Ein Ende des Krieges in der Ukraine ist nicht in Sicht – das Ende der Verbannung Russlands von der Weltbühne des Sports dagegen schon. Testballons dafür sind gestartet, der große Aufschrei bleibt aus.
Es war eines der prägnantesten Bilder der Olympischen Spiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo – und es hatte nichts mit Sport zu tun. Die Tränen in den Augen von IOC-Präsidentin Kirsty Coventry, als sie die Entscheidung zur Disqualifikation des ukrainischen Skeletonfahrers Wladislaw Heraskewytsch im Helm-Eklat begründete, gingen um die Welt. „Leider sind wir nicht zu einer Lösung gekommen. Ich wollte ihn wirklich heute im Rennen sehen. Es war ein emotionaler Morgen“, sagte Coventry mit stockender Stimme. Heraskewytsch wollte im Rennen mit einem Helm starten, auf dem Bilder von rund 20 Athletinnen und Athleten zu sehen waren, die beim russischen Angriffskrieg in seinem Heimatland ums Leben gekommen sind. „Niemand, wirklich niemand, besonders ich nicht, widerspricht der Botschaft. Sie ist kraftvoll. Sie ist eine Botschaft des Gedenkens, eine Botschaft der Erinnerung, und niemand lehnt das ab“, versicherte Coventry: „Die Herausforderung besteht darin, dass wir eine Lösung speziell für die Wettkampfstätte finden wollten.“
Die Lösung war am Ende jedoch ein Ausschluss des Athleten, der nicht auf Kompromissvorschläge des IOC eingehen wollte. Auf Coventrys Geheiß durfte der Ukrainer aber immerhin seine Akkreditierung behalten und sich im Olympischen Dorf und in den Sportstätten aufhalten. Doch mehr konnte oder wollte die Nachfolgerin von Thomas Bach an der Spitze des Internationalen Olympischen Komitees nicht für den Athleten tun. Auch im Moment großer Emotionen blieb die Südafrikanerin ihrem rationalen Führungsstil treu: „Die Regeln sind die Regeln, und ich glaube an diese Regeln. Ich halte diese Richtlinien für sehr gut.“ Dass das Medienecho in dieser Sache weitestgehend vernichtend ausfallen würde, war Coventry da schon klar. Der englische „Telegraph“ schrieb von einem „PR-Fiasko“. Die „New York Times“ in den USA meinte, das IOC habe „seinen Sport trivialisiert. Es hat seine Existenz trivialisiert.“ Für die „Daily Mail“ aus England stinkt der Eklat „nach Heuchelei, während sie Russland erlauben, sich wieder in die olympische Familie einzuschleichen“.
In der Tat deutet einiges darauf hin, dass die Winterspiele in Italien das letzte Olympia-Event waren, bei dem Russland nicht als offizielle Nation teilnehmen durfte. „Die Spiele 2026 werden die letzten für Russen in einem neutralen Status“, frohlockte bereits Russlands Sportminister Michail Degtjarjow. Seit den Winterspielen 2018 im südkoreanischen Pyeongchang dürfen russische Sportler nicht unter ihrer Landesflagge starten, die Nationalhymne wird seitdem bei Olympiasiegen ebenfalls nicht abgespielt. Anfangs war das Land für die nachgewiesenen systematischen Dopingmanipulationen bei den heimischen Winterspielen 2014 in Sotschi bestraft worden. Aktuell gilt der Ausschluss wegen des russischen Angriffskrieges in der Ukraine – allerdings ist das so formuliert nicht der offizielle Grund.
In Russland herrscht demonstrative Gelassenheit
Das IOC-Exekutivkomitee hatte im Oktober 2023 – damals noch unter Präsident Bach – eine technokratischere Begründung geliefert, die heute die Tür für Russland trotz der unveränderten Situation in der Ukraine öffnet: Das Russische Olympische Komitee (ROK) wurde suspendiert, weil es die Sportorganisationen der vier ukrainischen, aber vom Kreml annektierten Regionen Donezk, Lugansk, Cherson und Saporischschja aufgenommen hatte. Das sei eine Verletzung der territorialen Integrität des Nationalen Olympischen Komitees der Ukraine und damit ein Bruch der Olympischen Charta, sagte das IOC. Nun aber hat das ROK seine Statuten so geändert, dass überhaupt keine Olympia-Vereinigungen mehr zum Dachverband gehören – und damit auch nicht die in Donezk, Lugansk, Cherson und Saporischschja. Experten glauben, dass die IOC-Entscheidung damit nicht mehr aufrechterhalten werden kann, sollte Russland vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS ziehen. Dass derartige Drohgebärden von russischer Seite öffentlich noch ausbleiben, liegt an einem einfachen Grund: Es läuft für sie ohnehin alles in Richtung Wiedereingliederung. Der Ton auf Funktionärsebene gegenüber Russland wird deutlich versöhnlicher, der Druck der Regierungen – auch in Europa – wird kleiner, die ersten Schritte sind längst eingeleitet, ohne den ganz großen Aufschrei.
Bei den Paralympics in Italien ab dem 6. März darf Russland schon wieder als ganz normale Nation starten. Dasselbe gilt für Belarus, das als Verbündeter ebenfalls sanktioniert wurde. Beide Nationen sind seit September wieder Vollmitglieder des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) und entsprechend in Italien startberechtigt – samt Landesnamen, Flagge und Hymne. Die Abstimmung bei der Generalversammlung in Seoul fiel nicht einmal knapp aus. Eine deutliche Mehrheit sprach sich für die Wiedereingliederung aus, was den ukrainischen Sportminister zu einem bitteren Kommentar veranlasste. Vielleicht werde man in Zukunft noch erfahren, „wie viele Rubel diejenigen gekostet haben, die dafür gestimmt und die olympischen Werte verraten haben“, sagte Matwij Bidny.
