Lisa Buckwitz gewinnt olympisches Silber im Bobsport. Ermöglicht hat das auch eine Erotik-Plattform als Sponsor. Die Berlinerin erklärt, warum die Zusammenarbeit ein Glücksfall und keineswegs anrüchig sei.
Auf die Gratulation zum zweiten Platz durch einen TV-Reporter reagierte Lisa Buckwitz mit einer Klarstellung. „Was heißt zweiter Platz? Für mich ist das tatsächlich wie eine Goldmedaille“, sagte die Bobfahrerin freundlich, aber bestimmt. „Ich bin unglaublich stolz, dass ich das hier geschafft habe.“ Acht Jahre nach ihrem Olympiasieg als Anschieberin von Mariama Jamanka holte die Berlinerin bei den Winterspielen in Italien im Zweierbob als Pilotin die Silbermedaille. Und die ist für sie mindestens genauso viel wert wie damals Gold. Zumal sie in Cortina im Monobob als Vierte nur knapp das Podest verpasst hatte und auch in der gesamten Weltcupsaison im Eiskanal eher unglücklich unterwegs gewesen war. „Ich war eigentlich am Boden, so ein bisschen, habe mich mental aber so gut gefangen“, sagte die 31-Jährige. Deshalb habe sie mit Anschieberin Neele Schuten „hier vier krasse Läufe runtergezogen“. Buckwitz bedankte sich bei ihrer Familie, ihren Trainern, den Betreuern und Technikern – sowie ihren Sponsoren. Ein finanzieller Unterstützer fällt dabei ein wenig aus dem Rahmen.
Medaille nach acht Jahren
Buckwitz wird vom Erotik-Portal „OnlyFans“ finanziell unterstützt, der Namenszug der Firma prangt im Weltcup auch auf ihrem Schlitten. In der ZDF-Doku „OnlyBob – Mein Körper. Mein Kapital“ gab sie tiefe Einblicke in diese ungewöhnliche Zusammenarbeit, die sie selbst für einen absoluten Glücksfall hält, „da ich so mein Team finanzieren kann“. Rund 50.000 Euro müsse sie als Pilotin für eine Saison im Bobsport hinblättern, darin eingerechnet sind die Kosten für Trainingslager, Flüge, das Material und die Prämien für ihre Anschieberinnen. Da die traditionellen Sponsoren immer weniger werden, müsse man eben kreativ sein, so Buckwitz. Ihre bittere Erkenntnis lautet: „Nur mit der Goldmedaille interessiert sich keiner für Lisa Buckwitz.“ Die Erotik-Plattform sei für sie daher „ein Sponsor, der mir neben der Bundeswehr den Sport ermöglicht. Also was ganz Normales.“
Dass sie sich dort freizügig präsentieren und auch mit den Usern, die 24,99 US-Dollar pro Monat für das Abonnement des Channels zahlen, direkt kommunizieren muss, ist für die Athletin kein Problem. „Eine Belastung ist es nicht, eher was Positives“, sagt die 31-Jährige: „Bei OnlyFans sind reale Personen, die mit einer Olympiasiegerin interagieren wollen.“ Die wollen zum Beispiel wissen, was Buckwitz unter ihrem knallengen Rennanzug trägt („Unterwäsche“) oder zu dieser Jahreszeit beim Schlafen („Ein kurzes Höschen und ein Top, sonst ist es im Winter zu kalt“) – und Buckwitz gibt bereitwillig Antworten. Männer, die ihr unangemessene Bilder schicken, werden von ihr blockiert. Natürlich sei das Sexuelle auf dieser Plattform auch „ein Thema“, gibt sie zu. Und in gewisser Weise bedient sie es mit freizügigen Bildern und Videos. Mal im Sport-BH, mal im Bikini, mal im engen Rennanzug – aber fast immer produziert von ihrem Freund Hans Peter Hannighofer. Doch es gibt eine klare Grenze für sie: „Ich werde mich auf keinen Fall nackt zeigen.“
