Der SC Magdeburg dominiert die Handball-Bundesliga und ist auch international auf Kurs. Hinter dem Erfolg stecken harte Arbeit, ein erstklassiger Kader – und ein Trainer mit der Club-DNA.
Stefan Kretzschmar weiß ganz genau, wie speziell das Handballer-Leben beim SC Magdeburg ist. Als Spieler und späterer Manager hat er alle Höhen und Tiefen bei dem Club erlebt. In Erfolgszeiten wurde er wie ein Messias gefeiert, in Krisen fast verteufelt. Dem Erfolg wird dort alles untergeordnet. Für den früheren Weltklasse-Linksaußen steht daher fest, dass der verpasste Meistertitel im Vorjahr einer der wichtigsten Gründe ist, warum das Team von Trainer Bennet Wiegert in dieser Saison derart dominant auftritt. „Nach der nicht gewonnenen Meisterschaft in der vergangenen Saison ist der SCM zusätzlich motiviert. Sie lassen nie locker, sind absolut konzentriert“, meinte Kretzschmar: „Die Mannschaft ist in ihrer Qualität und Zusammensetzung unheimlich stark.“ Sogar so stark, dass Kretzschmar sie für „fast unschlagbar“ hält und ihr sogar zutraut, „die erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte zu spielen“. Und das kommt aus dem Munde eines Schlüsselspielers, der Magdeburg 2001 zum ersten Meistertitel und im Jahr darauf zum ersten Champions-League-Triumph geführt hatte. Damals prägten Kretzschmar, Trainer Alfred Gislason und Co. eine erste Erfolgsära – jetzt gibt es eine zweite.
Starke Zusammensetzung
„Diese Ära, in der wir aktuell sind, hat angefangen, als wir erstmals die Bundesliga gewonnen haben. Das war der Hammer“, erklärte Gisli Kristjansson mit Blick auf den Titel 2022. Das sei einer dieser Momente in einer Karriere gewesen, „über die du immer mal wieder nachdenkst. Diesen Moment will ich unbedingt noch mal erleben.“ Der Weg zum vierten Meistertitel der Club-Geschichte ist längst geebnet. Magdeburg thront unangefochten an der Tabellenspitze, nicht einmal die Ligapause wegen der Handball-EM konnte das Wiegert-Team aus dem Rhythmus bringen. Beim 36:32-Heimsieg in der Getec Arena gegen den TBV Lemgo Lippe bewies die Mannschaft einmal mehr, warum sie bis dahin ungeschlagen durch die Liga gerauscht war.
Zusätzlich tankte das Team Selbstvertrauen für das schwere Auswärtsspiel bei Rekordmeister THW Kiel am vergangenen Sonntag. Und es geht weiter Schlag auf Schlag für den SCM: Titelverteidiger Füchse Berlin reisen am 28. März nach Magdeburg, vier Spieltage später kommt es zum Gipfeltreffen mit der SG Flensburg-Handewitt. Doch selbst Punktverluste in den Topspielen kann sich der Titelfavorit erlauben, zu groß ist der Vorsprung auf die Verfolger. Magdeburg müsste schon auch in Duellen mit kleineren Teams patzen, damit das Titelrennen nochmal spannend wird. Doch der Schlendrian hält im Team keinen Einzug – dafür sorgt der Trainer. „Wir müssen gleich von Anfang an wieder voll da sein“, mahnte Wiegert: „Jede Mannschaft wird versuchen, ihre Chance zu nutzen und bis zum Schluss, um die Meisterschaft zu spielen. Die Leistungsdichte ist einfach so eng.“
