Die Frage „Wie geht es weiter?“ stellte sich die Top-Leichtathletin Laura Müller zweimal: zu Beginn und am Ende ihrer Karriere. Die Antwort war stets die gleiche – wenn auch mit unterschiedlicher Konsequenz.
Über zehn Jahre lang gehörte die Saarländerin Laura Müller zu den besten Sprinterinnen Deutschlands und in Europa. Mitte Januar 2026 verkündete die 30-Jährige etwas überraschend das Ende ihrer Karriere. „Mir hat zuletzt das richtige Umfeld, die richtige Gruppe gefehlt, um noch einmal anzugreifen“, sagt Müller zu ihrer Entscheidung, die „nicht von heute auf morgen gefallen“ sei: „Es war ein längerer Prozess. Obwohl ich mir natürlich einen schöneren Abschied gewünscht hätte, ist es die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt.“
Zuletzt beim TV Wattenscheid 01
Müller, die zuletzt für den TV Wattenscheid 01 startete, wurde 1995 in Dudweiler geboren. Ihre Mutter schickte sie in der Überzeugung, „dass jedes Kind laufen, springen und werfen lernen sollte“, zu ihrem ersten Verein, der LSG Saarbrücken-Sulzbachtal. Die vielfältige und disziplinreiche Sportart faszinierte sie von Beginn an: Zunächst als Mehrkämpferin unterwegs, kristallisierte sich schnell ihre große Stärke heraus – das Sprinten. Erste Erfolge stellten sich ein, doch schon früh machte ihr Körper ihr den einen oder anderen Strich durch die Rechnung: Nach einer ersten schwierigen Phase mit Pfeifferschem Drüsenfieber und einem Bänderriss stand sie bereits im Alter von 17 Jahren erstmals vor der Frage: Wie geht es weiter? Dabei gab es für die Kämpfernatur nur eine Richtung: „Entweder ganz oder gar nicht“, sagte sie sich und widmete sich mit Haut und Haaren ihrer großen Leidenschaft, dem Sport.
Immer wieder meisterte sie die Herausforderungen, vor die sie ihre Trainer, Konkurrentinnen oder auch ihr eigener Körper stellte. Es folgte die Spezialisierung auf die 400 Meter, mit der sie sich stetig weiterentwickelte. Beim LC Rehlingen und SV GO! Saar 05 schaffte sie unter Trainer Ulli Knapp den Sprung in die Spitzengruppe der deutschen Sprinterinnen. Ihren ersten größeren Erfolg feierte Müller im Jahr 2015, als sie als Neuling bei den Aktiven auf Anhieb Deutsche Vizemeisterin wurde. „Dieser zweite Platz war sehr wichtig für mich, um bei den Aktiven gleich Fuß zu fassen“, erinnert sie sich. Aber auch der vierte Platz bei der U20-EM 2014 und die Bronzemedaille mit der Staffel bei der U20-WM 2014 stellen eindrucksvolle Wegmarken ihrer damals noch jungen Karriere dar.
Neben zahlreichen Medaillen bei Deutschen Meisterschaften sammelte sie auch als Aktive internationale Erfolge: Beispielsweise im Jahr 2017, als sie mit der deutschen Mannschaft Team-Europameisterin wurde und bei den Weltmeisterschaften in London mit der 4x400 Meter-Staffel auf Platz sechs lief. Allerdings musste sie bei der WM in London aufgrund einer Norovirus-Infektion den Einzel-Start absagen. Ebenfalls 2017 verpasste sie nach dem Zusammenstoß mit einem Kameramann nach dem Probestart vor dem Vorlauf das Finale der deutschen Hallen-Meisterschaft und musste aufgrund der daraus resultierenden Rückenschmerzen sogar die Hallensaison vorzeitig beenden. Das stetige Auf und Ab begleitete sie über die gesamte Karriere. Aber: Während andere Sportlerinnen und Sportler mit ihrem Schicksal haderten, blieb Laura Müller stets zuversichtlich und motiviert: „So etwas gehört nun einmal dazu. Wir setzen unsere Körper im Hochleistungssport hohen Belastungen aus, und da bleiben Verletzungen nicht aus“, sagt sie.
