Die Städtische Kunstsammlung umfasst rund 1.700 Kunstwerke. „Die Treibjagd“ von Sidonie Bilger ist eines der aufregendsten Werke der Sammlung, das öffentlich zugänglich ist. Serie „Kunst im Rathaus St. Johann“, Teil 4.
Das Kunstwerk ist groß, dreigeteilt, wild, ungestüm und aufwühlend. „Die Treibjagd“ von Sidonie Bilger ist gleichzeitig schwarzweiß und strahlend bunt, gezeichnet und gemalt, verheißungsvoll und verstörend.
Sidonie Bilger, geboren 1992 in Guebwiller im Elsass, studierte Kunst in Lyon, war von 2013 bis 2014 Gaststudentin an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken, schloss 2019 ihr Studium an der Hochschule für Bildende Kunst in Paris ab. 2023 – anlässlich des 60. Jubiläums des Élysée-Vertrags – erhielt sie für zwei Monate ein Gastatelier im KuBa (Kulturzentrum am Eurobahnhof) in Saarbrücken. Diese Zeit nutzte Sidonie Bilger, um ein eigens für den Aufenthalt konzipiertes Projekt umzusetzen: „Dans 50 ans, à 50 degrés“ (In 50 Jahren, bei 50 Grad).
Wild, ungestüm, aufwühlend
Das erste Bild, das im KuBa-Atelier entstand, trägt den Titel „Die Treibjagd“. Es ist ihr so ausdrucksstark gelungen, dass es von der Stadt angekauft wurde und im Rathaus St. Johann präsentiert wird. Vordergründig sind in diesem dreigeteilten Gemälde zwei Eber zu sehen, die von einer Meute von Jagdhunden gestellt werden und sich wütend gegen die aggressiven Hunde stemmen. Die Meute macht die Jagd zum ungerechten Schauspiel, obwohl ein Hund bereits tot scheint und ein weiterer sich verletzt abwendet. Diese Szene, ausgeführt in Schwarzweiß mit einem kräftigen Zeichenstrich, realistisch abgebildet, ist nur einen Teil des Gemäldes. Im linken Hintergrund der Treibjagd ist in einem Ausschnitt eine dürre, verdorrte Landschaft zu sehen, die an eine Wüste erinnert. Analog dazu ist im rechten Hintergrund eine beklemmend enge, moderne Architektur zu sehen, umgeben von Rauch, der sich über alles zu legen scheint. Auch diese zusätzlichen Motive des Gemäldes sind mit einem kräftigen, präzisen Zeichenstift ausgeführt. In der Mitte des Gemäldes hinter der Treibjagd ist eine üppige, fast schon dschungelartige Vegetation zu sehen, die im Gegensatz zu den restlichen Motiven in schönstem Grün, Blau und Gelb ausgeführt wurde. In dieser Mitte wiederum ist außerdem eine weiße Partie zu erkennen, die den leuchtenden Mittelpunkt des Gemäldes kennzeichnet.
Sidonie Bilger spielt hier gleich mehrere Instrumente. Sie zeigt uns, wie die Landschaften in einer Welt bei 50 Grad aussehen können. Sie entsetzt uns mit der gezeigten Brutalität der Treibjagd, die als Parabel auf die Zerstörung der natürlichen Ressourcen der Erde durch den Menschen gelesen werden kann, dessen Gier und seine Folgen. Gleichzeitig stellt sie aber auch eine Landschaft voller Schönheit dar, die eine verheißungsvolle Zukunft sein könnte. Die Sensibilität der Künstlerin spiegelt sich in einer Natur, die in gewisser Weise ihre Rechte vom Menschen zurückfordert.