Berlins Regierender Bürgermeister reist zu den Olympischen Spielen nach Italien – und kassiert dafür auch Kritik. Sein Anliegen: die Werbetrommel für die Berliner Bewerbung rühren.
Ob es wirklich an Kai Wegner lag? Auf jeden Fall empfand es Trainer Stefan Leitl von Hertha BSC als Enttäuschung, dass sich der Berliner Bürgermeister das Pokal-Viertelfinale gegen Bundesligist SC Freiburg entgehen ließ. Dieser weilte zu jener Zeit in Italien, um bei den Winterspielen die Werbetrommel für die geplante Berliner Olympia-Bewerbung zu rühren. „Sein Support wäre heute auch wichtig gewesen. Da kritisiere ich ihn schon“, sagte Leitl vor dem Anpfiff. Wegner solle „nicht in Italien Sport gucken, sondern hier in Berlin im Stadion sein“. Darauf angesprochen wollte Wegner nicht zum Konter ausholen. „Er hat das ja mit einem Augenzwinkern gesagt, und ihm ist durchaus bewusst, dass meine Gedanken jetzt bei Hertha BSC sind“, sagte der CDU-Politiker und stellte klar, dass er bei einem Halbfinal-Einzug und Heimspiel natürlich im Olympiastadion live dabei sein werde. Doch dazu wird es nicht kommen: Hertha schied am Ende unglücklich im Elfmeterschießen aus, was wohl auch Wegners Anwesenheit nicht verhindert hätte. Doch der Hertha-Coach war nicht der Einzige, der den Olympia-Trip des CDU-Politikers kritisierte.
8.500 Euro an Steuergeldern
„Was will Wegner bei den Olympischen Winterspielen?“, fragte zum Beispiel die „Berliner Zeitung“ in der Überschrift eines Artikels über den Abstecher des Bürgermeisters zu den Winterspielen. Das Blatt erfuhr, dass die Reise den Steuerzahler rund 8.500 Euro gekostet habe. „Eine überschaubare Summe – und doch eine, die in einer angespannten Haushaltslage nicht ohne Symbolwert ist“, schrieb die „Berliner Zeitung“. Doch im Endeffekt ging es genau darum: um Symbolik. Denn natürlich konnte Wegner in Italien bei seinen Gesprächen mit Vertretern von Spitzensportverbänden sowie vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), dem Mailänder Bürgermeister Giuseppe Sala und Vertretern der „Olympic Cities“ keine festen Zusagen für Berlin klarmachen. Aber er konnte das Konzept der Berliner Olympia-Initiative vorstellen und erklären, Netzwerke stärken, Stimmungen ausloten.
„Bei dieser Reise geht es darum, ein klares Signal an die olympische Familie zu senden: Berlin ist bereit für Olympische und Paralympische Spiele“, erklärte Wegner. Bei seinem Besuch des Eishockeyspiels der Frauen zwischen Deutschland und Italien war der Politiker von der Stimmung angetan. „Die Begeisterung, die wir in Italien erleben, wollen wir auch in unsere Stadt tragen“, sagte er. Denn bei dem Thema Begeisterung für Olympia hat Berlin immer noch Nachholbedarf, das zeigte auch eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des „Tagesspiegels“ aus dem November. Demnach sprechen sich 67 Prozent der Befragten gegen eine Berliner Bewerbung für die Austragung der Sommerspiele in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 aus. Lediglich 27 Prozent unterstützen diesbezüglich Bemühungen des Senats.
