„Eine melancholische Liebesgeschichte, die man auch als eine Reise in den Tod interpretieren kann, eine Liebesgeschichte ohne Anfassen“ – so beschreibt Helmut Krausser seinen neuen Roman.
Helmut Krausser sitzt nicht weit von dem Tisch entfernt, an dem am 3. März um halb zehn Uhr abends ein angetrunkener Mann Platz nehmen und sterben wird. Es ist Ende Februar. Dass Helmut Krausser bereits weiß, was passieren wird in der Geschichte, die sich hier, im Café „Belmont“, zwischen Bahnhof Zoo und Wittenbergplatz zuträgt, liegt daran, dass es seine Geschichte ist. Ab 2. April kann jede und jeder sie nachlesen in „Wer hat uns je geliebt?“, dem neuen Roman des 61-Jährigen. „Eine aberwitzige Geschichte aus dem Berlin der Gegenwart“, nennt sein Verlag das Ganze.
Dann ist der wichtigste Zeuge verschwunden
Das Café „Belmont“ liegt in der Kurfürstenstraße zwischen einer Shisha-Lounge und einem Thai-Massage-Studio. Direkt vor der Tür hält der 100er-Bus. Die Kneipe ist „die Backgammon-Hochburg Berlins“, sagt Helmut Krausser. Im Buch wird dazu als „Anmerkung im Polizeiprotokoll“ erklärt: „Ein Würfel- und Brettspiel, strategisch-mathematisch anspruchsvoll, aber mit Glücksfaktor. Wird fast immer um Geld, nicht selten um hohe Einsätze gespielt.“ Helmut Krausser spielt hier auch. Er kam vom Schach zum Backgammon. Und auch wenn er, wie er sagt, „in letzter Zeit aktiv fast nur Backgammon“ spielt, ist er dem Schach verbunden. Er ist in einem Berliner Schachclub engagiert und bringt dort jungen Menschen das Spiel bei. Das Faszinierende an diesem Club sei, „dass er einer der wenigen Orte ist, wo die Jungen noch auf die Älteren hören und man wirklich miteinander kommuniziert – egal, welches Alter man hat oder welche Religion“. Das könne er sich „in einem Boxclub so nicht vorstellen“.
Eine Bewegung an der Tür lenkt den Erzähler ab. Er nickt dem Mann zu, der gerade reingekommen ist. „Ein ehemaliger Vize-Weltmeister“, erklärt er. Vermutlich jener Mario K. (53), der gegenüber der Polizei zu Protokoll geben wird, dass ihm jener Mann, der an jenem Abend viel Bier getrunken und viel Geld verloren hat, völlig unbekannt gewesen sei. „Nie zuvor gesehen. Er kam gegen acht Uhr ins Lokal, sah Enki an seinem Board sitzen und forderte ihn auf, ein paar Partien zu spielen. Ich saß am Tisch nebenan. Es ging um zehn Euro pro Punkt, was hier kein unüblicher Einsatz ist. Für Enki schon. Ich weiß noch, dass ich mich darüber gewundert habe“, erzählt der Vizeweltmeister der Polizei.
Und erklärt: „Sie müssen wissen: Hier verkehren einige Spitzenspieler der Weltrangliste. Enki gehört sicher nicht dazu. Er ist alt und, na, oberes Mittelmaß. Höchstens. Ich bekam mit, dass Enki einen Lauf hatte und der mir unbekannte Mann deswegen wütend wurde. Das ist kindisch. Auch unhöflich. Beim Backgammon gibt es einen oft enervierenden Glücksfaktor, der ungefähr dem beim Skat entspricht. Über schlechte Würfe, die auch sehr gehäuft vorkommen können, beschweren sich nur Amateure und Choleriker. Es kam zu Beleidigungen. Ich kenne Enki als gutmütigen Spieler, der sich fast nie zu etwas auch nur per Mimik äußert. Sehr angenehmer Mensch übrigens. Ein Gentleman. Ihn zu beschuldigen, gezinkte Würfel zu benutzen, wie es dieser prollige Typ irgendwann tat, war geradezu unverschämt.“
