Bei den Winter-Paralympics in Italien wird das Motto „Dabei sein ist alles“ noch stärker gelebt als bei Olympia. Doch ganz reibungslos dürfte das Großevent nicht über die Bühne gehen.
Örnsköldsvik – beim Aussprechen der Gastgeberstadt der allerersten Paralympischen Winterspiele tun sich selbst Schweden nicht immer leicht. Sie nennen die Stadt in der Höga-Küsten-Region auch deswegen oft nur „Ö-vik“. Hier fanden sich im Jahr 1976 insgesamt 198 Athletinnen und Athleten mit Behinderung ein, um erstmals im Wintersport um paralympische Medaillen zu kämpfen. Überwiegend kamen sie aus Europa, von anderen Kontinenten waren lediglich sechs Kanadier, ein US-Amerikaner, ein Japaner und ein Athlet aus Uganda angereist. Außerdem waren die Frauen mit nur 37 Starterinnen deutlich in der Minderheit. Im Programm standen damals lediglich zwei Sportarten: Para Ski alpin und Para Skilanglauf. Seitdem haben sich das Programm und das Teilnehmerfeld stetig entwickelt, was sich an den Zahlen der Paralympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo vom 6. bis zum 15. März ablesen lässt. 50 Jahre nach der Premiere nehmen über 650 Sportlerinnen und Sportler an dem Event teil und messen sich in insgesamt 79 Wettbewerben.
Öffentliches Interesse gestiegen
„Der sportliche Wert war schon immer da, aber das öffentliche Interesse an den Paralympics ist im Laufe der Jahre exorbitant gestiegen“, sagt Frank-Thomas Hartleb. Der langjährige Sportdirektor des Deutschen Behinderten-Sportverbandes (DBS) begleitete insgesamt 17 Paralympische Sommer- und Winterspiele und hat die Entwicklungsschritte hautnah miterlebt. „Anfangs war es noch schwierig, überhaupt an aktuelle Ergebnisse von den Paralympics zu kommen. Im Fernsehen gab es maximal eine 30-minütige Zusammenfassung im Nachgang der Spiele, erstellt von der Gesundheitsredaktion“, erinnerte Hartleb. Die Berichterstattung in den Zeitungen beschränkte sich meist auf die Lokalseiten, sofern ein Athlet oder eine Athletin aus der Region erfolgreich war. „Heute sind die Paralympics das drittgrößte Sportereignis weltweit, die öffentlich-rechtlichen Sender übertragen mehr als 60 Stunden von den Spielen“, erklärt Hartleb.
Das hat auch mit der seit den 90er-Jahren deutlich gestiegenen Professionalisierung im Parasport zu tun. Die Trainingsmethodik, das Material, die medizinische Betreuung – all das ist mit den Anfängen nicht mehr zu vergleichen. Ermöglicht wurde die Entwicklung auch durch die bessere Unterstützung von Spitzensportlern mit Behinderung durch öffentliche Gelder. Anfangs hätten dem DBS pro Jahr nur wenige hunderttausend Deutsche Mark zur Verfügung gestanden, im Vorjahr seien es zwölf Millionen Euro gewesen, vergleicht Hartleb. Davon profitiert vor allem die heutige Generation, entsprechend ehrgeizig ist das „Team D“ bei den Paralympics in Italien – auch wenn der gesellschaftliche Auftrag immer über allem steht.
„Es ist eine Mannschaft mit vielen spannenden Charakteren und Geschichten, gleichzeitig ist es eine Mannschaft mit Potenzial und Perspektive“, sagt Marc Möllmann. Als DBS-Vorstand Leistungssport ist er für die offizielle Zielsetzung zuständig. Dazu sagt er: „Mit Blick auf die Anzahl an Gesamtmedaillen wollen wir es unter die besten sechs Nationen schaffen.“ Bei den Winter-Paralympics 2018 im südkoreanischen Pyeongchang und 2022 in Peking hatte Deutschland jeweils 19 Mal Edelmetall geholt. Jetzt finden die Wettbewerbe nach 20 Jahren wieder in der europäischen Zeitzone und vor allem in den Alpen statt. Das macht es für Fans und Familienmitglieder deutlich leichter, vor Ort dabei zu sein und die deutschen Starterinnen und Starter anzufeuern. Deswegen seien die Vorfreude und Motivation im deutschen Team „riesig“, berichtete Möllmann: „Wir fiebern den Paralympischen Spielen entgegen.“ Deutschland schickt insgesamt 40 Athletinnen und Athleten an den Start, nur in Lillehammer 1994 waren es mehr (43). Hinzu kommen acht Guides. Das sei ein Ausdruck dafür, dass in den vergangenen vier Jahren „sehr gute Arbeit geleistet“ worden sei, meinte DBS-Vorstand Möllmann: „Jetzt geht es darum, sich dafür zu belohnen, Bestleistungen zu zeigen und den Para-Sport sichtbar zu machen.“
Eskau zum neunten Mal dabei
Nachrückerin Maya Fügenschuh (Ski alpin) ist mit 17 Jahren das „Küken“. Als erfahrenste deutsche Starterin soll Andrea Eskau anführen, für sie sind es bereits die neunten Paralympics. Die 54-Jährige ist im Sommer im Para-Radsport aktiv, im Winter im Para-Ski nordisch. Das Event in Mailand und Cortina ist aber auch für sie als Teamroutinier etwas Besonderes. „Es findet in Italien statt. Ich mag die italienische Mentalität. Ich mag die Italiener. Ich stelle mir richtig gute Strecken und richtig gute Wettkämpfe vor. Es wird perfekt“, sagte die querschnittsgelähmte Magdeburgerin. Die achtmalige Paralympics-Siegerin gibt den Debütanten einen wichtigen Rat mit auf den Weg: „Lass dich nach einem verlorenen Wettkampf nicht entmutigen. Das ist nicht so wichtig für dein Leben. Es soll Spaß machen.“
Den will auch Andrea Rothfuss haben. Die 36-Jährige hat seit Turin 2006 bereits fünf Winter-Paralympics hinter sich gebracht und dabei 14 Medaillen gesammelt, die Jagd nach Edelmetall steht bei ihr nicht mehr komplett im Vordergrund. Zuletzt machte die Skirennläuferin eine Burn-out-Erkrankung und Depression öffentlich, wegen derer sie sich eine längere Auszeit vom Sport nahm. „Ich hatte Tage, an denen ich Kopf und Körper einfach nicht zusammengebracht habe“, sagte Rothfuss, die ohne ihre linke Hand geboren wurde. Erst Anfang Dezember kehrte Rothfuss wieder auf die Piste zurück und schaffte noch den Sprung in den deutschen Kader. 20 Jahre nach ihren ersten Paralympics in Turin nun erneut in Italien an den Start gehen zu können, sei für sie schon jetzt so viel wert „wie eine Medaille“.
