Topfreinigerschwämmchen: die unterschätzte Gefahr
Kennen Sie das? Sie sind gerade einigermaßen im Reinen mit sich und glauben, Sie hätten nichts Dramatisches falsch gemacht im Leben, da wirft eine vergleichsweise unspektakuläre Meldung Sie aus der Bahn? Bei mir wurde eine solche mittlere Sinnkrise ausgelöst, als ich zufällig einen Bericht über Topfreiniger las. Sie kennen diese gelben, handlichen Spülschwämmchen mit dunkelgrünem Scheuerschwamm an der Unterseite? Und Sie kennen die Dinger nicht nur, sondern benutzen sie – wie ich – seit Jahrzehnten? Ja? Oha, dann wird’s eng für Sie, denn Sie leben in einem toxischen Haushalt.
Toxisch können Beziehungen sein oder (zumeist männliche) Partner. Oder eben Haushaltsmittel wie Scheuerschwämmchen, denn die gehören – wie hätte man das ahnen können – zu den häufigsten Verursachern von Mikroplastik im Haushalt. Bei jedem Drüberwischen über das Geschirr lösen sich winzige Kunststoffpartikel ab (Polyester oder Polyurethan). Besonders stark geschieht dies beim Reinigen von Eingebranntem in Töpfen oder Pfannen. Und je länger man das Schwämmchen benutzt, desto heftiger wird der Plastikabrieb.
Also, ich hab’ mit den Dingern immer geschrubbt, bis von der grünen Unterseite nix mehr übrig war. Außerdem habe ich bereits früh im Leben den Fehler begangen, nicht gleich als Erstes eine Geschirrspülmaschine anzuschaffen, wollte aber meine Pfannen stets ordentlich sauber haben. Großer Fehler: Dann war zwar die Restkruste der Frikadellen aus der Pfanne weg, dafür aber tüchtig Mikroplastik drin, das beim nächsten Rührei prompt mit in die Nahrungskette kam. In meine Nahrungskette.
Spezialisten meinen, pro Topfreinigerschwämmchen würden etwa 15 Gramm Mikroplastik freigesetzt. Eine Gefahr, die ich nicht hab’ kommen sehen. Ich habe, was ich wohl lieber hätte bleiben lassen sollen, mal hochgerechnet, dass ich bislang so etwa 250 Scheuerschwämmchen in meinen Töpfen zerrieben und mich so selbst systematisch vergiftet habe. Inzwischen müssten sich an die dreieinhalb Kilo Mikroplastik in meinem Körper angesammelt haben und dort (ich frage mich: wo?) gespeichert sein. Das sind, nebenbei bemerkt, genau die dreieinhalb Kilo, die ich laut WHO-Empfehlung zu viel wiege. Das kommt also gar nicht vom fetten Essen und der Schokolade!
Ich habe nie geraucht und nur mäßig Alkohol getrunken, aber bedeutet diese Topfkratzer-Sache, dass Leute, die ihr Leben lang gequarzt und gebechert haben und dabei nachlässig beim Pfannenreinigen waren, jetzt medizinisch gesehen an mir vorbeiziehen, nur weil ich regelmäßig und gründlich mein Kochgeschirr saubergescheuert habe? Und falls ja, was kann man da jetzt noch tun?
Nein, keine Angst, ich fange nicht aus Trotz noch das Rauchen an. Man rät mir in verschiedenen Internet-Foren, auf biologisch abbaubare Luffa- oder Zellulose-Schwämmchen umzusteigen, aber diese Empfehlung unterschätzt den Zustand meiner Pfannen! Ich habe das mal ausprobiert: war ganz okay, aber das umwelt- und gesundheitsfreundliche Wegschrubben einer ordentlich eingebrannten Panade wird so bei mir zu einem mittleren Workout-Training.
Ich hab’ dann mal drei Tage lang nur Müsli gegessen und meine Pfannen und Töpfe und damit auch meine Scheuerschwämme geschont und noch mal über die ganze Sache in Ruhe nachgedacht. Blöderweise hatte ich mir gerade wieder einen preisgünstigen Zwölferpack gekauft. Dabei bin ich zum Ergebnis gekommen: Man kann sich auch unnötig verrückt machen. Was, wenn ich auch durch jahrelanges Kaugummikauen weiteres Plastik aufgenommen habe, oder dass meine Fleecejacken Mikroteile in meinen Körper abgegeben haben? Ganz zu schweigen von Waschmitteln, um sie zu reinigen? Sogar die guten alten Hautcremes – seit meiner frühen Kindheit eine Allzweckwaffe für alle äußeren Anwendungsfälle, die ohne Arztrezept behandelt wurden – sind mikroplastiktechnisch keinesfalls unbedenklich. Was, wenn am Ende herauskommt, dass ich fast mehr Mikroplastik in mir gespeichert habe als Körperfett?
Schließlich reagiere ich typisch boomerisch, haue mir mit einem „Jetzt isses eh zu spät“ was Ordentliches in die Pfanne – und scheuere diese dann mit dem grünen Teil des Scheuerschwämmchens blitzeblank.