Neue Autos, neue Motoren, neue Reifen, neuer Kraftstoff, neue Machtverhältnisse: Die Formel 1 erlebt mit dem Saisonstart 2026 ihre größte Regel-Revolution – und die Fahrer ihren größten Unmut.
Kein Team weiß, wo die Reise hingeht. Es ist die bislang größte technische Umwälzung in der 77-jährigen F1-Geschichte. „Diese Saison wird von einigen der anspruchsvollsten Änderungen des technischen Reglements geprägt sein, mit denen wir je konfrontiert waren“, kommentierte Mercedes-Teamchef Toto Wolff die umfassende Umgestaltung fast aller Aspekte des Autos (zu der neuen Fahrzeuggeneration später mehr). Wie aber reagieren die Fahrer auf die „Neureglementierung“ ihrer Dienstfahrzeuge? Bis zum Saisonauftakt am Sonntag im Albert Park von Melbourne in Australien (fünf Uhr MEZ/Sky) bekamen die Hauptdarsteller die Gelegenheit, bei drei Wintertests (drei Tage Barcelona, zweimal drei Tage Bahrain) mit ihrem neuen Arbeitswagen Tausende von Kilometern zu schrubben und Unmengen an Daten für ihre Ingenieure zu sammeln. Diese Testfahrten verliefen allerdings nicht „problemlos“ und „störungsfrei“. Der Aufschrei der Piloten, allen voran eines hochdekorierten Fahrer-Trios in der Sakhir-Wüste von Bahrain, war unüberhörbar. Der verstärkte Fokus lag auf der Hybridtechnologie, die für reichlich Ärger sorgte. Heißt: Die Autos sind viel komplizierter zu fahren als in der Vergangenheit.
Frust und Sorge bei den Fahrern
Bereits bei den ersten dreitägigen Bahrain-Tests Mitte Februar platzte Max Verstappen (233 GPs) fast der Kragen. Der Red-Bull-Pilot schlug Alarm. Mit dem Vorschlaghammer hieb der Bulle auf die neuen Regeln ein: „Ehrlich gesagt macht es nicht viel Spaß zu fahren. Als reiner Racer fahre ich gerne volles Tempo, und wenn das auf der Geraden nicht möglich ist, ist es besser, Formel E zu fahren. Für mich ist das einfach nicht Formel 1“, motzte der 28-Jährige. Für den Niederländer sind die neuen Autos „ein großer Schritt zurück“. Für den Ferrari-Piloten und siebenfachen Champion Lewis Hamilton (41, 380 GPs) ist der Speed der neuen Autos auf Formel-2-Niveau. Dritter Hochkaräter der arrivierten Stars, zweifacher Champion, F1-Dino und Urgestein Fernando Alonso (44 Jahre, 425 GPs) scherzte, dass selbst der Chefkoch bei Aston Martin im Auto sitzen könne, wenn manche Kurven plötzlich nur noch mit halbem Gas zu durchfahren sind. Weltmeister Lando Norris (26, 152 GPs) rechnet durch die große Regelreform mit mehr Chaos während der Rennen. „Vor allem die Starts werden mehr Chaos auslösen als früher. Etliche Autos werden stehenbleiben“, prophezeite der McLaren-Star. Bei Probestarts in Bahrain blieb zeitweise das halbe Feld stehen. McLaren-Teamchef Andrea Stella (55) fordert deshalb eine längere Startsequenz an der Ampel.
Kommen wir zu den Testfahrten. Was sind die Zeiten der drei Wintertests wert? Neun Tage ein Versteckspiel mit Bluffen, Tarnen, Täuschen, Tricksen. Viel Geheimniskrämerei. Die Zeiten des ersten Abtastens in den sogenannten Shakedowns (Abstimmung der Autos, eine Erprobungsphase) sind nur Kaffeesatzleserei. Einige Experten sind sich einig: „Einfacher wird die ‚neue Formel 1‘ durch die neuen Regeln nicht, sondern eher noch komplizierter.“
Mercedes setzte mit einem Monster-Motor Duftmarken. Mit gleich zweimal doppelter Abschlussbestzeit hinterließen die Silberpfeile einen starken Eindruck – und gelten als Geheimfavorit. Silberpfeil-Häuptling Toto Wolff lässt keine Gelegenheit aus, die Bullen als starken Gegner hervorzuheben. Der Wiener Schlawiner ist sich sicher, dass Red Bull mit einem von Ford entwickelten Motor der Maßstab für alle anderen Rennställe ist. In Bahrain behauptete der „Chef der Sterne“, dass Red Bull mit Max Verstappen weit vorne liege. Interessant und spannend wird es allemal, wenn es zu einem Duell der Mercedes-Motoren zwischen Mercedes und McLaren-Mercedes kommt.
Ferrari, das überraschend mit Bestzeit (Leclerc) den letzten Testtag in Bahrain dominierte, steht mal wieder gewaltig unter Druck. Das springende Pferd muss auch mal über die höchste Hürde springen, sonst ist Schicht im Schacht. Sowohl bei „Reiter“ Lewis Hamilton als auch bei „Dresseur“, sprich Teamchef, Fred Vasseur. Beide sind angezählt. Die vier etablierten F1-Größen McLaren, Mercedes, Ferrari und Red Bull schieben sich gegenseitig die Favoritenrolle zu und überbieten sich im Tiefstapeln. Offene Machtverhältnisse.