Mitte April will Magdeburg auch das Final-4 im DHB-Pokal gewinnen und die Trophäe holen. Auch in der Champions League rechnet sich Magdeburg gute Chancen für die erfolgreiche Titelverteidigung aus. Zehn Siege nach zehn Spielen – inklusive einem 37:31 gegen Paris-St.-Germain und einem 22:21 beim FC Barcelona – bedeuten Platz eins in der Vorrundengruppe. „Magdeburg ist in diesem Jahr auch in Europa die Top-Mannschaft“, sagte Kretzschmar, „auch, weil der Kader in der Breite Verletzungen auffangen könnte“. Das ist auch bitter nötig, denn die Europameisterschaft hat die Verletzungssorgen vergrößert. Der Isländer Elvar Jonsson und der Schwede Albin Lagergren kehrten verletzt vom Turnier zurück und stehen Trainer Wiegert vorerst nicht zur Verfügung. Vor allem die rund achtwöchige Zwangspause für Jonsson nach einem Handbruch schmerzt, der im Sommer aus Melsungen gekommene Rückraumspieler war in Angriff und Abwehr ein Schlüsselspieler. „Elvar nimmt in unserem Spielkonzept eine bedeutende Rolle ein und ist ein wichtiger Teil des Teams“, sagte Wiegert: „Ich hoffe, dass er schnell wieder auf dem Handball-Feld stehen kann.“
Große Belastung für das Team
Die Europameisterschaft war mit Licht und Schatten für Magdeburg zu Ende gegangen. Auf der einen Seite kehrten der dänische Europameister Magnus Saugstrup, der deutsche Silber-Gewinner Lukas Mertens und der Kroate Matej Mandic mit Bronze jeweils mit Edelmetall zurück. Auf der anderen Seite stellte der Bundesligist insgesamt 13 EM-Starter – eine Mammutbelastung. „Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust“, sagte SCM-Coach Wiegert mit Blick auf das Turnier: „Die Angst ist vorhanden, wir haben noch viele Ziele in der Rückrunde. Ein gesunder Kader ist wichtig. Das andere ist, dass wir uns auf der großen Handballbühne präsentieren können in den Vereinsfarben SC Magdeburg.“
Wiegert will verhindern, dass seine besten Akteure in der entscheidenden Saisonphase überspielt sind. Und er handelt entsprechend. „Ich habe nach diesem harten Großturnier gezielt auf maximale Entschleunigung gesetzt. Meinem Gefühl nach war die Taktung der Spiele in diesem Jahr noch härter, deswegen habe ich bewusst ein paar Tage mehr freigegeben“, sagte der Coach. Der 44-Jährige betonte, dass der Übergang zum Vereinsrhythmus nach einem großen Turnier „vor allem mental anspruchsvoll“ sei. „Das ist etwas, was den Spielern abverlangt, schnellstmöglich wieder an neuen Zielen arbeiten zu wollen und das dann auch umzusetzen.“ Er wolle deswegen „sehr behutsam“ mit den Nationalspielern umgehen, „weil ich weiß, dass das per Fingerschnippen nicht funktioniert“. Er könne auch damit leben, „wenn es bis zum Schluss ein Drei- oder Vierkampf wird – solange wir dabei sind“.
Dass das Umfeld auch in dieser sensiblen Phase weiter Siege erwartet, weiß Wiegert wie wohl kaum ein Zweiter. Seit 2015 ist er beim SCM Cheftrainer der Profimannschaft, davor hat er der Jugend und bei den Erwachsenen für Magdeburg selbst gespielt. Er war Fan des Clubs, als Kretzschmar und Co. die erste Erfolgsära prägten. Als Sohn von Vereins-Ikone Ingolf Wiegert wurde er von klein auf mit dem SCM-Virus befallen. „Wir haben in Magdeburg immer Druck, Magdeburg ist speziell“, sagte Wiegert: „Man lernt damit umzugehen.“ Er selbst ist ein Grund, warum das Team mit dieser enormen Erwartungshaltung bislang herausragend gut zurechtkommt. Denn am charismatischen Mann mit dem Rauschebart prallt fast alles ab. Wiegert nimmt den Spielern in der Öffentlichkeit den Druck – intern aber fordert er das Maximum. Dass Magdeburg oft in der Lage ist, auch größere Rückstände innerhalb von wenigen Minuten aufzuholen und in der sogenannten Crunchtime, wenn es wirklich drauf ankommt, fast immer zur Höchstform aufläuft, ist kein Zufall.
