Vor 13 Jahren begeisterte „Der Medicus“, die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellerromans, Fans und Kritiker. Der Brite Tom Payne ist auch in der Fortsetzung „Der Medicus II“ als Arzt Rob Cole dabei. Im Interview erzählt er, was sich für ihn seit dem ersten Film verändert hat.
Mr. Payne, wie war es denn, nach so vielen Jahren wieder in die Schuhe von Rob Cole, den namensgebenden Medicus, zu schlüpfen?
Ehrlich gesagt: Gar nicht so leicht. Ich habe ja inzwischen einige andere Rollen gespielt.
In „Der Medicus II“ ist Rob älter und hoffentlich auch etwas weiser geworden als im ersten Teil. Auch bei mir selbst hat sich privat vieles verändert. Ich habe inzwischen geheiratet und drei Kinder, also eine richtige Familie, um die ich mich kümmern muss. Das verändert die Lebensperspektive mitunter dramatisch. Ich bin jetzt zum Beispiel viel verantwortungsvoller als früher. Doch als ich dann am Set war, habe ich relativ schnell wieder meinen „inneren Rob Cole“ gefunden.
Regisseur Philipp Stölzl sagte, es sei leicht gewesen, Sie wieder für die Rolle zu gewinnen. Denn der erste „Medicus“-Film war ja auch so etwas wie ein Meilenstein in Ihrer Karriere.
Ja, das stimmt. Rob Cole war meine erste Hauptrolle überhaupt. Und ich war mir gar nicht sicher, ob die Zuschauer mich als Neuling in der Rolle akzeptieren würden. Außerdem stand ich dabei ja mit so hochkarätigen Schauspielern wie Sir Ben Kingsley, Stellan Skarsgård und Olivier Martinez gemeinsam vor der Kamera. Und mit ihnen wollte ich natürlich unbedingt mithalten. Zum Glück hatte ich schon immer ein großes Selbstvertrauen. Das hat mir während der langen Dreharbeiten die nötige Zuversicht gegeben. Ich habe damals auch sehr viel gelernt – über mich und über die Schauspielerei. Das war eine großartige Erfahrung.
Ein zentrales Thema in „Der Medicus II“ ist, wie die Seele eines Menschen durch Verlust und Tod krank werden kann und sich das auch auf die Gesundheit auswirkt. Fühlen Sie – als Schauspieler – diese Einheit von Körper und Seele vielleicht sogar besser, wenn Sie eine Rolle spielen, als im richtigen Leben?
In meinen jungen Jahren hatte die Schauspielerei eine stark kathartische Wirkung. Ich konnte mit den Charakteren, die ich darstellte, Gefühle ausdrücken, die ich im richtigen Leben noch gar nicht hatte, oder die ich – und das war das Überraschende für mich – unterdrückt habe. Ich konnte das sozusagen in einem geschützten Raum ausleben – auf der Bühne oder vor der Kamera. Später gab es dann eine Synthese aus dem, was ich zu spielen hatte, und dem, was tatsächlich in mir vorging. Im ersten „Medicus“ war ich sehr kontrolliert, ambitioniert und auf meine Karriere fokussiert. Jetzt habe ich drei kleine Kinder, und die helfen mir, einfach weil sie da sind, mich emotional viel weiter zu öffnen. Und sie bringen auch Erlebnisse aus meiner eigenen Kindheit wieder zum Vorschein. Das ermöglicht mir jetzt, mich auch mit den Dingen auseinanderzusetzen, die passierten, als ich selbst noch sehr jung war … Und die ich nie wirklich aufgearbeitet habe.
Sie haben sich wohl noch nie einer Psychoanalyse unterzogen?
Nein, aber vielleicht sollte ich das einmal machen. (lacht) Aber es ist natürlich auch gefährlich. In den falschen Händen kann dabei auch viel kaputtgehen. Was ich übrigens auch sehr interessant finde, ist, dass mein 80-jähriger Vater, der schon einige Verluste in seinem Leben ertragen musste, nicht wirklich darüber reden kann. Der Schmerz und die Trauer sind zwar da, aber er zeigt sie nicht wirklich. Das ist, glaube ich, auch eine Generationsfrage. Ich, mit meinen Anfang 40, tue mich da viel leichter, Gefühle zuzulassen. Auch wenn sie schmerzhaft sind.
Sie spielen einen Heiler, einen Arzt, der sich aus vielen Quellen bedient. Hat sich dadurch Ihre Einstellung zur modernen Medizin verändert? Oder ist das eben doch nur eine Rolle?
