In dieser adrenalinhaltigen Screwball-Komödie setzt der amerikanische Tischtennis-Superstar Marty Mauser alles daran, Weltmeister zu werden. Timothée Chalamet läuft in dieser stark überhitzten Rolle als „Marty Supreme“ zur Hochform auf.
Man kann sich gut vorstellen, wie Regisseur Josh Safdie am Filmset „Action!“ gerufen hat – und erst 150 Minuten später „Cut!“. Denn „Marty Supreme“ ist eine temporeiche, manisch-verrückte Tour de Force, in der Timothée Chalamet in der Titelrolle im Duracell-Modus die amerikanische Profi-Tischtennis-Welt aufmischt. Und nicht nur die. Auch in seinem Privatleben hinterlässt er eine desaströse Schleifspur aus gebrochenen Versprechungen, faustdicken Lügen und Betrügereien. Marty hat nur ein Ziel: Tischtennis-Weltmeister zu werden. Und zwar schnell. Dem impulsiv gesteuerten Egozentriker dient alles um ihn herum nur als Mittel zum Zweck. Da kann es schon mal passieren, dass er in einem Billighotel mit der Badewanne durch die Decke in das darunterliegende Zimmer kracht. Leute, von denen er etwas will, redet er schwindlig oder betört sie ungeniert mit seinem Charme. Und meistens bekommt er dann auch, was er will. Zum Beispiel eine heimliche Affäre in der Abstellkammer mit seiner Jugendliebe Rachel Mizler (Odessa A’zion). Oder mit der Hollywood-Diva Kay Stone (Gwyneth Paltrow) im Zimmer eines Luxushotels. Verheiratet sind sie übrigens beide. Aber der Reihe nach.
Story lose der Realität entlehnt
Der Film, der lose an die unglaubliche Lebensgeschichte des amerikanischen Tischtenniscracks Marty Reisman angelehnt ist, beginnt 1952 in der Lower East Side von Manhattan. Marty Mauser (Timothée Chalamet) arbeitet dort als Schuhverkäufer im Laden seines Onkels, der sein Verkaufstalent sehr schätzt und ihn sogar zum Filialleiter machen will. Aber für Marty ist das nichts. Er hat ganz andere Pläne. Er ist besessen davon, Weltmeister im Tischtennis zu werden. Um an einem Turnier in London teilnehmen zu können, „leiht“ er sich das dafür nötige Geld aus dem Tresor seines Onkels. Er belügt seinen Onkel und seine Mutter (Fran Drescher) ebenso wie die schwangere Rachel und schafft es tatsächlich, als Mitglied des amerikanischen Tischtennis-Teams nach London zu verschwinden. Dort führt er sich beim Wettkampf – und auch abseits davon – wie eine Primadonna auf. Marty platzt fast vor unerschütterlicher Selbstsicherheit. Und doch muss er sich in einer Partie gegen den Japaner Endo geschlagen geben. In London macht er schamlos der Hollywood-Diva Kay Stone den Hof. Wer hier schließlich wen verführt, ist nicht ganz klar. Auf jeden Fall landen beide zusammen im Bett. Kays Ehemann ist der schwerreiche Unternehmer Milton Rockwell (Kevin O’Leary). Mit nonchalanter Chuzpe umwirbt Marty den Millionär und versucht, ihn als Sponsor zu gewinnen, um sich die Reisen zu Turnieren nach Paris, Kairo und Tokio zu finanzieren. Rockwell ist zwar von Martys virtuosem Tischtennis-Spiel beeindruckt, findet aber die dreiste Art, wie er sich aufführt, abstoßend.
Wieder zurück in New York versucht Marty händeringend, das Geld für eine Revanche mit seiner japanischen Nemesis zusammenzukratzen. Doch er stolpert von einer Katastrophe in die nächste. Wieder dient er sich Rockwell an. Er würde alles für ihn tun, wenn er ihn in seinem Privatjet zum Tischtennis-Turnier nach Tokio mitnehmen würde. Doch bevor die beiden ins Geschäft kommen, muss Marty noch eine ultimative Demütigung erleiden …
Charakterliche Ähnlichkeiten
Josh Safdie, der mit seinem nervenzehrenden Thriller „Der Schwarze Diamant“ (2019) Adam Sandler als Juwelenhändler durch den Diamond District von New York hetzte, setzt mit „Marty Supreme“ (ab sofort im Kino) noch einen drauf. Schon der Beginn, der über weite Strecken mit der Handkamera gefilmt ist, setzt den Grundton dieser rasenden Inszenierung. Schnelle Schnitte, laute Geräusche, hektische Aktionen und überraschende Wendungen verdichten diese Inszenierung zu einer ultranervösen Collage, in der ein hyperaktiver Timothée Chalamet zu einem grotesken Wettrennen gegen die Zeit antritt. Chalamet gelingt das Kunststück, einen fanatischen, amoralischen und ziemlich unsympathischen Charakter so darzustellen, dass man nicht anders kann, als ihn zu bestaunen. Und um die artistisch choreografierten Ballwechsel so leichthändig aussehen zu lassen, hat Chalamet fünf Jahre lang immer wieder intensiv das Ping-Pong-Spielen trainiert. „Marty ist mir ähnlicher als alle anderen Rollen zuvor. Und das sage ich mit Vorsicht, denn er ist ja in vielerlei Hinsicht kein bewundernswerter Charakter. Aber genau wie er bin auch ich extrem zielstrebig. Martys eiserner Wille, da hinzukommen, wo er beruflich hin will – und ein ‚Nein‘ einfach nicht zu akzeptieren –, das bin ich.“ Nach sieben Jahren Leinwandabstinenz zeigt auch Gwyneth Paltrow, dass wir sie zu Recht vermisst haben. Wie elegant sie die abgeklärte, verführerische Hollywood-Diva spielt und dabei immer ihre Haltung bewahrt, ist großes Kino. Timothée Chalamet als Marty erinnert nicht von ungefähr an Leonardo di Caprios Rollen als erfolgreicher Blender und Hochstapler in Filmen wie Steven Spielbergs „Catch Me If You Can“ und Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“. Di Caprio ist wie Chalamet dieses Jahr für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert. Man darf gespannt sein, wer von ihnen das Rennen macht. Wer sich von Safdies virtuos inszeniertem Film „Marty Supreme“ im Kino mitreißen lässt, erlebt sehr spritzig-unterhaltsame Stunden zwischen Kintopp und Drama. Und wer dabei zuschauen will, wie Timothée Chalamet mit einem Tischtennis-Schläger den nackten Hintern versohlt bekommt, ist sowieso im richtigen Film.