Bilder der Woche ausblenden
Bilder der Woche einblenden

WAS MACHT EIGENTLICH...

Seoul 1988: Bundestrainer Emil Beck mit Sabine Bau, Anja Fichtel und Zita Funkenhauser (von links)
Foto: picture-alliance / Sven Simon

Anja Fichtel?

Durch ihren Doppel-Olympiasieg 1988 und zahlreiche weitere Erfolge wurde sie zu einer der erfolgreichsten Florett-Fechterinnen. Die 57-Jährige ist Nachwuchstrainerin am Olympiastützpunkt in Tauberbischofsheim und dort seit 2023 auch Jugendkoordinatorin ihres Heimatvereins.

Fichtel und Fechten gehören bei der Tauberbischofsheimer Sportfamilie zusammen. Die Jahrhundertfechterin Anja gehört mit ihren vielen Medaillen und Titeln zu den Aushängeschildern des Fechtsports und hat ihr Talent an die nachfolgenden Generationen weitergegeben: „Mein Sohn Laurin ist ebenfalls ein leidenschaftlicher Fechter und arbeitet als Trainer am Landeszentrum in Tauberbischofsheim“, erklärt Fichtel 2024 im „Stern“. Auch ihre beiden fünf- beziehungsweise sechsjährigen Enkel gehen dort jede Woche einmal zum Kinderturnen, das direkt neben der Fechtbahn stattfindet. „So können die Kleinen schon möglichst früh einen Bezug zum Fechten entwickeln und Lust bekommen, später selbst anzufangen.“

1997 zog sich Fichtel vom aktiven Sport zurück und versuchte, abgesehen von einem kurzen Comeback 2004, erst einmal etwas Abstand zum Fechten zu gewinnen. Nach dem großen Rummel um ihre Olympiasiege fühlte sie sich ausgebrannt, war kaum noch motiviert und wollte deshalb wieder „zu sich selbst finden“. Denn sie habe in jungen Jahren bereits alles erreicht, dadurch aber „das ganz normale Leben“ verpasst: „Ich wollte wissen, wer ich bin, und leben, ohne gesehen zu werden.“ Sie widmete sich dann vor allem ihrer Familie, zog drei Kinder groß, musste den Tod ihrer Mutter verkraften und lernte, sich nicht mehr ausschließlich über sportlichen Erfolg zu definieren, sondern als Mensch und Mutter.

Viel Teamgeist im Einzelsport

Anja Fichtel wurde 2015 in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen
Anja Fichtel wurde 2015 in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen - Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress

Noch 2012 fiel ihr Urteil über das deutsche Fechten ziemlich hart aus: Es fehle ein Antreiber wie Trainerlegende Emil Beck, Selbstkritik sei im Fechtsport Mangelware, und das Individuelle werde zu großgeschrieben. „Jeder kocht sein eigenes Süppchen. Ganz große Ziele kannst du aber nur als Team erreichen, auch in einer Einzelsportart“, sagt Fichtel. Zudem beklagt sie die in Deutschland mangelnde Honorierung der Leistungsspitze in Randsportarten, die dazu geführt hätte, dass es hierzulande immer weniger Spitzenathleten gebe und Olympiaerfolge rückläufig seien. Lange Zeit hatte Fichtel eine Trainertätigkeit in ihrem Heimatverein ausgeschlossen. „Als ich helfen wollte, hat man meinen Rat nicht gewollt“, betonte sie und ist aus Enttäuschung über den fehlenden Veränderungswillen damals sogar aus ihrem Fechtclub Tauberbischofsheim ausgetreten.

Zum Glück für den Fechtsport hat Fichtel ihre Einstellung in den vergangenen Jahren teilweise revidiert und wurde zuerst Trainerin am Bundesstützpunkt Fechten, der in Tauber angesiedelt ist. Sie unterstützt seit knapp drei Jahren ihren dort als Trainer und Leiter tätigen Sohn Laurin Mauritz (33) und das dortige Team. „Ich kümmere mich um die Mädchen der A-Jugend, zeige ihnen Tricks und versuche vor allem, sie mental zu stärken“, beschreibt Fichtel ihr derzeitiges Betätigungsfeld.

 Viele junge Fechter seien heute zu brav, weil sie Angst hätten, Fehler zu machen. „Damit gewinnt man aber keinen Zweikampf.“ Fichtel ist es vor allem wichtig, junge Menschen in ihrem sportlichen und menschlichen Entwicklungsprozess zu begleiten. Sie möchte den Nachwuchs ermutigen, couragiert die eigenen Ziele zu verfolgen und davon auch im Privatleben zu profitieren.

Fichtel liebt ihre Routinen

Von ihrer Trainertätigkeit profitiert auch der Fechtclub Tauberbischofsheim, zu dem sie inzwischen wieder zurückgefunden hat und der nach zuletzt einigen problematischen Jahren inzwischen wieder auf Konsolidierungskurs ist. Die Doppel-Olympiasiegerin, die inzwischen eine neue Hüfte eingesetzt bekam, will als Jugendkoordinatorin aber nicht im Mittelpunkt stehen, sondern versteht sich als Bindeglied zwischen Sportlern, Trainern und der Vereinsführung: „Wenn ich etwas kann, dann ist es, die Rezepte weiterzugeben, die mich damals zu meinen Erfolgen geführt haben“, sagte Fichtel gegenüber den „Fränkischen Nachrichten“. 

Ihrem Verein empfiehlt sie, nicht immer nur in die sehr erfolgreiche Vergangenheit zu schauen, sondern das heute zu akzeptieren, „dass man sich die Erfolge erst wieder erarbeiten muss.“  Anja Fichtel, die nie die öffentliche Aufmerksamkeit gesucht hat, ist von ihrem zweiten Mann, dem Realschullehrer Raphael Kuper, „wachgerüttelt worden“ und hat so gelernt, „dass es ein Jetzt gibt ohne ein Davor“. Sie lebt heute ein ganz normales Leben mit einem ganz normalen Alltag: Sie bringt die Enkel in den Kindergarten, geht mit ihrem Hund Gassi, kehrt auf einen Kaffee bei Verwandten oder bei Freundinnen ein, kocht dann zu Hause und trainiert nachmittags den Nachwuchs im Fechtzentrum, bevor dann abends die Familie gemeinsam zu Abend isst. „Und das läuft fast jeden Tag so ab“, sagte Fichtel der dpa.

Etwas Abwechslung findet sie bei Kreuzfahrten, zu denen die Olympiasiegerin mit ihrer Familie öfter eingeladen wird, weil sie schon lange Taufpatin eines Tui-Kreuzfahrtschiffes ist. Auf dem Schiff hält Fichtel dann für interessierte Gäste Fechtkurse ab. 

MEHR AUS DIESEM RESSORT

FORUM SERVICE