Die Tänzerin und Choreografin Bérengère Brulebois bringt mit ihrer Tanztheater-Compagnie „Intuicio“ Menschen mit und ohne Handicap über den Tanz zusammen.
Samstagvormittag im evangelischen Gemeindezentrum St. Johann in Saarbrücken: Kurz vor elf Uhr trudeln die ersten Mitglieder der inklusiven Tanztheater-Compagnie „Intuicio“ ein: Zusammen mit den Straßenschuhen und den Mänteln werden auch die Alltagssorgen abgelegt. Einige begrüßen sich mit einer herzlichen Umarmung, und alle freuen sich aufs Training. Geleitet wird die Truppe von Bérengère Brulebois. Die 47-Jährige, die in Völklingen wohnt, ist freiberufliche Tänzerin und Choreografin. In erster Linie sieht sie sich aber als Tanzvermittlerin. Sie will Menschen über den Tanz zusammenbringen. 2022 gründete sie das inklusive Ensemble, das allen Menschen offensteht – egal, ob mit oder ohne Behinderung, ob mit oder ohne Tanzerfahrung. Einige Mitglieder sitzen im Rollstuhl, andere haben das Down-Syndrom. Etwa die Hälfte ist ohne Handicap. Zum Aufwärmen wählt Brulebois einen Hit der Band Supertramp aus: „It’s raining again“, schallt es durch die Halle. Entspannt bewegen sich ihre Schützlinge durch den Saal, manche öffnen sogar einen imaginären Regenschirm.
Anschließend ruft die Leiterin die Gruppe zusammen, um sie auf den neuesten Stand zu bringen: Zwei Kolleginnen haben sich für heute abgemeldet, eine Teilnehmerin gönnt sich nach dem letzten Projekt eine Auszeit. Gleichzeitig hat sich für die nächste Woche eine neue Tänzerin angekündigt. „Was ist mit der ‚Aktion Mensch‘?“, fragt eine Mitstreiterin. Die Compagnie hofft auf eine finanzielle Unterstützung durch die Organisation. Damit sie ihr nächstes Projekt angehen kann. Den Probenraum stellt die Kirchengemeinde zwar kostenlos zur Verfügung. Aber später müssen die Musiker bezahlt werden, die Kostüme kosten ebenfalls Geld. Und auch Brulebois arbeitet eigentlich nicht umsonst. Bis die Förderung in trockenen Tüchern ist, verzichtet sie auf ihr Honorar.
Keine Bewertungen, keine Frustration
Dann geht‘s los. Den groben Ablauf hat sich die Leiterin in ihren Block notiert. Doch die Übungen sind nicht in Stein gemeißelt. Es wird viel ausprobiert, diskutiert und korrigiert. So lange, bis alle zufrieden sind. „Ich bin dankbar, wenn die Leute eigene Ideen einbringen“, versichert Brulebois. Dem Zuschauer wird schnell klar: Schrittfolgen wie beim Modern Dance oder beim Walzer braucht man hier nicht zu beherrschen. Statt technischer Fertigkeiten sind Intuition und Improvisation gefragt. Niemand muss sich in eine Form pressen lassen, jeder kann sich frei bewegen. Es gibt kein richtig oder falsch. Und wo nicht bewertet wird, da drohen auch keine Frustrationen. „Es ist erschreckend, wie viele Menschen nicht tanzen, weil sie denken, dass sie es nicht können“, sagt Bérengère Brulebois. Das findet sie schade. Denn wer nicht tanze, der verzichte auf ein großes Vergnügen. Nämlich auf die Freude, die es bereitet, sich zur Musik zu bewegen. Dazu benötige man weder ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl noch eine besondere Beweglichkeit.
Ihre Tänzer zeigen, wie man’s macht: Ob solo, in der Dreiergruppe oder als Gesamtensemble – anmutig, ausdrucksstark und meist mit einem Lächeln im Gesicht bewegen sie sich übers Parkett. „Wir sind sehr offen“, sagt Brulebois, „jeder darf so sein, wie er ist.“ Sie erzählt von einer Teilnehmerin mit Down-Syndrom, die zunächst sehr scheu war und sich nicht beteiligte. Aber immerhin: Sie versteckte sich nicht in einer Ecke, sondern setzte sich mitten in die Halle. Die Kolleginnen und Kollegen tanzten um sie herum. Eines Tages griff die junge Dame dann nach einer der Hände, die ihr immer wieder entgegengestreckt wurden. „Das war der Durchbruch“, erinnert sich Bérengère Brulebois. Jetzt hatte das Team ein neues Mitglied.
ist zum Mitmachen nicht nötig - Foto: Thomas Annen
Trotz der entspannten Atmosphäre wird konzentriert gearbeitet. Es gibt klare Regeln: Niemand kommt und geht, wann er will. Nur mit Disziplin kann die Gruppe ihre ehrgeizigen Ziele erreichen. Sie möchte ihr Können öffentlich zeigen und dabei künstlerisch überzeugen. „Unser Anspruch ist es, professionell zu arbeiten“, sagt Brulebois. Die letzte Produktion „Fremdes Land“ kam beim Publikum gut an. Es ging um Begegnungen, das Ausloten von Grenzen und darum, das Gemeinsame oder Trennende zu erkennen. Das nächste Stück soll ganz ohne Sprache auskommen. So wie die Tanz- und Musikperformance, die Brulebois im vorigen Jahr mit einer Gruppe in und um den Warndtdom in Völklingen-Lauterbach aufführte. Das Ensemble, zu dem auch zwei gehörlose Tänzer gehörten, zog das Publikum mit einer lyrischen Gebärdensprache in seinen Bann.