Außerdem überstrahlen die Erfolge so manche Schattenseite des Sportlerinnendaseins: beispielsweise die beiden Olympia-Teilnahmen 2016 in Rio de Janeiro und 2021 in Tokio. Oder das Jahr 2018 mit dem Gewinn der deutschen Meisterschaft über 200 Meter in persönlicher Bestzeit (22,65 Sekunden) und der Teilnahme am Finale bei der „Heim-EM“. Nicht zu vergessen das Rehlinger Pfingstsportfest 2019, bei dem sie vor heimischem Publikum ihre 100-Meter-Bestzeit (11,15 Sekunden) aufgestellt hatte. Ihre Bestzeit über 400 Meter beträgt übrigens 51,69 Sekunden.
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor war ihr Trainer Ulli Knapp. Als der sich ab den Olympischen Spielen 2021 nur noch auf die Arbeit mit Weitspringerin Malaika Mihambo konzentriere, zerfiel jedoch Müllers Trainingsgruppe. Um stets auf dem höchstmöglichen Niveau trainieren zu können, heuerte sie zwischenzeitlich in Amerika und Berlin an. Doch auch Verletzungspech meldete sich zurück: Nach einer lang anhaltenden Rückenverletzung verpasste sie im Sommer 2022 die Weltmeisterschaften in Eugene/USA und die spektakuläre Heim-Europameisterschaft in München. Ärgerlich. Doch Müller, getreu ihrem Motto „ganz oder gar nicht“, kämpfte sich zurück und gewann bei den Deutschen Hallenmeisterschaften Ende Februar 2023 in Dortmund die Bronzemedaille im Einzel. Alles schien – im wahrsten Wortsinn – wieder gut anzulaufen. Um sich dafür bestmöglich für die WM 2023 in Budapest in Form zu bringen, schloss sie sich der besten Trainingsgruppe in Europa an, der von Bram Peters und Laurent Meuwly trainierten niederländischen Nationalmannschaft. „Ich hatte einfach gemerkt, dass das Trainerkonzept der Saison 2022 nicht zu 100 Prozent zu mir passt. In dieser Zeit habe ich viel über meine Situation nachgedacht und mich gefragt, ob ich mit Blick auf die Spiele in Paris noch einmal etwas verändern wollte“, sagte sie damals. Doch das Schicksal schlug erneut zu – und zwar heftiger als je zuvor: Im Juli 2023 erlitt sie bei den deutschen Meisterschaften in Kassel einen Achillessehnenriss. „Das war schon der denkbar blödeste Zeitpunkt, so eine schwere Verletzung zu erleiden“, muss sie rückblickend zugeben.
Ständig neue Trainingsgruppen
Doch wieder einmal kam Laura Müller zurück. Schon vor der schweren Verletzung hatte sie beschlossen, nach Bochum umzuziehen, um mit Trainer Slawomir Filipowski beim TV Wattenscheid 01 zusammenzuarbeiten. Nach der schon nicht vergnügungssteuerpflichtigen Reha arbeitete sie weiter hart und mit maximalem Einsatz an ihrem Comeback. Mit Erfolg: Plötzlich schien die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Paris, die quasi nur einen Sprint von ihrer saarländischen Heimat entfernt ausgetragen wurden, wieder möglich. Doch dann der nächste Schock: Im März 2024 verstarb ihr Trainer „Slawo“ völlig unerwartet im Alter von 64 Jahren. Schon wieder musste sie von vorne anfangen, sich auf die Suche nach einer neuen Trainingsgruppe machen. Zwischenzeitlich wurde sie zwar erneut in den Niederlanden fündig, doch auf der Zielgeraden ihrer Karriere blieb erstmals die Freude auf der Strecke. Wieder stellte sich ihr die Frage: „Wie geht es weiter?“ Die Antwort dieses Mal lautete „gar nicht“. Die 30-Jährige fasste den Entschluss, die Laufschuhe an den berühmten Nagel zu hängen. Ohne Groll. Zufrieden und stolz mit dem Erreichten. Und voller Tatendrang und Vorfreude auf die berufliche Laufbahn abseits der sportlichen.
Dafür ist Laura Müller zurück ins Saarland gezogen. Die studierte Wirtschaftspsychologin hat inzwischen auch eine Ausbildung zum ganzheitlichen Gesundheitscoach mit den Schwerpunkten Ernährung, Bewegung, Epigenetik und Stressmanagement abgeschlossen. Gut möglich, dass sie mit ihrer geballten Expertise in den Sport zurückkehrt. Wenn auch nicht als Trainerin, dann vielleicht als Beraterin in Gesundheitsfragen. Egal in welchem Bereich es für sie weitergeht – klar ist: ganz oder gar nicht.