Drei Fragen
„Werbung für Zucker einschränken“
Offenbar sei noch nicht überall angekommen, welche gesundheitlichen Folgen zu viel Zucker gerade bei Kindern hat, warnt Prof. Dr. Julia Szendrödi, Präsidentin der Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG).
Frau Professor Szendrödi, wie enttäuscht sind Sie, dass die CDU auf ihrem Parteitag eine Zuckersteuer abgelehnt hat?
Ich will mich da politisch raushalten, die Zuckersteuer wird ja schon seit Jahren diskutiert und wir als DDG sind sehr dafür. Auch die Deutsche Allianz für nicht übertragbare Krankheiten fordert eine Zuckersteuer. Das wäre eine Herstellerabgabe und muss nicht die Konsumenten belasten. Aus der jüngsten Erfahrung, zum Beispiel aus England, wissen wir, die Hersteller ändern einfach die Rezeptur, sodass weniger Zucker in den Limonaden landet. Und das ist das, was wir wollen: weniger Zuckerkonsum. Offenbar ist immer noch nicht überall angekommen, welche gesundheitlichen Folgen der übermäßige Zuckerkonsum gerade für Kinder hat.
Aber es gibt den Nutri-Score. Der ändert sich jedoch ständig, warum?
Das hängt damit zusammen, dass der Nutri-Score immer fortlaufend weiterentwickelt wird. Man darf diese Lebensmittel-Ampel auf den Produkten nicht einfach nur als eine Kennzeichnung gesunder Lebensmittel begreifen, sondern man muss auch wissen, wie man diese Kennzeichnung anwendet. Da gab es in den letzten Jahren doch zwischen Gesetzgeber und Wissenschaft Missverständnisse. Grundsätzlich ist auch hier erwiesen, dass der Nutri-Score hilfreich ist, um gesunde Nahrungswahl zu unterstützen und er wird fortlaufend weiterentwickelt, damit er noch zielführender wird.
Gefordert sind aber auch Kita-Betreuer, Lehrer und Eltern. Was können die machen, damit Kinder nicht ständig Zuckerhaltiges trinken?
Eines würde zunächst mal den genannten Ansprechpartnern helfen: Werbeeinschränkungen für stark zuckerhaltige Lebensmittel in den Medien, die ihre Inhalte stark auf Kinder ausrichten. Dann den Kindern frühzeitig den Nutri-Score auf den Produkten erklären, darum ist er ja auch in den Ampelfarben gehalten, dass selbst die Kleinsten wissen: Ist der Nutri-Score rot, sollte die Brause oder der Eistee im Regal bleiben. Und Eltern, vor allem aber Betreuer in den Kitas, Lehrer, aber auch Trainer im Sportverein müssen noch mehr Wissen über die gesunde Ernährung vermitteln. Dazu jeden Tag mindestens eine Stunde Bewegung. Interview: Sven Bargel
Beschlagnahmung von illegalen Geldern vereinfachen
Wer eine teure Uhr, einen luxuriösen Sportwagen oder eine Villa in bester Lage hat, aber nicht erklären kann, womit all das bezahlt wurde, könnte zukünftig belangt werden: Besteht der berechtigte Verdacht, dass diese Anschaffungen durch kriminelle Handlungen finanziert wurden, soll die Beschlagnahmung von Objekten durch die Justiz einfacher werden. Die Bundesregierung hat einen Aktionsplan gegen Organisierte Kriminalität vorgelegt, wonach es für die Behörden künftig leichter werden soll, Vermögenswerte einzuziehen, deren Finanzierung nicht nachvollziehbar ist. Zudem sollen Zollfahndung und Bundeskriminalamt zukünftig auf die Daten der jeweils anderen Behörde direkt zugreifen, um übergreifend ermitteln zu können. Dazu sollen die Rechtsgrundlagen für automatische Datenanalyse und biometrischen Internetabgleich geschaffen, ein Ermittlungszentrum für Geldwäsche beim Zoll sowie gemeinsame Ermittlungsgruppen mit dem BKA installiert werden. Die entsprechenden Gesetzesänderungen sollen noch bis Mitte Juli vom Bundestag verabschiedet werden.
Bilanz Polizeireform Saarland
Ein Jahr nach der großen Polizeireform im Saarland fällt die Bilanz durchwachsen aus. Deutliche Kritik von der CDU-Opposition und von Gewerkschaften, positive Rückmeldung von der SPD-Fraktion. CDU-Fraktionschef Stephan Toscani sieht die Reform als „gescheitert“. Die Ziele „schlanke Struktur und mehr Effizienz“ seien nicht erreicht worden, im Gegenteil. Abläufe seien länger und ineffizienter geworden, die Motivation gesunken. Die Deutsche Polizeigewerkschaft DPolG kritisiert: „Der erhebliche personelle, organisatorische und zeitliche Aufwand der Reform steht in einem deutlichen Missverhältnis zu dem bislang erzielten Nutzen für die tägliche Polizeiarbeit.“
Dagegen hält SPD-Fraktionschef Commerçon fest: Die Aufklärungsquote steigt und Polizeidienststellen auf dem Land sind besetzt. Zudem gebe es nach jahrelangem Personalabbau wieder einen personellen Aufwuchs.