Dass diesem Mann, den die Polizei dann als den 50 Jahre alten Werner P., Beleuchtungstechniker, Single, kinderlos, wohnhaft in Brandenburg-Stadt, bis vor Kurzem angestellt am dortigen Theater, identifizierte, dann der Kopf platzte „wie eine von innen gesprengte Melone“, erklärt all das nicht. Überhaupt nichts kann das erklären. Aber ausgerechnet Enki, der Stammgast, der Werner P. dabei gegenüber saß, der Hauptzeuge des Geschehens also, war nach dem Vorfall verschwunden. „Was man ihm kaum zum Vorwurf machen konnte. Zweifellos hat er unter Schock gestanden, wie alle, die seine grausige Erfahrung teilen mussten. Doch blieb er weiterhin verschwunden, nicht nur für Tage, sondern Wochen“, schreibt Helmut Krausser. Aber: „Gegen ihn lag kein Tatverdacht vor, da offenbar keine Tat vorlag, es weder Täter noch Täterin gab.“
Aber da gibt es auch noch Jette M. „Man muss sich entscheiden, ob man ihr vertraut oder ob man der Meinung ist, dass sie einen an der Waffel hat“, sagt Helmut Krausser. Wobei: „Dass ein Kopf platzt, ist mit wissenschaftlichen Dingen kaum zu erklären“, schiebt er nach. Das deutet ja schon darauf hin, dass in dieser Geschichte nicht jede oder jeder, der merkwürdig wirkt, auch verrückt sein muss. Sein neues Buch sei jedenfalls ein „sehr nachdenkliches“. „Es hat seine witzigen Stellen, aber eher eine dunkel-samtene Art“, beschreibt der Autor sein Werk. „Wer hat uns je geliebt?“ sei „eine melancholische Liebesgeschichte, die man auch als eine Reise in den Tod interpretieren kann, eine Liebesgeschichte ohne Anfassen“.
Mit diesem Buch hat der Autor lange gekämpft
Eine Freundin, die das Buch vorab lesen durfte, habe gesagt, „dass es das erotischste Buch ist, das sie je gelesen hat – ohne dass Erotik vorkommt“, erzählt Krausser. Sex, sagt er, sei eh eins der Dinge, das „ältere weiße Herren beim Schreiben vermeiden sollten“. Auch wenn es nicht um Pornografie gehe, sei er „da sehr vorsichtig geworden“. „Viele sind sehr prüde geworden – oder tun so“, erklärt er seine Vorsicht. Er habe sich sogar schon für Gedichte rechtfertigen müssen, die er vor 25 Jahren geschrieben hat. In einem sei es um eine Nacktputzfrau gegangen, deren Tätigkeit mit dem Versmaß verschmolzen ist.
Und manchmal müssen auch 20 Jahre vergehen, bevor er sich an einen brisanten Stoff ranwagt. So sei es mit seinem 2018 veröffentlichten Roman „Geschehnisse während der Weltmeisterschaft“ gewesen. Es geht da um Sex als Leistungssport und einen Protagonisten, der sich in seine „Sportpartnerin“ verliebt hat, erzählt Krausser. Denn Liebe und Sex als Leistung, das passe nun mal nicht zusammen. „Eine radikale, höchst amüsante Satire über Sportkopulation“, fand das Magazin „Playboy“.
Mit seinem aktuellen Buch habe er jedenfalls „lange gekämpft“, bis es ihm gelungen sei, „vieles offen und den Leser bei der Stange zu halten“. Er ist zufrieden mit dem Ergebnis. Da er auch Drehbücher schreibt, kann er sich gut vorstellen, dass dieser Roman auch das Zeug zum Film hat. Jemand habe gesagt, dass Ulrich Tukur eine wundervolle Besetzung für die Rolle des Enki wäre. Ob für Leserinnen und Leser oder womöglich auch für Zuschauerinnen und Zuschauer – für die Ewigkeit habe er diese Geschichte nicht geschrieben. Ja, er diskutiert mit einem Freund über Dostojewski und Tolstoi, andere schwärmen heute noch von Goethe. „Aber ich glaube nicht, dass es in unserer Zeit Bücher gibt, über die man noch in 50 Jahren reden wird – obwohl es gerade mehr erstklassige Literaten gibt als je zuvor“, sagt Helmut Krausser. Aber jetzt konzentriere er sich eh erst mal auf musikalische Projekte: eine eigene Oper und die Aufführung eines Werks von Alberto Franchetti. In den USA wurde ein Manuskript gefunden, das Krausser bearbeitet hat. Es soll dazu auch eine CD geben, sagt er. Dann steht noch ein neuer Gedichtband auf seiner Liste. Und er prüft einen „historischen Stoff“, aus dem sein nächstes Buch entstehen könnte. Aber jetzt will er erst mal das tun, was er eigentlich im Café „Belmont“ tun will: Backgammon spielen.