Der Schritt zu OnlyFans fiel ihr auch deswegen nicht so schwer, weil sie mit ihrem Körper sehr zufrieden ist und ihn auch schon vorher gerne öffentlich gezeigt hat. Auch auf ihrem Instagram-Account sieht man von ihr viel Haut und sexy Posen. Und für das Männer-Magazin „Playboy“ zog sie sich auch schon aus. „Das war eine krasse Anfrage und eine Ehre, dass ich mich auf dem Cover präsentieren konnte“, sagte Buckwitz. Natürlich war die Aktion auch finanziell lukrativ für sie, allein mit dem Bobsport kann niemand viel Geld verdienen. Außerdem habe sie durch das Fotoshooting die Gelegenheit bekommen für die Botschaft, „dass sich jede Frau nackt zeigen darf und sich keine für ihren Körper schämen sollte“. Was sie damit meint? „Ich zum Beispiel habe ein paar mehr Muskeln – na und? Ich wollte zeigen, dass auch das der Körper einer Frau ist“, erklärte die 1,77 Meter große und 75 Kilo schwere Athletin: „Ich muss mich als Leistungssportlerin nicht verstecken. Keine Frau muss sich verstecken.“
Noch kein Weltcup-Sieg im Winter
Doch Lisa Buckwitz war emotional nicht immer so stark. Als sie 2018 in Pyeongchang als Anschieberin von Pilotin Jamanka zu Gold gerast war und „das Größte, was man als Sportler erreichen kann“, tatsächlich geschafft hatte, fiel sie in ein emotionales Loch. „Ich habe jahrelang Leistungssport betrieben, auf Sachen verzichtet, den Körper über die Grenze getrieben, Freunde vernachlässigt“, erklärte Buckwitz. All das forderte plötzlich seinen Tribut. Die frühere Siebenkämpferin machte die postolympische Depression zum Thema ihrer Bachelorarbeit im Sportmanagement-Studium. Sie verschickte Fragebögen an Spitzensportler und wertete diese aus. Das erstaunliche Ergebnis dieser Umfrage laut Buckwitz: „Über ein Drittel leidet an postolympischer Depression und hat sogar Suizid-Gedanken. Das wird immer unter den Teppich gekehrt.“
Ihre eigene Antriebslosigkeit konnte sie nur mithilfe einer Sportpsychologin überwinden – und mit einem neuen sportlichen Ziel: Sie wollte selbst an die Lenkseile und noch mal neu angreifen. „Ich musste wieder Motivation finden. Ich habe mir das neue Ziel gesetzt, Bobpilotin zu werden“, sagte sie. Für die frühere Leichtathletin war das noch mal eine ganz neue Umstellung, schließlich hatte sie zuvor als Anschieberin im Eiskanal vordergründig nur zwei Aufgaben: den Schlitten beim Start kräftig anschieben und nach der Zieleinfahrt die Bremse betätigen. Als Pilotin muss sie das schwere Gerät aber steuern – und das auf unterschiedlichen Bahnen und unter unterschiedlichen Bedingungen. Außerdem muss sie viel mehr Zeit, Energie und auch Geld ins Material stecken, vor allem das Präparieren der Kufen verlangt viel Tüftelei und Liebe zum Detail. Doch die ehrgeizige Buckwitz kniete sich rein und absolvierte nach eigenen Angaben „tausende Fahrten“, um ein gutes Gefühl für die Bobs zu bekommen. In Fachkreisen wird das „Popometer“ genannt.
Im Januar 2021 feierte sie ihr Weltcup-Debüt als Pilotin, ehe sie ein Jahr später bei den Winterspielen in Peking doch noch mal als Anschieberin im Bob von Kim Kalicki an den Start ging. Der vierte Platz und das Verpassen der Medaille führte ihr damals aber noch mal klar vor Augen, dass sie im Eiskanal lieber selbst fahren will. Es entpuppte sich als richtige Entscheidung. Bei der WM 2024 in Winterberg krönte sie sich an den Lenkseilen des Zweierbobs zur Weltmeisterin – vor Lokalmatadorin Laura Nolte. „Es ist erst meine zweite WM als Pilotin, so langsam komme ich in Fahrt, es ist halt eine Erfahrungssportart“, sagte sie damals. Doch weitere große Titel blieben aus, in diesem Olympia-Winter gelang ihr noch kein einziger Weltcupsieg.
Das lag oft auch an den Nerven, die ihr einen Strich durch die Rechnung machten: Buckwitz verspielte gleich fünfmal eine Führung nach dem ersten von zwei Läufen. Sie habe mental auch deswegen nicht befreit fahren können, weil die Frage, mit welcher Anschieberin sie bei Olympia starten wird, sie sehr beschäftigt habe. „Mental war es ein sehr hoher Druck“, gab Buckwitz zu. Als ehemalige Anschieberin fühlte sie das sehr mit. Sie selbst sprach daher von einer „holprigen“ Saison bis zu den Olympischen Spielen – doch all das ist dank Silber im Zweierbob vergessen.