Außerdem gebe es nun eine eigene Abteilung Bevölkerungsschutz, was insgesamt von Blaulichtorganisationen begrüßt werde. Außerdem soll es jetzt eine Evaluation geben.
Telekom schaltet KI-Assistenten ein
Die Deutsche Telekom möchte bei Telefonaten den Zugriff auf einen Sprachassistenten mit Künstlicher Intelligenz (KI) bieten. Dieser Service werde „zeitnah“ starten, sagt Telekom-Technologievorstand Abdu Mudesir zum Auftakt der Mobilfunkmesse Mobile World Congress in Barcelona. Anrufer und Angerufene sollen bei Anrufen im Mobilfunknetz der Telekom den KI-Assistenten etwa nach Bahnverbindungen oder Hotels fragen können. Die KI wird mit den Worten „Hey Magenta“ aktiviert.
Sie kann Firmenangaben zufolge auch live in andere Sprachen übersetzen und nach dem Gespräch eine schriftliche Zusammenfassung schicken, damit sich die Gesprächsteilnehmer während des Gesprächs keine Notizen machen müssen. „KI wird einfach, intuitiv und für jeden verfügbar“, erklärt Mudesir. Man sei weltweit der erste Netzbetreiber, der so einen KI-Assistenten in sein Netz integriere. Datenschutzbedenken tritt die Telekom entgegen, die Aufnahmen sollen schnell wieder gelöscht werden.
Atomare Zusammenarbeit
Deutschland und Frankreich wollen auf Ebene der atomaren Abschreckung zusammenarbeiten. Das kündigte Bundeskanzler Friedrich Merz nach einer Rede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron an. Frankreich besitzt als einziges EU-Land Atomwaffen. Die Sicherheitsarchitektur stütze sich weiter auf den erweiterten Nuklearschirm der USA. Deutschland jedoch sei ein „Schlüsselpartner“ in Europa, so Macron, mit dem künftig gemeinsame atomare Übungen stattfinden könnten, möglicherweise noch in diesem Jahr, sagte der deutsche Bundeskanzler. An einer engeren Zusammenarbeit auf diesem Gebiet seien laut Macron auch Großbritannien – ebenfalls im Besitz der Atombombe – sowie Belgien, Polen, die Niederlande und Griechenland interessiert. Die Entscheidung über den Einsatz einer Atomwaffe aber verbleibe alleine in der Hand des französischen Staatspräsidenten, hieß es.
Rüstungskonzern wächst
Deutschlands größter Rüstungskonzern Rheinmetall baut künftig auch Schiffe: Der Hersteller von Panzern, Artillerie und Munition gab bekannt, dass die Übernahme des Bremer Marineunternehmens NVL abgeschlossen sei. Man habe alle kartellrechtlichen Freigaben erhalten und der Firmenübergang sei bereits zum 1. März erfolgt. Verkäufer ist die Bremer Werftengruppe Lürssen, die künftig nur noch Yachten baut. Zum Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Das Unternehmen NVL mit 2.100 Beschäftigten hatte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro angepeilt, zehn Prozent davon sollten auf den Betriebsgewinn (Ebit) entfallen. Rheinmetall hat rund 40.000 Beschäftigte, 2025 wollte die Firma deutlich mehr als zwölf Milliarden Euro Umsatz machen, aktuellere Zahlen werden erst Mitte dieses Monats veröffentlicht.
Gewerkschaften
Betriebsratswahlen im Mai
Zwischen dem 1. und 31. Mai 2026 finden bundesweit die nächsten regulären Betriebsratswahlen statt. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat alle Beschäftigten in den Unternehmen mit Betriebsrat dazu aufgerufen, sich aktiv an den Wahlen zu beteiligen. Betriebliche Mitbestimmung sei eine Erfolgsgeschichte, in mitbestimmten Betrieben würden bessere Löhne und Gehälter gezahlt, die Arbeitsplätze seien sicherer und familienfreundlicher, so die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi: „Betriebsratswahlen sind das Fundament gelebter Demokratie im Betrieb. Sie geben den Beschäftigten eine starke, unabhängige Stimme, um gute Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung und Respekt am Arbeitsplatz durchzusetzen. Mitbestimmung ist kein Selbstläufer, sie lebt vom Engagement jedes Einzelnen.“ Darum, so Fahimi, sollten alle Arbeitnehmer ihr Wahlrecht auch wahrnehmen. Die Betriebsratswahl findet alle vier Jahre statt und gehört zu den größten demokratischen Wahlen in Deutschland. 2022 gaben, nach einer Auswertung der Hans-Böckler-Stiftung, 71,9 Prozent der wahlberechtigten Beschäftigten ihre Stimme ab.