Sportgeschichte schreibt Kathrin Marchand. Die Skilangläuferin, die im Sommer den Rudersport betreibt, wird weltweit die erste Athletin sein, die bei drei verschiedenen Ausgaben der Spiele dabei ist: Olympische Spiele im Sommer sowie Paralympische Spiele im Sommer und Winter. Das gelang bislang nur dem Niederländer Jeroen Straathof bei den Männern. Marchand hatte 2021 bei einem Online-Spinning-Kurs einen Schlaganfall erlitten, der ihr Leben auf den Kopf stellte. Seitdem leidet sie an einer linksseitigen Wahrnehmungsstörung, doch es hätte noch viel schlimmer kommen können. „Eigentlich wäre ich tot“, schrieb die 36-Jährige in einem Instagram-Post. „Ich kann einfach verdammt glücklich sein, aber leider vergessen wir trotzdem viel zu oft, dankbar zu sein.“ Marchand fand ihren Weg zum Parasport, zuerst im Sommer, dann im Winter. Der Umstieg auf Ski war für sie genau die große Herausforderung, die sie damals gesucht hatte. „Das letzte Mal stand ich vor 15 Jahren auf Ski“, sagte sie. „Ich musste erst anfangen, es richtig zu lernen.“ Das gelang ihr hervorragend, auch wenn gerade die saubere Gewichtsverlagerung im Diagonalschritt aufgrund ihrer Sehschwäche noch etwas problematisch ist.
Marchand weiß, dass hinter Parasportlern teils schwere Schicksalsschläge stehen. Doch sie betont auch: „Parasport ist kein Mitleid – Parasport ist Leistung.“ Die Einschränkung bedeute nicht automatisch, „dass wir ein trauriges Leben haben“, stellt die Kölnerin klar. Der Parasport helfe meist dabei, „als sehr lebensfrohe Menschen durchs Leben zu gehen“. Das wiederum prädestiniere die Parasportler, „Vorbilder für Resilienz, Willensstärke und Dankbarkeit“ zu sein. Sie betont: Die meisten machten den Parasport „nicht trotz unserer Behinderung, sondern mit“. Auch Idriss Gonschinska, Vorstandsvorsitzender des DBS, erhofft sich von den Paralympics in diesem Jahr, dass sie „verdeutlichen, was Para-Sport für unsere Gesellschaft bedeutet: Mut, Exzellenz, Zusammenhalt und die Entschlossenheit, über sich hinauszuwachsen.“
Russlands Teilnahme sorgt für Kritik
Allerdings dürften die Wettkämpfe von einer gesellschaftspolitischen Debatte überschattet werden. Die Rückkehr Russlands – ebenso wie die des Verbündeten Belarus – als offizielle Nation bei den Paralympics trotz des andauernden Angriffskrieges in der Ukraine dürfte während des Events für noch mehr Aufsehen sorgen als schon im Vorfeld. Aus Protest kündigte die ukrainische Delegation an, der Eröffnungsfeier fernbleiben zu wollen. Das deutsche Team wollte sich diesem Boykott nicht anschließen. Russland und Belarus sind seit September wieder Vollmitglieder des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) und entsprechend in Italien startberechtigt – samt Landesname, Flagge und Hymne. Die Abstimmung bei der Generalversammlung in Seoul fiel nicht einmal knapp aus, eine deutliche Mehrheit sprach sich für die Wiedereingliederung aus. Dabei ist selbst die italienische Regierung gegen die Teilnahme Russlands. „Die anhaltende Verletzung der Waffenruhe sowie der olympischen und paralympischen Ideale durch Russland, unterstützt von Belarus, ist mit der Teilnahme ihrer Athleten an den Spielen unvereinbar – es sei denn als neutrale Einzelsportler“, heißt es in einer Stellungnahme der Regierung des Gastgeberlandes.
Klar ist: Auch im Parasport gibt es politische Verwicklungen, das ist ein Resultat der zunehmenden Professionalisierung und größeren öffentlichen Wahrnehmung. „Auch der Parasport findet längst nicht mehr auf einer Insel der Glückseligen statt“, bringt es Paralympics-Kenner Hartleb auf den Punkt. „Gleichwohl hat er sich eine gewisse Unschuld bewahren können – dieses Image sollte er nicht leichtfertig verspielen.“ Sein Wunsch ist, dass sich dieser Sport weiter professionalisiert, aber gleichzeitig den übergeordneten Zweck nie aus den Augen verliert. Sportler mit Behinderungen sollten „auch in Zukunft ein leuchtendes Beispiel für die gesamte Gesellschaft darstellen“.