Das Russische Paralympische Komitee nahm die Entscheidung naturgemäß mit Wohlwollen auf. Sie sei „ein Beispiel dafür, wie die Rechte der Athleten ohne Diskriminierung aus nationalen oder politischen Gründen geschützt werden sollten“, hieß es in einer Stellungnahme. Die geopolitischen Probleme dürften nicht auf dem Rücken der Sportler ausgetragen werden – das ist das Hauptargument der Befürworter einer Wiederaufnahme Russlands in den Weltsport. Die IOC-Chefin Coventry betont in nahezu jedem Statement zu dem schwierigen Thema, dass der Sport seine politische Neutralität beibehalten müsse. Für internationale Jugendwettbewerbe hat der Ringe-Orden schon längst eine Rückkehr russischer und belarussischer Athleten unter eigener Flagge empfohlen. Insbesondere junge Athleten dürften „nicht für das Handeln ihrer Regierungen verantwortlich gemacht werden“, hieß es in der Begründung: „Sport ist ihr Hoffnungsschimmer und ein Weg, zu zeigen, dass alle Athleten die gleichen Regeln und einander respektieren können.“ Der Zusatz, dass die Sportler und ihre Begleitpersonen „die Mission der olympischen Bewegung zur Förderung von Einheit und Frieden weiterhin unterstützen“ müssen, klingt vor allem für die Ukrainer wie blanker Hohn.
„Es ist wirklich traurig“
„Russland steht für Krieg und Terrorismus. Sie haben Kinder getötet, Erwachsene, sie haben unsere Häuser bombardiert und auch mein eigenes Haus zerstört“, sagte die ukrainische Skilangläuferin Sofiia Shkatula während Olympia: „Jetzt gegen ihre Athleten laufen zu müssen, geht einfach nicht.“ Das IOC verweist in diesem Zusammenhang gern auf die Einzelfallprüfung, bei der Verbindungen russischer Sportler zur russischen Armee und mögliche Unterstützungen des Krieges ins Visier genommen werden. Doch wie ernsthaft wird das vom zuständigen dreiköpfigen Panel wirklich verfolgt? Ein Bericht des britischen Senders BBC kurz vor den Winterspielen in Italien ließ Zweifel an der Wirksamkeit der Prüfung aufkommen. Das IOC wollte keine Einzelfälle kommentieren, und auch in der Frage nach einem baldigen Comeback Russlands hielt sich Coventry zumindest in der Öffentlichkeit bedeckt. Es gebe diesbezüglich aktuell keinen Zeitplan, betonte die frühere Weltklasse-Schwimmerin. Doch klar ist: Die Rechtskommission des IOC beschäftigt sich seit September mit dem Fall. Die Tendenz ist dabei klar.
Auch innerhalb der Fußball-Verbände Fifa und Uefa wird die Rückkehr Russlands vorbereitet. Fifa-Präsident Gianni Infantino gab dabei zuletzt ein erstaunliches Tempo vor. Der Schweizer stellte nicht nur öffentlichkeitswirksam die Wiederaufnahme russischer Fußballmannschaften in internationale Wettbewerbe in Aussicht. Er begründete dies auch mit unmissverständlichen Worten. „Dieses Verbot hat nichts gebracht“, meinte der Chef des Fußball-Weltverbandes: „Es hat nur zu mehr Frustration und Hass geführt.“ Dafür gab es wieder Applaus aus Russland – und Kritik aus der Ukraine. Doch der weltweite Protest blieb aus, genau wie nach der Entscheidung bei den Paralympics. Auch der Sportgerichtshof folgte zuletzt dieser Linie. Russische und belarussische Athleten waren vor dem CAS mit ihrer Klage erfolgreich, dass sie zumindest unter neutralem Status an Qualifikationswettkämpfen des Ski- und Snowboard-Weltverbandes FIS teilnehmen dürfen.
Die Normalisierung im Umgang mit Russland auf Sportsebene ist für den ukrainischen Skeletonfahrer Heraskewytsch nur schwer zu ertragen. „Es ist wirklich traurig“, sagte er: „Ich habe das Gefühl, dass das IOC und vor allem kleinere Verbände sich immer mehr dem Druck der russischen Seite beugen, dass es nicht um Kriterien oder die Sache geht, sondern nur darum, diese Länder und ihre Athleten zurückzubringen.“ Um den Ukrainer in letzter Minute doch noch zum Umdenken zu bewegen und mit ihm eine Einigung zu erzielen, war Coventry ungeplant extra zum Eiskanal nach Cortina gekommen. Dass sie ihm nach dem Ausschluss seine Akkreditierung ließ, war für Heraskewytsch einfach nur „Zynismus“ pur. Er schrieb auf der Plattform X dazu: „Vielen Dank für dein ‚gutes‘ Herz, IOC.“ Deutlich mehr freute er sich über die Auszeichnung mit dem Orden der Freiheit durch Wolodymyr Selenskyj. Der ukrainische Präsident lobte die klare Haltung des Sportlers, auch wenn dieser dadurch seinen Olympia-Traum begraben musste.