Die Siegermentalität ist eine Grundvoraussetzung, die Wiegert bei jedem Training und in jedem Spiel einfordert. Die Spieler müssen dafür bis an ihre Grenzen gehen – egal, ob sie starten oder von der Bank aus kommen. Ego-Trips akzeptiert der Coach nicht mal im Ansatz. Dennoch hat er ein feines Gefühl dafür, die individuelle Klasse von Leuten wie Toptorschütze Omar Ingi Magnusson nicht auszubremsen. Wiegert sei ein „absoluter Wettkampftrainer“, schwärmte Kretzschmar: „Er ist der wahrscheinlich ehrgeizigste Trainer, den ich kenne. Er arbeitet verdammt hart, ist im Verein und der Stadt groß geworden. Er lebt eine Identifikation mit dem Club vor, die einmalig ist.“
Im Dezember 2015 hatte Wiegert das Team übernommen, das unter Vorgänger Geir Sveinsson mächtig in die Krise gerutscht war. Damals war er mit lediglich 33 Jahren der jüngste Bundesligacoach. Und die Skepsis, die ihm deswegen entgegenschlug, war nicht gerade klein. Dennoch wollte Wiegert unbedingt damals schon die Verantwortung übernehmen und nicht noch ein paar Jahre an einem anderen Standort als bei seinem Herzensclub Erfahrungen sammeln. „Ich habe den Moment gespürt, ich habe den Moment als richtig empfunden. War vielleicht ein entscheidender Vorteil, dass ich einer der wenigen war, der den Moment als gut und richtig empfunden hat“, sagte er rückblickend. Mit dem überraschenden Pokalsieg 2016 gegen die hochfavorisierte SG Flensburg-Handewitt sei damals der Grundstein für alle Erfolge danach gelegt worden, meinte er: „Das war wahrscheinlich der wichtigste Titel.“ Denn er sorgte für den Glauben an ihn und sein Projekt. „Was braucht man speziell im Leistungssport? Ruhe und Vertrauen! Das Vertrauen im Hintergrund ist wichtiger als jeder Vertrag.“
Angesichts der herausragenden Arbeit ist es kein Wunder, dass der Name Bennet Wiegert fast immer als Erstes fällt, wenn nach einem möglichen Nachfolger für Bundestrainer Alfred Gislason gefragt wird. Der Isländer ist noch bis nach der Heim-WM 2027 beim Deutschen Handball-Bund vertraglich gebunden, danach dürfte es eine Neubesetzung geben. Für Kretzschmar wäre Wiegert die „logische Folge auf Alfred. Eine Win-win-Situation sowohl für den DHB als auch für Benno“. Warum? „In ganz vielen Bereichen liegt er weit vorn“, argumentiert der frühere Sportvorstand der Füchse Berlin, vor allem von Wiegerts „Mentalität und Mindset“ sei er begeistert. Ex-Weltmeister Michael Kraus berichtete gar von einem angeblichen Treffen zwischen Wiegert und der DHB-Spitze in der Bundestrainerfrage und betonte: „Ich leg’ mich fest: Bennet Wiegert ist ab 2027 Bundestrainer.“ Doch hört man Wiegerts Worte dazu, kommt man zu einem anderen Schluss. „Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich mich dem SCM verschrieben habe. Wir haben langfristige Verträge mit Spielern gemacht“, sagte er: „Ich sehe meine Zukunft beim SC Magdeburg und das auf Vertragsebene auch sehr, sehr lange.“ Allerdings könnte eine perfekte, niederlagenfreie Saison mit drei Titeln auch zum Umdenken in dieser Frage führen.