Ganz anders ist die Stimmung beim vermeintlich größten innerdeutschen Konkurrenten München. Im Oktober hatte es in der bayerischen Landeshauptstadt beim Bürgerentscheid ein klares Votum gegeben: 66,4 Prozent stimmten für das Münchner Olympia-Projekt, die Rekord-Beteiligung sprach ebenfalls eine deutliche Sprache. Für Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ist bereits klar, dass die Wahl des deutschen Bewerbers – neben Berlin und München gehen auch Hamburg und die Rhein-Ruhr-Region ins Rennen – damit praktisch entschieden ist. Die neue Sport-Staatsministerin Christiane Schenderlein sprach zumindest von einem „starken Signal“, das die übrigen Interessenten bitte für sich nutzen sollen: „Wir nehmen den Schwung jetzt mit in die anderen Bewerberregionen.“
Einen Bürgerentscheid wird es als Lehre aus der Vergangenheit in der deutschen Hauptstadt nicht geben. Zu groß ist die Sorge vor einem erneuten Debakel auf dem Abstimmungszettel, denn die „NOlympia“-Bewegung ist hier nach wie vor aktiv und gut vernetzt. Zuletzt hatte „NOlympia“ angekündigt, den Bürgerentscheid mittels einer Unterschriftensammlung quasi zu erzwingen. Für die Einleitung eines Volksbegehrens gegen Olympia in Berlin müssen aber rund 175.000 gültige Unterschriften gesammelt werden. Kritiker deuten vor allem auf die Kosten hin, die in den ohnehin schwierigen Haushaltsplanungen zunächst ein riesengroßes Loch reißen würden. Dieser Skepsis begegnen die Macher mit dem Fokus auf die Chancen für künftige Generationen. Die kürzlich präsentierte Olympia-Kampagne trägt den Titel „Berlin gewinnt mit Olympia“ und soll die Austragung von Sommerspielen als Investition in die Zukunft promoten.
„Wir wollen eine bessere Sportinfrastruktur für unsere Sportvereine, für unsere Sportmetropole Berlin“, sagte Wegner bei der Kampagnen-Vorstellung im Berliner Velodrom: „Aber wir wollen vor allen Dingen auch Zukunftsinvestitionen in unsere Stadt.“ Auch Innensenatorin Iris Spranger von der SPD verwies darauf, dass ein Olympia-Event indirekt auch Investitionen in die Infrastruktur im Breitensport beinhalten würde. „Moderne Sportstätten, bessere Trainingsbedingungen und neue Bewegungsräume kommen nicht nur dem Spitzensport zugute, sondern vor allem den Berlinerinnen und Berlinern im Alltag“, sagte Spranger. Bei der Bewerbung gehe es „um einen langfristigen Mehrwert für die Hauptstadt“. An die rund 150 anwesenden Kinder im Velodrom gerichtet ergänzte der Regierende Bürgermeister Wegner: „Wir wollen es für euch hinbekommen, dass die Olympischen Spiele nach Berlin kommen, dass nicht nur Sportveranstaltungen hier stattfinden, sondern dass die ganze Stadt davon profitiert.“
Ein anderes Berlin zeigen
Berlin war erst einmal Olympia-Gastgeber. Die Sommerspiele 1936 standen unter dem dunklen Schatten des NS-Regimes. Adolf Hitler und seine Schergen nutzten die große Sportbühne als Propagandaspektakel, der Sport geriet so fast in den Hintergrund. 100 Jahre später die Spiele hier erneut auszutragen und der Welt ein anderes Berlin, ein anderes Deutschland zu zeigen, hat für viele Menschen Charme. Andere wiederum lehnen die Bewerbung für 2036 genau wegen des Datums ab. Realistischer erscheinen ohnehin die Jahre 2040 und 2044 für eine deutsche Bewerbung. Mit wem der DOSB ins Rennen gegen sehr wahrscheinlich hochkarätige internationale Konkurrenz geht, soll auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 26. September entschieden werden. Der größte Vorteil Berlins liegt auf der Hand: Keine andere Stadt in Deutschland hat eine größere Strahlkraft. Und das Beispiel der Sommerspiele 2024 in Paris hat gezeigt, wie eine Metropole den Sport modern inszenieren und für unvergessliche Momente sorgen kann.
„Wir haben ein gutes Konzept, wir sind die deutsche Hauptstadt, wir sind die internationale Metropole“, sagte Kaweh Niroomand. Der Geschäftsführer von Volleyball-Rekordmeister BR Volleys ist Berlins Olympia-Beauftragter, und er sieht die sechs Millionen Euro, die Berlin bis 2027 für seine Olympia-Bewerbung einsetzen will, als gute Investition: „Olympia ist eine Chance für Berlin und nicht eine Alternative zur Lösung bestehender Probleme.“