Die Jagd nach Titeln hat gerade erst begonnen. Doch beim 1. FC Saarbrücken Tischtennis vollzieht sich bereits ein großer Umbruch. Die große Frage: Was wird aus dem Superstar?
Nein, es war keine Kostümierung, als das Starensemble des 1. FC Saarbrücken-Tischtennis am Karnevalssonntag zum „Clásico“ beim Dauerrivalen Borussia Düsseldorf in knallroten Sportjacken mit einem in glänzendem Gold aufgedruckten Pferdekopf einlief. „Wir wollten“, erklärte Teammanager Nicolas Barrois später auf FORUM-Anfrage, „zum Neujahrsfest in China, wo das Jahr des Pferdes beginnt, auch aus Imagegründen den chinesischen Fans ein kleines Extra bieten.“
Der als einmalig geplante und keineswegs närrische Dresscode im berühmten Look der chinesischen Nationalmannschaft zeugte vom Rollenwechsel der Blau-Schwarzen seit Beginn der „Ära Fan Zhendong“: Der FCS hat schnell gelernt, in bislang unbekannt großen Dimensionen zu agieren.
Hohe Ansprüche an das Team
Der wohlwollende Gruß an die Schar von Anhängern aus Fans Heimat zum wichtigen Feiertag im Reich der Mitte steht als Beispiel für diese Entwicklung. Die tiefe Verneigung vor dem Olympiasieger und seinen unzähligen Fans, die bei Saarbrückens Spielen mit dem Superstar unverändert zu mehreren Tausend Besuchern aus aller Welt in die Hallen strömen oder den Live-Übertragungen auf chinesischen Bildschirmen Einschaltquoten in Millionenhöhe bescheren, dürfte die Popularität von Fans Club in China noch weiter gesteigert haben – und damit auch das Vermarktungspotenzial des Vereins und seiner Sponsoren. „Saarbrücken“, beschrieb Barrois zuletzt immerhin einen „Fan-Fact“ von handfester Bedeutung, „Saarbrücken ist gerade in China die meistgegoogelte deutsche Stadt.“
Unausgesprochen ist mit Chinas Erfolgsoutfit zwangsläufig auch Saarbrückens Botschaft vom beinahe exklusiven Anspruch auf möglichst alle abzuräumenden Trophäen verbunden. „Wir nehmen das“, sagte Barrois nach dem Pokalsieg zu Jahresbeginn selbstbewusst, „so ein bisschen als Initialzündung, in die entscheidenden Wochen zu gehen. Unser Ziel ist ganz klar, weitere Titel zu holen. Wir haben wahrscheinlich die stärkste Mannschaft in Europa. Gerade wenn es in den europäischen Wettbewerb geht, da wollen wir schon auch liefern.“
Bislang funktioniert der Lieferservice zwar nicht vollkommen reibungslos, aber immerhin absolut beanstandungsfrei. Vor dem Auftritt im närrischen Düsseldorf hatten Fan, Königsklassen-Spezialist Truls Möregårdh und Darko Jorgic in der Champions League gegen den französischen Traditionsclub GV Hennebont die geradezu pflichtgemäße Teilnahme am „Finale dahäm“, der Vierer-Endrunde Mitte Mai in der Saarlandhalle, recht souverän klargemacht.
Düsseldorf bleibt der große Rivale
Auch in der Bundesliga liegt das Team um Kapitän Patrick Franziska – trotz des 2:3 bei der Borussia – faktisch im Soll. Zwar ist der Hauptrundensieg und damit das erstmalige Recht zur Auswahl eines Halbfinalgegners beim ebenfalls neuen Final Four der TTBL (30./31. Mai) in Frankfurt bei vier Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Düsseldorf nicht mehr im lockeren Vorbeimarsch zu erobern, doch Franziska bleibt betont gelassen: „Platz eins war nicht unbedingt unser Ziel, grundsätzlich war das nur ein Play-off-Platz. Dann soll sich eben eine andere Mannschaft einen Gegner aussuchen, und wohl keiner wird uns aussuchen. Wenn wir dadurch schon vor dem Finale wieder gegen Düsseldorf spielen müssten, wäre das auch in Ordnung. Wenn wir die Meisterschaft wollen, müssten wir früher oder später Düsseldorf sowieso schlagen. Für uns zählt jetzt eben umso mehr, dass wir einfach zur richtigen Zeit da sind.“ Barrois demonstriert ähnliche Lockerheit. „Unsere größte Priorität in der TTBL ist erst einmal, einen Platz im Final Four zu erreichen. Danach ist alles andere nicht von ganz so hoher Bedeutung, weil wir eine so gute Mannschaft haben, dass wir da gegen jeden gewinnen können.“
Eine solche Selbstgewissheit dürfte auch über das Ende der laufenden Saison hinaus zu Saarbrückens herausstechenden Merkmalen gehören. Denn qualitativ hat sich der FCS im Zuge eines nur auf den ersten Blick turbulent wirkenden, letztlich aber strategisch wohl durchdachten Umbaus seines Kaders für das nächste Spieljahr bereits weiter verbessert.
