Laut Statistikamt gibt es 1,25 Millionen Single-Haushalte in Berlin. Das Sozialprojekt „Generationen-WG“ will alleinlebende alte Menschen und wohnungssuchende junge Menschen zusammenbringen. Dabei geht es um mehr als eine billige Bleibe. Projektleiterin Katrin Kalinkus erzählt, was sie bei ihrer Arbeit erlebt.
Frau Kalinkus, wie kam es zur Idee der „Generationen-WG“?
Der Ideengeber und Gründer unseres Vereins „Sonay soziales Leben“, Jonas Deußer, wurde von seinem Großvater inspiriert. Er war Bauer und konnte im Alter plötzlich aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht mehr arbeiten. Das stürzte ihn in eine große Krise. Deußer lebte damals in Berlin, arbeitete schon als Sozialarbeiter und dachte, wie schön es wäre, wenn sein Opa Jugendlichen zeigen könnte, wie man Kartoffeln anpflanzt – auch wenn er selbst im Rollstuhl sitzt.
Bei der „Generationen-WG“ aber geht es weniger um Wissensweitergabe zwischen Generationen, sondern mehr um das Lösen dringlicher gesellschaftlicher Probleme. Welche genau?
Wir wollen mit dem Projekt konkret die Wohnungsnot unter jungen Leuten, die es in Berlin und praktisch allen deutschen Großstädten gibt, mildern. Gleichzeitig beugen die Generationen-WGs Einsamkeit und sozialer Isolation bei Älteren vor. So schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Unser Ziel ist, dass Junge und Alte sich gegenseitig unterstützen. Sie gehen davon aus, dass allein in Berlin rund 300.000 Senior*innen allein auf durchschnittlich 70 Quadratmetern leben.
Wie sieht der typische Bewerber aus?
Zu uns kommen oft Menschen, die sich nach dem Auszug der Kinder oder dem Tod des Ehepartners oder der Ehepartnerin eigentlich „verkleinern wollten“, sich aber jetzt vorstellen können, ihren Wohnraum zu teilen.
Sie legen Wert darauf, zu betonen, dass Sie kein Wohnen-für-Hilfe-Projekt sind. Warum?
Uns geht es um eine WG auf Augenhöhe. Die beteiligten Personen sollen in der Lage sein, ihren Alltag zum Großteil eigenständig bewältigen zu können. Helfen im Haushalt steht nicht im Vordergrund, sondern es geht darum, dass man sich auf zwischenmenschlicher Ebene um den anderen kümmert.
Was sagen ältere Menschen noch zu ihren Beweggründen, sich zu bewerben?
In meiner Vermittlungspraxis höre ich oft: ‚Ich werde langsam alt und würde mich sicherer fühlen, wenn ich wüsste, es ist jemand da. Was ist, wenn ich stürze?‘ Das ist für viele das Allerwichtigste. Sie brauchen niemanden, der sie bespaßt, denn viele Ältere, die zu uns kommen, stehen noch aktiv im Leben, mit einem funktionierenden sozialen Netzwerk.
Welche Auswahlkriterien haben Sie?
Es muss ein bewohnbares Zimmer zur Verfügung stehen, das ich dann auch persönlich begutachte. Die Senior*innen – statistisch sind es eher Frauen – müssen sich bewusst sein, dass es um ein Zusammenwohnen mit einer Person einer anderen Generation geht. Für einen Austausch untereinander sollte man offen sein.
Haben Sie auch eine Altersvorgabe?
Die älteren Bewerber*innen sollen 60 plus, die jüngeren maximal 27 Jahre alt sein. Das ist ziemlich spezifisch, aber das hat der Fördermittelgeber, die Deutsche Fernsehlotterie, so festgelegt. In Einzelfällen dürfen wir auch begründete Ausnahmen machen.
Wie wird die Miete berechnet?
Wir berechnen die Miete transparent und orientieren uns dabei am Berliner Mietspiegel. Niemand soll einen Reibach machen, niemand soll draufzahlen. Wir wollen faire Mieten. Und in der Regel liegen unsere Berechnungen unter dem städtischen Durchschnitt. Wir erheben keinerlei Gebühren, die Bewerbung ist für alle Beteiligten kostenlos.
Nach aktuellem BGH-Urteil dürfen Mieter ihre Wohnung nicht mit Gewinn untervermieten. Was müssen sie mietrechtlich beachten?
Es braucht vorher eine Genehmigung von Vermieter*in oder Hausverwaltung, dass untervermietet werden darf. Das ist selten ein Problem, weil in Deutschland Vermieter*innen nur aus triftigen Gründen eine Untermiete verweigern dürfen.
Was passiert, wenn eine Person pflegebedürftig wird oder verstirbt?
