erhöhten Alkoholpegels – meist liegend, auf dem Teppichboden des Wohnzimmers. Mit diesen und anderen Marotten versuchen Inge und Hermann, zu diesen unruhigen, modernen Zeiten eine gewisse Distanz zu schaffen. Was aber immer mit sehr viel Würde geschieht. Kultur als Panzer gegen die Banalitäten des Alltags.
Joachim kann aber mit dieser „Welt von Gestern“, auch wenn er sie liebevoll betrachtet, nicht viel anfangen. Er hat seine ganz eigenen Probleme. An der Schauspielschule läuft es alles andere als rund. Dort hat er nämlich große Schwierigkeiten, sich zu öffnen und an den Improvisationsübungen aktiv teilzunehmen. Aufforderungen wie „Sei ein Nilpferd!“ – oder wie die Schauspiellehrerin Gisela Marder (Karoline Herfurth) vorschlägt: „Sei Spaghetti – und jetzt kochende Spaghetti!“ – findet er einfach nur blöd. Und als er sich bei einer Probe zu Goethes „Faust“ in der Walpurgisnacht-Szene zwischen all den sexgeilen Hexen weigert, mit einer riesigen Penis-Attrappe einen Baum zu ficken, steht er kurz vor dem Rausschmiss. Zum Glück bekommt er dann doch noch eine Chance, weil er an der Seite seiner Großmutter im Film eines einst berühmten Regisseurs mitspielen darf. Aber auch da läuft nicht alles nach Plan.
Entscheidende Lektionen fürs Leben
Mit seinem Film „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (ab sofort im Kino) zeigt Regisseur Simon Verhoeven mit wunderbarer Leichtigkeit das Leben in all seinen Facetten: komisch und tragisch, ernst und albern, bitter und süß. Besonders hervorzuheben sind auch die präzisen Charakterzeichnungen seiner Protagonisten, bis hin zu den Nebenrollen. Verhoeven konnte bei seinem Herzensprojekt auch auf eigene Erfahrungen als angehender Schauspieler zurückgreifen. Wie die meisten anderen Darsteller auch. Das gibt den Episoden, die in der und um die Schauspielschule herum stattfinden, einen frischen und authentischen Touch.
Und wenn dann Joachim, der lange Zeit verschlossen wie eine Auster war, endlich aus sich heraus- und aufbricht und vor der Schauspielklasse den Lieblingssong seines toten Bruders – „Tainted Love“ – singt, ist das ein ganz besonders ergreifendes Erlebnis. Hier bewahrheitet sich dann auch der Satz seiner Großmutter: „Niemand kann dir Schauspielerei beibringen, sondern nur Impulse geben. Deinen Weg musst du allein machen.“
Den Namen Bruno Alexander (bisher eher aus TV-Produktionen wie der Serie „Die Discounter“ bekannt) wird man sich merken müssen. Er spielt Joachim in seiner ganz persönlichen Coming-of-Age-Geschichte mit viel Einfühlungsvermögen für die Irrungen und Wirrungen eines jungen Menschen, der seinen richtigen Ort im Leben sucht. Und Senta Berger spielt Inge mit so viel abgeklärter Grande-Dame-Grandezza, dass man sich wünschen würde, man hätte ihr „Shalimar“-Parfum zur Hand, das sie so gern versprühte.
Der Titel „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ entlehnt. Er bezieht sich auf die Lebensfrage nach dem eigenen Selbst. Und dem Streben, eine Leerstelle im Verständnis von sich selbst zu füllen. Oder wie Großvater Hermann es ausdrückte: „Es ist die Sehnsucht und der Schmerz, die alle Menschen in der Brust tragen. Es ist die Lücke zwischen uns und dem, was wir wollen.“ Jahre später sieht man Joachim auf der Bühne aus seinem Buch vorlesen. Er schließt mit dem Satz: „Ich war aus einem Guss, wie die ganze Welt.“