Das Hotel Lutétia in Paris ist im Sommer 1945 erste Anlaufstelle für KZ-Überlebende. Hier forscht Angelika regelmäßig nach Klara, der Frau ihres Bruders. Am 29. Juli ist es so weit, sie findet Klara, und Angelika beginnt ihr Tagebuch. Klara ist 28 Jahre alt, aber nicht mehr der Mensch von früher. Abgemagert bis auf die Knochen, mit extrem kurzem Kopfhaar. Angelika und ihr Mann, der Arzt Alban, kümmern sich um sie, ihr Leitgedanke: Es braucht Zeit.
Klara öffnet sich zögernd, in verbalen Bruchstücken. Sie war drei Jahre zuvor gegen den Rat ihrer Verwandten zur Volkszählung gegangen und dabei geschnappt worden. Es folgten 29 Monate in
Auschwitz. Ein unmäßiger Hass auf alles Deutsche spricht aus Klaras Worten. Jeden Tag erzählt die aus der Hölle Zurückgekehrte ihrer Schwägerin und deren Mann, es ist ein Reinigungsprozess, sie löst sich von der Erinnerung an eine zweieinhalbjährige Pein. Die beiden Zuhörer werden zunehmend erschöpft von den Berichten des Gastes, vertraut Angelika ihrem Tagebuch an. Klara bleibt eine andere. Nachts geistert sie durch die Wohnung. Sie hat ihre Höflichkeit abgelegt, kennt kein Bitte oder Danke.
„Klaras Nein“ ist ein durch KZ-Berichte immer wieder verdüsterter Roman aus der Zeit der Wiederauferstehung Frankreichs direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Der französischen Autorin Soazig Aaron gelingt es, ein in seiner Unmittelbarkeit täuschend echtes Tagebuch zu schreiben, mit Lücken und dem schreiberischen Aufholen vom Geschehen mehrerer Tage. Sie tut das in kurzen, knappen Sätzen. Nichts ist literarisch kompliziert oder ausmalend. Ein Tagebuch eben, aber mit vielen Dialogen. Mal schreibt sie hastig, mal betont sie das lange Schweigen während der Gespräche.
Die Literatur zu Menschen in Konzentrationslagern ist reichhaltig, viele Autoren und Autorinnen haben versucht, die unsagbaren Gräuel sagbar, lesbar zu machen. Die Heimkehr von Auschwitz-Überlebenden und ihre Konfrontation mit der Gesellschaft außerhalb des KZ hat bisher wohl nur Soazig Aaron zum Thema gemacht.