Das muss vorher genau vertraglich festgehalten werden. Ein Untermietverhältnis löst sich automatisch auf, wenn der oder die Hauptmieter*in verstirbt. Bei Pflegebedürftigkeit gibt es keine Regelung, da muss mit der Situation umgegangen werden.
Wie schwierig ist das, was sie neudeutsch „Matching“ nennen? Also, zwei Personen zu finden, bei denen die Chemie stimmt?
Die Bewerber*innen, jung und alt, füllen weitgehend gleiche Fragebögen aus: Haben Sie Haustiere? Rauchen Sie? Wie viel Ruhe benötigen Sie? Wie viel Zeit wollen Sie gemeinsam verbringen? Wir fragen auch nach der Motivation für die Projektteilnahme oder bitten die Älteren, den jungen Bewerber*innen vielleicht ein paar Fotos zu schicken, mit einer netten Nachricht. Den Bogen gehe ich mit den Senior*innen dann Schritt für Schritt durch.
Das klingt nach viel Arbeit.
Zusätzlich führe ich ein persönliches Gespräch mit den Senior*innen, um sicherzustellen, dass die Persönlichkeitsprofile zueinanderpassen. Ich frage nach ihren Bedürfnissen und Erwartungen und mache auch ein paar Fotos vom Zimmer für unsere Webseite.
Wenn das geschafft ist, wie geht es weiter?
Die jungen Leute, die ich dann aufgrund ihres Fragebogens als potenziell passend für vorab ausgewählte Senior*innen betrachte, kontaktiere ich per Telefon. Danach findet das erste Kennenlernen in der Wohnung statt.
Was ist Ihre Rolle dabei?
Wenn ich Nervosität bei den Beteiligten spüre, moderiere ich diese. Ich ermuntere die Beteiligten, vorher eine Liste mit ihren wichtigen Fragen zu machen. Danach soll jeder ein paar Nächte darüber schlafen, bevor er oder sie entscheidet.
Wie lange dauert der Auswahlprozess im Schnitt?
Sehr unterschiedlich. Manchmal klappt es nach einer Besichtigung, manchmal braucht es sechs. Im Schnitt drei.
Sie betreuen die WGs auch nach dem Einzug?
Ja, das fördert die Nachhaltigkeit der WGs. Wenn es nötig ist, organisieren wir dann auch mal ein Auto für die Umzugskisten. Zentral aber ist die Betreuung der Menschen. Und für die bieten wir bei Konflikten auch weit nach dem Einzug auf Wunsch professionelle Mediation an.
Was ist die beste Voraussetzung, damit eine Generationen-WG von Dauer ist?
Wichtig ist, zu verstehen, dass die junge Person in die Wohnung einzieht und nicht nur Gast ist. Da ist ein emotionaler Schritt, der vollzogen werden muss, damit die WG langfristig Bestand hat. Deshalb helfen wir auch dabei, dass sich die einzelnen WGs untereinander austauschen und vernetzen.
Was ist Ihr wichtigstes Projektziel?
Es geht nicht darum, auf Teufel komm raus eine große, größtmögliche Zahl an WGs zu gründen, sondern darum, dass sich Menschen aus verschiedenen Generationen gegenseitig unterstützen und hoffentlich auch gerne Zeit miteinander verbringen. Und wir freuen uns, wenn die Beziehung lange hält.
Können Sie sich an ein besonders schönes „Matching“ erinnern?
Wir haben eine Generationen-WG im Berliner Bezirk Kladow vermittelt, das ist etwa 25 Kilometer von Berlin-Mitte entfernt. Alle jungen Frauen fanden das Zimmer schön, hielten die tolle ältere Dame, also die Vermieterin, für super sympathisch, aber am Ende war Kladow zu weit draußen. Eine junge Frau aber hatte keine Wahl, weil ihr Mietvertrag ablief. Sie kündigte an, sie würde notgedrungen für zwei bis drei Monate einziehen, bis sie was in der Innenstadt gefunden hat.
Doch es kam ganz anders.
Die beiden leben jetzt seit über einem Jahr zusammen, haben sich richtig angefreundet und gehen jetzt regelmäßig zusammen ins Theater. Die junge Frau gestand mir, dass sie nie wieder ausziehen wird – wenn sie nicht muss (lacht).
Ihr Projekt ist sehr erfolgreich. Seit der Gründung im Oktober 2024 haben sich rund 1.000 junge Menschen registriert. Streben Sie eine Ausweitung auf andere Städte an?
Wohnungsnot ist nicht nur ein Berliner Problem. Wir wünschen uns eine Ausweitung auf andere Städte. Es wäre toll, wenn sich das Prinzip einer Generationen-WG in den Köpfen festsetzen würde und ein gesellschaftliches Momentum entstünde, das uns in Zukunft überflüssig macht. Das wäre wunderbar.