Mit dem neuen Reglement wollte die FIA auch gezielt neue Antriebshersteller anlocken. Und das ist dem Automobil-Weltverband gelungen. Gleich zwei Edelmarken stehen in der Startaufstellung. Der neue deutsche Werksrennstall Audi mit eigenem Motor hatte zum Auftakt der Tests in Barcelona einen holprigen Start. „Die Liste mit Punkten, die wir noch abhaken müssen, ist noch lang“, fasste Projektleiter Mattia Binotto zusammen. In Bahrain setzte Audi dann ein erstes Ausrufezeichen mit Rundenzeiten in den Top Ten. Doch trotz Vorwärtsschritten und positiven Eindrücken ist das deutsche Werksteam noch nicht am Ziel angelangt. „Das wäre auch mit einem erstmals eigens entwickelten Motor und Chassis verwunderlich. Wir befinden uns auf einer Reise und sind noch ein Stück weit von unserem Idealziel entfernt“, so Teamchef Jonathan Wheatley. Der deutsche Chefpilot Nico Hülkenberg (250 GPs) erkannte nach neun Testtagen „sehr gute Fortschritte und definitiv einige positive Aspekte“. Der 38-Jährige aus Emmerich am Niederrhein hofft, „dass wir uns irgendwo im Mittelfeld konkurrenzfähig bewegen“. Sorgen bereitet dem Audi-Piloten der Startvorgang: „Der gestaltet sich unter dem neuen Motorenformat schwieriger als bisher.“ Alles in allem aber stehe Audi „solide“ da, so „Hulk“ in den sozialen Medien. Erste Punkte dürfen und können aber das Ziel sein.
Cadillac schielt auf das Mittelfeld
Ähnlich sieht das auch Neueinsteiger Cadillac. Das Team mit Ferrari-Motor legt den Fokus darauf, mit Mittelfeldteams konkurrenzfähig zu sein. Bei den Tests lief noch nicht alles rund. Da hatte das US-Team mit einer Fertigungsfabrik im britischen Silverstone noch mit technischen Problemen zu kämpfen.
Wir müssen aber noch einmal auf den sich äußerst kompliziert gestaltenden F1-Einstieg von General-Motors-Tochter Cadillac zurückkommen. Der war quasi ein Spießrutenlauf. Ursprünglich hatte Ex-F1-Fahrer Michael Andretti, Sohn des 78er-F1-Champions Mario Andretti, versucht, mit seinem Familiennamen in die Königsklasse einzusteigen. Obwohl die FIA die Freigabe erteilte, blitzte der heute 63-Jährige beim F1-Management ab. Auch der Widerstand der aktiven Teams war groß. Erst nachdem Michael Andretti von allen Funktionen zurückgetreten war und das Team als „Cadillac“ deklariert wurde, stimmte auch die Formel 1 dem Einstieg zu.
Die Regel-Revolution ist der Start in eine neue Technik-Ära, die sich wie nie zuvor auf eine neue Autogeneration auswirkt. Das neue Gesicht der Boliden: Sie sind kleiner, schmaler und leichter als ihre Vorgänger. Sie verfügen über eine aktive Aerodynamik und einen Motor, der zur Hälfte von Elektro- und zur anderen Hälfte von Verbrennungsenergie angetrieben wird. Das heißt konkret: 50 Prozent der Motorenleistung sind elektrisch. Laut FIA wird die Leistung des Verbrenners von 750 PS auf 550 PS gesenkt und gleichzeitig die Batteriekraft von 240 auf 475 PS erhöht. Zudem werden die Boliden aus Gründen des Umweltschutzes mit 100 Prozent fortschrittlichen, nachhaltigen Kraftstoffen betrieben. Eine der größten und auffälligsten Änderungen sind die beweglichen Front- und Heckflügel. Da die F1-Renner immer „dicker“ geworden sind, bekamen sie eine Diät verpasst. Sie sind um 30 Kilo von 798 auf 768 „abgemagert“ und haben von einem Zwei-Meter-„Bauchumfang“ auf 1,90 „abgespeckt“. Für Ingenieure und Techniker war die Umsetzung der neuen FIA-Regeln mit neuer Antriebsstruktur, nachhaltigen Kraftstoffen und neuen „Maßeinheiten“ eine noch nie gekannte Herausforderung. Für sie war die „Geburt der neuen Fahrzeuggeneration“ nicht nur eine Evolution, sondern eine Revolution.
Bei der Frage, wer von den großen Vier als Favorit in die Saison geht, scheiden sich die Geister. Endgültig aufgedeckt werden die Karten erst beim Start in Melbourne. Oder wie Altmeister Hans-Joachim Stuck immer zu sagen pflegte: „Dann werden die Hosen heruntergelassen.“ Am Ende aber bleibt dennoch die große Frage: Wer tritt in die Fußstapfen von McLaren-Weltmeister Lando Norris und holt sich den ersten WM-Titel der neuen Regel-Ära? Die neue, revolutionierte F1-Saison 2026 wird die größte Wundertüte der Formel 1 in den vergangenen 20 Jahren.