Ausgehend vor allem vom stattgegebenen Abschiedswunsch des an der Saar in acht Jahren zum Weltklassespieler gereiften Slowenen Darko Jorgic nämlich haben Barrois und „Urgestein“ Erwin Berg erste Puzzlestücke für ein regelrechtes „Dream-Team“ zusammengefügt: Wie bei der Verpflichtung von Fan vor fast neun Monaten gelang der FCS-Führung durch die Einigung mit Vizeweltmeister und World-Cup-Gewinner Hugo Calderano ein wahrhaftiger Coup. Der Brasilianer kann im Vergleich zu Jorgic sportlich als Zugewinn angesehen werden und macht die Blau-Schwarzen, bei denen der spanische Routinier Álvaro Robles besonders im Doppel den Abgang von Cedric Meissner kompensieren wird, alleine bereits mindestens wieder zu Titelkandidaten in allen drei Wettbewerben.
Saarbrückens neuerlicher Paukenschlag überraschte sogar Deutschlands in der Szene bestens vernetztes Idol Timo Boll. „Ich hätte nie die Option gesehen, dass Hugo nach Saarbrücken geht. Er wird wahrscheinlich dosierte Einsätze haben, um sich auch weiterhin in notwendigem Maß auf internationale Einsätze fokussieren zu können. Aber auf jeden Fall passt Hugo gut zu Saarbrückens sympathischer Mannschaft und passt vor allem gut in die Bundesliga. Dass er nach seiner langen Zeit in Ochsenhausen nach nur einem Jahr Pause wieder zurückkehrt, ist eine Bereicherung für die TTBL“, meinte der ehemalige Weltranglistenerste am Rande von Saarbrückens Spiel in Düsseldorf.
„Der Verein hat nach Darkos Entscheidung, Saarbrücken im Sommer zu verlassen, eine Grundsatzentscheidung getroffen, weiter Vollgas zu geben“, beschrieb Franziska den Calderano-Coup als Ausdruck der unverändert hohen Ambitionen seines Clubs.
Großes Lob für die Neuverpflichtung
Barrois hingegen, durch den Hype um Fan in den vergangenen Monaten an die unterschiedlichsten Superlative der mal mehr und mal weniger zutreffenden Art gewöhnt, bemüht sich um eine möglichst nüchterne Einordnung des Deals. „Für Darko, einen Spieler, der bei uns groß geworden ist, kommt Hugo, der Weltranglistenzweite – das wird sicher ein anderes Feeling sein. Aber letztlich ist er nur ein sportlicher Ersatz für Darko, und ich bin sehr froh, dass wir eine solch super und auch finanziell vernünftige Lösung gefunden haben. Sicherlich wird von uns erwartet, vorne mitzuspielen, aber die Konkurrenz ist inzwischen viel zu stark, als dass wir sagen könnten, dass wir nun jedes Jahr Meister werden müssen. Insofern ist Hugos Verpflichtung in keinster Weise ein Statement.“
Um eine Ansage käme Saarbrücken jedoch im Falle einer Verlängerung vor allem mit Fan Zhendong kaum noch herum. Seit Wochen hält die offene Entscheidung des früheren Weltmeisters über seine Zukunft im Saarland die Tischtennis-Community in Atem. Barrois vermag allerdings weder einen Zeitpunkt noch eine Tendenz dafür zu benennen.
„Wir sind wie mit Truls auch mit Zhendong in Gesprächen, haben ihm ein Angebot gemacht und wiederholt betont, wie gerne wir weiter mit ihm zusammenarbeiten würden“, sagt der FCS-Manager zum Status quo. „Die Entscheidung liegt bei ihm, es ist keine Frage von Verhandlungen, sondern nur davon, was Fan sich vorstellt und was er plant. Natürlich würden wir auch gerne wissen, wie es weitergeht, aber einem Spieler wie ihm macht man keinen Druck, sondern wartet darauf, wie er sich entscheidet.“
Als Schicksalsfrage sieht Barrois Fans Entscheidung jedoch keinesfalls an: „Wenn er sich für uns entscheidet, sind wir überglücklich. Wenn er sich gegen uns entscheidet, dann ist es so, dass wir gemeinsam ein schönes Jahr hatten. Aber dann ist trotzdem nichts passiert.“