Die „Via Democratia Europa“ hat sich mit einer Ausstellung im Europäischen Parlament präsentiert. Eine Reiseroute, die den Weg zu einem geeinten Europa erlebbar macht, was angesichts der Entwicklungen eine besondere Aktualität entfaltet.
Im Foyer des Europäischen Parlaments in Straßburg herrscht in den Sitzungswochen lebhafter Betrieb. An diesem Tag war es noch voller als sonst üblich. Nach und nach fanden sich Abgeordnete aus der Großregion Saar-Lor-Lux ein. Manuela Ripa aus dem Saarland, Katarina Barley aus Trier, Marc Angel aus Luxemburg, Pascal Arimont aus Belgien, Vertreter der deutschsprachigen Minderheit, Jeroen Lenaers aus den Niederlanden, Fabienne Keller, ehemalige Straßburger Bürgermeisterin und heutige Europaabgeordnete, Sabine Verheyen, frühere Bürgermeisterin in Aachen und heute Erste Vizepräsidentin im Europäischen Parlament. Abgeordnete aus unterschiedlichen Fraktionen, Konservative, Liberale und Sozialdemokraten, die eines zusammenbringt: Sie alle kommen aus Städten, die für die Entwicklung der Europäischen Union zentrale und maßgeblichen Stationen sind. Städte, die mit der „Via Democratia Europa“ verbunden sind.
„Entdecken, was verbindet“
Diese „Via Democratia Europa“ ist ein ziemlich einzigartiges Projekt, entwickelt von einem in Saarbrücken ansässigen kleinen Verein, der auf private Initiative hin entstanden ist. „Europa erlebbar machen“ sei Grundgedanke gewesen, sagt der Vorsitzende, Gerhard Laux. Daraus entstanden ist zunächst ein Reiseführer, der die Stationen europäischer Politik entlang einer Grenzregion über 850 Kilometer verbindet, von Straßburg im Süden bis Maastricht im Norden. Eine Strecke, an der entlang Gedenk- und Mahnstätten an die lange Zeit erinnern, in der um Grenzen Kriege mitten in Europa geführt wurden, an der entlang aber auch die Orte liegen, die mit Symbolkraft für die europäischen Errungenschaften stehen (wie Schengen oder Maastricht) und in denen heute Tag für Tag an der weiteren Entwicklung des Projektes der Europäischen Einigung gearbeitet wird (Straßburg, Luxemburg, Brüssel), oder die wie Trier für 2.000 Jahre europäischer Geschichte stehen, Aachen mit dem großen europäischen Karlspreis oder das Saarland, das „französischste aller Bundesländer“.
Alle diese Stationen wurden in einer Ausstellung zur „Via Democratia Europa“ in Straßburg präsentiert, organisiert über die saarländische Europaabgeordnete Manuela Ripa, der es auch gelungen war, ihre Kolleginnen und Kollegen aus den Städten an der „Via Democratia“ zur gemeinsamen Eröffnung zu gewinnen.
Eine solche Ausstellung mag zu normalen Zeiten vielleicht nicht unbedingt für die ganz große Aufmerksamkeit sorgen. Es sind aber keine normalen Zeiten, erst recht nicht im Europaparlament. Die EU steht massiv unter Druck in der geopolitischen Entwicklung, aber auch im Inneren.