Hoffnung für die Bauwirtschaft
Nach jahrelanger Flaute ziehen die Geschäfte am Bau wieder an. Damit kommen offenbar die ersten Auswirkungen aus dem 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Infrastruktur in der Wirtschaft an. Gleichzeitig gibt es auch positive Nachrichten beim Wohnungsbau, die Zahl der gesamten Bauaufträge legte 2025 um 6,8 Prozent gegenüber 2024 zu. Zwischen 2022 und 2024 war das Neugeschäft jeweils noch gesunken. Die „lange Zeit der Baurezession“ sei „endlich vorbei“, freut sich der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Bauindustrie, Tim-Oliver Müller. Allerdings herrscht nun auch die Sorge, dass mehr Aufträge viele Baufirmen personell überfordern könnten, da in den drei Jahren Flaute viele Arbeitskräfte verloren gegangen sind. Im Tiefbau wuchsen die Neuaufträge preisbereinigt um 6,2 Prozent auf einen neuen Höchststand an. Hier spielen Großprojekte zur Sanierung von Bahnstrecken und weitere Infrastrukturaufträge eine wichtige Rolle. Dieser Trend werde sich dieses Jahr fortsetzen, ist sich die Bauindustrie sicher.
Bischofskonferenz
Neuer Vorsitzender
Die Deutsche Bischofskonferenz hat einen neuen Vorsitzenden: Bischof Heiner Wilmer, bis Ende Februar an der Spitze des norddeutschen Bistums Hildesheim, ist zum neuen Vorsitzenden des Zusammenschlusses aller römisch-katholischen Bischöfe gewählt worden. Der 64-Jährige gilt als Vermittler zwischen Konservativen und Reformkräften innerhalb der Katholischen Kirche in Deutschland und hat sich der Aufklärung der Missbrauchsfälle verschrieben. Heiner Wilmer folgt auf Georg Bätzing, der zuvor sechs Jahre den Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz innehatte. Bereits Anfang Januar hatte sich der nun neue Chef der Bischofskonferenz im FORUM-Interview für die Fortführung der Ökumene ausgesprochen. Wilmer wagt sich auch an sehr umstrittene Themen, wie die Erhöhung des Renteneintrittsalters: „Uns ist klar, das ist ein sehr schwieriges Thema, aber wir dürfen doch die Augen vor den Problemen der Rentenkassen nicht verschließen. Darum plädieren wir für eine moderate Erhöhung des Renteneintrittsalters“, so Bischoff Wilmer im Interview.
Wiegand will’s wissen
Blickpunkt Europa
Am Wochenende vor einer Woche bombardieren die USA und Israel Ziele im Iran der Mullahs, töten Teile der Führungsriege. Enthauptungsschläge, offene Konfrontation, Krieg – die Welt hat dieses Szenario lange heraufziehen sehen. Es war keine plötzliche Explosion, sondern die Eskalation einer Spirale, die sich seit Jahren drehte.
Auch für Europa war das kein fernes Donnern, sondern ein Realitätscheck. Und doch klangen die Reaktionen der Europäischen Union wie so oft: besorgt, mahnend, zur Deeskalation aufrufend. Diplomatie ist notwendig. Aber wer beschwichtigt, während andere Fakten schaffen, sendet ein Signal der Schwäche.
Besonders laut ist die Empörung im äußersten linken wie im rechten Lager. Dort wird der Schlagabtausch reflexhaft als „völkerrechtswidriger Angriffskrieg“ etikettiert – als gäbe es keine Vorgeschichte, keine Bedrohung, keinen Kontext.
Erstens: Das Regime in Teheran lieferte Kampfdrohnen an Russland, die gegen die Ukraine fliegen – gegen Städte, gegen Zivilisten, mitten in Europa. Zweitens: Irans Raketen sind so ausgelegt, dass sie europäische Ziele erreichen können. Drohungen gegen westliche Staaten sind dokumentiert. Drittens: In mehreren EU-Ländern wurden Anschlagspläne gegen iranische Oppositionelle im Exil vereitelt. Das sind keine Erzählungen, sondern Ergebnisse konkreter Ermittlungen.
Völkerrecht ist kein politischer Knüppel, den man je nach Lager schwingt. Europa darf sich nicht in jeden Krieg hineinziehen lassen. Aber dieser Konflikt war längst bei uns. Sicherheit beginnt mit Klarheit über Interessen – und über Gegner, auch in fernen Landen.
Wolf Achim Wiegand ist freier Journalist mit EU-Spezialisierung.