Beim ISTAF in Berlin sind die Augen vor allem auf Malaika Mihambo und Yemisi Ogunleye gerichtet. Für die eine ist das Meeting in Berlin der Abschluss der Hallen-Saison, für die andere die Generalprobe für die WM.
Malaika Mihambo mag es gern luftig. Gemeint ist dabei nicht ihr Kleidungs-stil, sondern die Bedingungen für einen möglichst perfekten Sprung. Bei geschlossenem Dach tut sich die Weitsprung-Olympiasiegerin von 2021 etwas schwerer als wenn der Wettkampf in einem offenen Stadion stattfindet. Warum das so ist, versuchte jüngst ihr Heimtrainer Ulli Knapp anschaulich zu erklären. „Malaika war in der Vergangenheit in der Halle auch immer einen Tick schwächer, weil sie ein Sonnenkind ist und lieber im Freien als unter dem Hallendach springt“, sagte er. Und weil das Sonnenkind Mihambo auch in dieser Saison in der Halle für ihre Verhältnisse nur durchschnittliche Leistungen gezeigt hat, ist der Verzicht auf die Hallen-Weltmeisterschaft vom 20. bis 22. März in der polnischen Stadt Toruń konsequent. „Wir fokussieren uns daher auf den Sommer, für den wir jetzt die Grundlagen legen“, erklärte Knapp. Und fügte hinzu: „Man kann nicht über das ganze Jahr Vollgas geben.“ Zum Abschluss ihrer Hallen-Saison lässt es sich Mihambo aber nicht nehmen, beim ISTAF in Berlin anzutreten. Für das mit mehr als 12.000 Fans größte Leichtathletik-Hallen-Meeting der Welt ist es enorm wichtig, dass eines der größten Aushängeschilder der deutschen Leichtathletik dort antritt. „Der Weitsprung mit diesem Feld an Teilnehmerinnen wird garantiert ein extrem spannender Weltklasse-Wettkampf“, meinte Meetingdirektor Martin Seeber: „Malaika Mihambo will vor ihrem Heimpublikum natürlich gewinnen, aber das wollen Top-Springerinnen wie Hilary Kpatcha, Pauline Hondema oder Khaddi Sagnia auch.“ Er rechnet deswegen nicht mit einem Selbstläufer für die Favoritin, die beim ISTAF in Berlin bei sechs Auftritten schon fünfmal gewinnen konnte. Die 32-Jährige hält hier seit ihrem Triumph 2020 auch den Hallen-Meetingrekord mit 7,07 Metern. Ihren Konkurrentinnen – allen voran die französische Sieben-Meter-Springerin Kpatcha sowie die nationalen Meisterinnen Hondema aus den Niederlanden und Sagnia aus Schweden – wollen es Mihambo bei der diesjährigen Ausgabe aber so schwer wie möglich machen.
Fokus liegt auf dem Sommer
Mihambo mag die Atmosphäre in Berlin, doch das sportliche Ergebnis dort ist für sie eher zweitrangig. „Der Höhepunkt in diesem Jahr ist ganz klar die EM in Birmingham im Sommer“, sagte die Vizeweltmeisterin mit Blick auf die Europameisterschaften in England vom 10. bis 18. August. Dort will sie nach 2018 in Berlin und 2024 in Rom ihren dritten Titel feiern. „Ich bin hoch motiviert und weiß, dass noch einiges in mir steckt“, sagte Deutschlands Sportlerin der Jahre 2019, 2020 und 2021. „Daran möchte ich weiterarbeiten und dieses Potenzial mit Blick auf 2026 herauskitzeln“, sagt sie. Angesichts der bisherigen Leistungen in der EM-Saison lässt sich sagen: Es gibt noch viel zu tun für Malaika Mihambo.