So wurde die Ausstellungseröffnung zugleich zu einem aktuellen politischen Statement. „Die Idee ist faszinierend“, meinte der luxemburgische Europaabgeordnete Marc Angel. Der Politiker aus der S&D-Fraktion (Sozialdemokraten und Sozialisten) betonte: „Gerade heute, wo die Demokratie unter Druck gerät, ist es wichtig. Es ist nicht nur eine Ausstellung über Städte. Es sind Städte, wo Demokratie gelebt wird. Als Luxemburger schätze ich das umso mehr, weil wir wissen, dass es uns als kleinem Land nur gut geht, wenn die Großen miteinander reden und miteinander arbeiten, das macht alle sicherer. Dieses Projekt ist ein Demokratieprojekt, aber auch ein Friedensprojekt. Es wird oft vergessen, dass sich Europa aus der Asche des Zweiten Weltkriegs aufgebaut hat. Und übrigens auch die UN, die Vereinten Nationen, die jetzt auch unter Druck sind. Die Demokratie ist unser höchstes Gut, und unsere Region hat auch mit dazu beigetragen. Wir dürfen uns nicht auseinanderdividieren lassen und müssen weiter zusammenarbeiten.“
Das bezog Angel auch auf die Entwicklung innerhalb des Europaparlaments, in dem sich die Atmosphäre seit der letzten Europawahl deutlich verändert hat. „Gerade jetzt müssen wir aufpassen, dass wir nicht Extremen nachlaufen, sondern uns in der Mitte finden, und immer wieder sagen: Gemeinsam sind wir stark – getrennt sind wir schwach. Weder Putin noch Trump wollen ein starkes Europa. Deshalb finde ich es gerade so wichtig, dass wir aufpassen, dass deren Taktik, uns auseinanderzudividieren, nicht aufgeht.“ Die Ausstellung zur Straße der Demokratie macht nachhaltig deutlich, welche Errungenschaften auf dem Spiel stehen. Aber auch, dass sich Europa mit eben diesen Errungenschaften nicht zu verstecken braucht. Für die saarländische Europaabgeordnete Manuela Ripa ist die Ausstellungseröffnung ein besonderes Signal: „Es waren sieben Kolleginnen und Kollegen da – und das war ja auch nicht ganz einfach. Das zeigt aber, dass Europa allen am Herzen liegt und dass wir diese Idee hochhalten wollen. Es war ein wichtiges Symbol, gerade in dieser Zeit, in der es sehr stürmisch ist.“ Dass ihre Idee zu diesem besonderen Reiseführer eine solch aktuelle Wirkung entfaltet, damit hatte auch Gerhard Laux kaum gerechnet.
„Wichtiges Symbol in stürmischer Zeit“
Ex-Staatssekretär Joachim Kiefaber wies für den Verein darauf hin, dass nach den gemeinsamen Erfahrungen entlang der Europastraße der Demokratie die Bevölkerung der Grenzregion besonders europaorientiert sei („Premium-Europäer“). Ein weiterer konkreter Erfolg sei die vom Vizepräsidenten des Vereins Dieter Quack initiierte Zusammenarbeit der vier deutschen und französischen Kommunen Remelfingen, Sulzbach, St. Avold und Dudweiler, deren Repräsentanten bei der Eröffnung mit besonderem Applaus begrüßt wurden. Für Manuela Ripa eine Bestätigung dafür, dass „uns diese Ausstellung Europa noch mal näherbringt und das, worum es geht. Und was wir gemeinsam geschaffen haben. Da gab es auch ganz viel Streit und Ärger, aber wir haben das überwunden – und jetzt sind wir eine große Gemeinschaft und keiner möchte das mehr missen. Mir ist wichtig, zu betonen, dass wir diese Gemeinsamkeit als Stärke verstehen und gemeinsam dafür kämpfen.“
Was Katarina Barley, Abgeordnete aus Trier und Vizepräsidentin des Europaparlaments, ebenfalls unterstreicht und deswegen auch mit Überzeugung für die „Via Democratia Europa“ wirbt: „Das Schöne an dieser Initiative ist, dass sie verbindet. Dass sie Städte verbindet, Länder verbindet, aber auch in Gedanken verbindet. In vielen dieser Städte haben Brücken eine große Bedeutung: Sie verbinden die Menschen. Das ist auch das Ziel, dass ganz viele Menschen noch mehr Interesse haben an ihrem Nachbarstaat, an der Kultur, der Geschichte, den Menschen, und sich auf den Weg machen, die ‚Via Democratia Europa‘ zu wandern, mit dem Fahrrad zu fahren oder auf andere Weise zu besuchen“.
Eine Strecke, auf der Routenplaketten an Rathäusern und anderen Gebäuden wichtige Orte markieren, auf der sich historische, touristische, gesellschaftliche und politische Aspekte zu einem grenzenlosen Erlebnis verbinden, im Bewusstsein, dass das alles keine Selbstverständlichkeit ist.