Ich war schon vorher offen für alle möglichen medizinischen Strömungen. Die Schulmedizin ist zwar sehr wichtig, aber sicher nicht
alles. Ich bin auch für alternative Methoden zu haben, wenn sie Sinn machen. Ich kann Ihnen ein sehr gutes Beispiel geben: Als meine Frau im Krankenhaus war, um unsere Zwillinge auf die Welt zu bringen, wollte der Arzt dort unbedingt einen Kaiserschnitt machen. Es hieß, eine normale Geburt wäre zu riskant. Aber einen Kaiserschnitt wollten meine Frau und ich eigentlich nicht. Tatsächlich war es dann so, dass unsere Zwillinge mit den Füßen zuerst kamen … Und in letzter Minute erschien dann ein anderer Arzt, der unsere Mädchen ohne Kaiserschnitt auf die Welt gebracht hat. Es ist also durchaus gut, wenn man skeptisch ist. Ansonsten wäre meine Frau völlig unnötig operiert worden.
Im Film haben Druiden nicht nur Salben und Heilwässerchen, sondern benutzen auch Rauschmittel und bewusstseinserweiternde Substanzen. Hand aufs Herz: Haben Sie auch schon Drogen genommen?
Nein, aber ich würde gerne. Ich weiß auch nicht genau, warum ich bisher davor zurückgeschreckt bin. Aber ich würde sehr gerne halluzinogene Pilze probieren. Allerdings nur in Begleitung. Ich glaube, das wäre eine interessante Erfahrung. Ich bin eigentlich sehr neugierig.
Was hat Sie denn dazu gebracht, sich in jungen Jahren einen so unsicheren und schwierigen Beruf wie den des Schauspielers auszusuchen?
Wenn die Leute sagen, „ich wollte schon mit fünf Jahren Schauspieler werden“, glaube ich ihnen kein Wort! (lacht) Das ist meist nur Show. Bei mir war es so, dass mich mein Lehrer eines Tages für eine Schultheater-Aufführung haben wollte. Als ich dann auf der Bühne stand, hat mir das viel Spaß gemacht. Da war ich so sieben, acht Jahre alt. Mit der Zeit dachte ich, dass ich daraus vielleicht einen Beruf machen könnte. Später kam hinzu, dass meine Eltern mich bei dem Wunsch, Schauspieler zu werden, zum Glück immer unterstützt haben. Meine Mutter war Make-up-Artist beim Film und mein Vater arbeitete als Produzent beim Fernsehen. Wir waren also mit dem Filmbusiness vertraut. Als meine Eltern merkten, dass das nicht nur ein Spleen von mir war, sondern dass ich das wirklich wollte, haben sie mir keine Steine in den Weg gelegt. Aber sie bestanden darauf, dass ich auf eine sehr gute Schauspielschule ging.
Sind Sie mittlerweile die beste Version Ihrer selbst?
Das ist eine gute Frage. Ich hoffe nicht. Ich bin immer noch ein work in progress. Aber ehrlich gesagt, habe ich bisher einen ziemlich guten Job gemacht. (lacht)
Sie leben seit ein paar Jahren mit Ihrer Familie in Los Angeles. Haben Sie das Feuer vergangenes Jahr eigentlich gut überstanden?
Gott sei Dank. Wir sind aber für ein paar Tage weggefahren, in die Berge. Denn für die Kids war das viel besser als die schlechte Luft in L.A. Ich bin übrigens nicht nur wegen des Jobs von England nach Los Angeles gezogen, obwohl die Arbeitsbedingungen hier viel besser sind als in England. Und natürlich auch die Gagen. (lacht) Hier in L.A. sind die Leute einerseits viel relaxter als in England, aber gleichzeitig auch viel ambitionierter. Als ich noch in London war und sagte, ich will mal nach Hollywood, um Filme zu machen, haben mich die meisten mitleidig angelächelt.
Sie wurden am 21. Dezember 43 Jahre alt. Wie haben Sie denn Ihren Geburtstag gefeiert?
Meine Frau und ich haben vor fünf Jahren an meinem Geburtstag geheiratet. Es ist also seitdem ein großer Festtag für uns. Wir haben im Familienkreis gefeiert, sind schön Essen gegangen. Und meine Schwägerin hat aus Schweden Glühwein mitgebracht. Wir haben also jede Menge Glögg getrunken.
Wenn Ihr Leben ein Film wäre – wie wäre der Titel?
„Es war genau so, wie du es dir vorgestellt hast.“