Mit vier Jahren hat sie angefangen zu tanzen
„Das gesprochene Wort hat einen zu hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft“, glaubt Bérengère Brulebois. Und noch etwas missfällt ihr: der ständige Wettbewerb untereinander. „Das Konkurrenzdenken tut den Menschen nicht gut.“ Die Tänzerin weiß, wovon sie spricht. Während der zehn Jahre, in denen sie professionell am Theater tanzte, stand sie im ständigen Wettbewerb mit ihren Kolleginnen. Nur die Besten ergatterten einen der begehrten Verträge. Den Stress im Kampf um die befristeten Engagements hat sie mittlerweile hinter sich gelassen. Ihre Leidenschaft fürs Tanzen hingegen ist geblieben. Sie wurde ihr schon in die Wiege gelegt.
Bereits kurz nach der Geburt in Aix-en-Provence rutschte sie übers Parkett der Ballettschule ihrer Mutter. Als sie laufen konnte, gab es dann kein Halten mehr. „Ich habe mit vier Jahren angefangen zu tanzen“, erzählt die Französin. Zunächst nahm die Mutter sie unter ihre Fittiche. Später folgte der Umzug nach Deutschland. Parallel zur Ausbildung an der Ballettakademie in Köln machte sie ihr Abitur im Fernstudium. Es folgten zunächst Auftritte am Opernhaus Mönchengladbach und am Pfalztheater Kaiserslautern. Von 1998 bis 2008 war Brulebois an verschiedenen Theatern in Deutschland und Österreich als Solotänzerin engagiert. Dabei arbeitete sie mit namhaften Choreografen zusammen, zuletzt mit Marguerite Donlon am Saarländischen Staatstheater.
Mit 30 Jahren bekam Brulebois ihr erstes Kind. Professioneller Tanz ist Leistungssport: Nur mit hartem Training hätte sie ihren Körper nach der Geburt wieder in Form bringen können. Das wollte sie nicht. Außerdem sind die Arbeitszeiten am Theater wenig familienfreundlich. „Ich habe mich entschlossen, auf dem Höhepunkt aufzuhören“, sagt Bérengère Brulebois. Nachdem sie die Tanzschuhe an den Nagel gehängt hatte, verdiente sie ihr Geld als Übersetzerin und Dolmetscherin. Irgendwann merkte die Französin aber, dass ihr der Tanz und die Bewegung fehlten. 2013 meldete sie sich als Teilnehmerin in einem Tanzkurs an. 2016 dann nach langer Pause wieder das erste Engagement als Tänzerin – nach einer Anfrage aus der freien Szene. Es folgten erste Kooperationen mit Schulen. 2020 bildete sie sich im pädagogischen Bereich weiter, um Laien noch besser anleiten zu können. Bis heute arbeitet Brulebois als Übersetzerin, allerdings in geringerem Umfang als früher. Neukunden akquiriert sie nicht mehr. Auch weil sie befürchtet, dass Künstliche Intelligenz in Zukunft große Teile des Übersetzens und Dolmetschens übernehmen könnte. Wer weiß: Vielleicht gibt es irgendwann auch Tanzroboter. Die menschliche Interaktion – das Lächeln des Partners bei einer gemeinsamen Drehung oder sein Stirnrunzeln beim Tritt auf den Fuß – werden sie aber wohl so schnell noch nicht simulieren können.
Brulebois ist Vorstandsmitglied des Netzwerks Freie Szene Saar. Sie arbeitet am liebsten mit Menschen, die keine ausgebildeten Tänzer sind. Die Mitglieder ihrer Seniorengruppe beweisen, dass Tanzen nicht nur in jungen Jahren Freude bereitet. „Ich kann alle zum Tanzen bringen“, versichert Brulebois. Aber nein, ergänzt sie augenzwinkernd, niemand müsse ständig nach ihrer Pfeife tanzen. Wobei sie einräumt, dass auch ihre pädagogischen Fähigkeiten manchmal an Grenzen stoßen. Eine Horde pubertierender Jungs in einem Schul-Workshop zum Tanzen zu motivieren, sei nicht immer das reine Vergnügen. Und noch etwas verrät sie schmunzelnd: Zumba macht ihr keinen Spaß. In ihrer Freizeit gönnt die zweifache Mutter ihren Füßen eine Pause. Sie strickt und häkelt gerne, zum Beispiel Puppen. „Das ist sehr meditativ.“