Beim Meeting in Karlsruhe Anfang Februar belegte die Athletin der LG Kurpfalz nur den vierten Platz. Ihre Weite? Lediglich 6,45 Meter. Noch besorgniserregender waren aber die altbekannten Probleme, die klar zum Vorschein kamen. „Malaika ist heute nicht in den Wettkampf gekommen und hat keinen Absprung richtig erwischt“, hatte ihr Trainer Knapp direkt nach dem Wettkampf gehadert. Anfang März sprang Mihambo bei den deutschen Meisterschaften auch nur unwesentlich weiter. 6,57 Meter genügten ihr aber zum insgesamt neunten Meistertitel in Serie unterm Hallendach. „Heute lief es nicht ganz so, wie ich mir das erhofft hatte“, sagte die zweimalige Weltmeisterin hinterher. Beim Anlauf habe sie sich diesmal zwar schnell und gut gefühlt. „Und dann war ich doch ein wenig ratlos, wie man dann so wenig weit springen kann.“
Wirklich überrascht ist Mihambo vom kleinen Formtief aber nicht. „Die Vorbereitung war einfach nicht optimal, mal hatte ich einen Infekt, mal ein bisschen Knieschmerzen und konnte drei Wochen am Stück keinen Weitsprung machen“, erklärte sie. Dazu kommt vielleicht auch die mentale Seite, denn in der Halle tritt die Weitspringerin wirklich nicht gern an: „Ich bin da keine große Freundin von.“ Der Plan, die Hallen-Weltmeisterschaft auszulassen und Kräfte für den Formaufbau für die Sommer-saison zu schonen, scheint deswegen der richtige zu sein. Zuvor will sie aber beim ISTAF in Berlin möglichst an der Sieben-Meter-Marke kratzen.
Eine starke Hallen-Form
Zweiter großer deutscher Star des Events in der Uber-Arena ist Yemisi Ogunleye. Die Kugelstoßerin will in Berlin ihren Sieg aus dem Vorjahr erfolgreich verteidigen – muss dafür aber starke Konkurrenz hinter sich lassen. Auf die Olympiasiegerin von Paris wartet „die Crème de la Crème im Kugelstoßen“, wie der Veranstalter in einer Mitteilung schrieb. Gemeint waren unter anderem die Weltmeisterin und zweimalige Europameisterin Jessica Schilder aus den Niederlanden, die Jamaikanerin Danniel Thomas-Dodd und Schwedens Rekordhalterin Fanny Roos. Für Spannung ist also garantiert. „Dass wir im vergangenen Jahr das Kugelstoßen ins Programm genommen haben, war eine richtig gute Entscheidung“, sagte Meetingdirektor Seeber. „Das Publikum feiert jeden Stoß wie einen Titelgewinn und die Athletinnen sind begeistert von der Atmosphäre und davon so sehr im Mittelpunkt zu stehen.“
Ogunleye zeigte zuletzt eine starke Hallen-Form, beim ISTAF Indoor in Düsseldorf war sie mit einem Sieg ins neue Sportjahr gestartet. Wenig später warf sie bei der DM die Kugel noch mal weiter: 20,37 Meter bedeuteten persönliche Bestweite für die Mannheimerin. „Ich bin schwer reingekommen und war auch ein bisschen platt. Ich bin froh, das war so ein schöner Wettkampf“, sagte Ogunleye. Anders als Mihambo wird sie bei der Hallen-WM an den Start gehen – und das nun sogar mit Gold-Aussichten. In Polen wird sie zu den wenigen deutschen Medaillenhoffnungen zählen. „Ich möchte versuchen, den Fokus bei mir zu behalten und weiter so weit zu stoßen“, sagte Ogunleye. Silber hat sie bei Hallen-Weltmeisterschaften schon gewonnen, die Goldmedaille fehlt ihr aber noch.
Das trifft auch auf Mihambo zu, doch sie setzt andere Prioritäten. „Nach der langen vergangenen Saison mit einer sehr späten WM wird auch dieses Jahr mit dem neuen Wettkampf der ‚Ultimate Championship‘ im September sehr lang werden“, sagte Trainer Knapp. Bei der „Ultimate Championship“ handelt es sich um ein neues Wettkampf-Format, das Mitte September in Ungarns Metropole Budapest seine Premiere feiert. In 28 Disziplinen treten die besten Athleten und Athletinnen an – und die werden dann wohl auch alle tatsächlich dabei sein wollen. Denn das garantierte Startgeld und die Siegprämie in Höhe von 150.000 Dollar sind üppig. Insgesamt werden zehn Millionen US-Dollar ausgeschüttet.
„Von der Wichtigkeit her steht das knapp vor dem Diamond-League-Finale auf Position zwei hinter der EM“, sagte Mihambo. Sie steht der neuen Veranstaltung offen gegenüber – auch, weil die hohen Prämien ein Lockmittel sind. „Das Preisgeld ist natürlich schön und unterstützt uns Athleten“, sagte sie: „Dennoch war ich immer eine Springerin mit Herz und hänge doch sehr an den klassischen Meisterschaften.“ Die seien für sie persönlich „doch mehr wert als ein Wettkampf, bei dem es mehr Geld gibt“. Auch deshalb tritt Mihambo beim ISTAF in Berlin an – obwohl ihr die Bedingungen bei einem geschlossenen Dach nicht wirklich behagen.