Wie ein Show-Match im Tennis die Welt beschäftigt
Vorurteile erkennen und sie entkräften – auch gegen mich selbst –, das hatte ich mir fürs neue Jahr vorgenommen. Um diese Aufgabe anzugehen, schadet es nichts, so dachte ich mir, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und andere Meinungen zu akzeptieren. Kurz: Empathisch sein, das ist schließlich gut für Herz und Seele.
Da kam diese verspätete Weihnachtsgeschichte gerade recht: Tennis-Ass Aryna Sabalenka hatte an einem Schauturnier teilgenommen. Die 27-Jährige ist seit einigen Jahren in absoluter Topform und scheint einen guten Sinn für Humor zu haben, wie man Interviews und Posts in ihren sozialen Medien entnehmen kann. Wenn eine erfolgreiche junge Frau Werbung für ihren Sport machen möchte, werden die Kommentare doch nur voll des Lobes sein. Was soll also schon schiefgehen, wenn ich mich bei Instagram durchscrolle?
Doch die Nummer Eins der Welt spielte im „Battle of the Sexes“ nicht etwa in ihrer eigenen Liga, sondern gegen einen Mann. Und die Wogen im Kulturkampf Mann gegen Frau sollten nicht etwa spielerisch geglättet werden, sondern das sollte von seriösen Medien hinterfragt und anschließend in Kommentarspalten diskutiert werden. Ihr Gegner war der Australier Nick Kyrgios, der derzeit kaum Spielpraxis hat, seit Jahren an zahlreichen Verletzungen herumlaboriert und auf der Weltrangliste der Männer auf den 661. Platz zurückgefallen war. Wunderbar! Links- wie Rechtsaußen beginnen nun damit, die Empörungsmaschinerie richtig schön oldschool zu ölen.
Dass Kyrgios im Normalfall deutlich besser ist, lassen wir außen vor, er ist schließlich ein Mann. Doch wie kann sich Sabalenka – Spielerin der Jahre 2024 und 2025 – überhaupt auf so etwas einlassen? Moment – hat diese Frau etwa Spaß an dem, was sie tut? Wollte sie wirklich einfach Werbung für ihren Sport machen? Wie sie auf der Pressekonferenz nach dem Match auch betonte? Ging es etwa nicht nur darum, dass die beiden Protagonisten das gleiche Management haben und dieses seinem Publikum etwas Spaß und sich selbst sehr viel Geld gönnen wollte?
Passend zu ihrer selbstironischen Art kam sie zum Match über die Zuschauerränge aufs Feld – in einem silberglitzernden Paillettenmantel und umjubelt. In einem tendenziell frauenfeindlichen Beitrag auf Spiegel.de lese ich als Einordnung: „Das allerdings sollte im Grunde ihr letzter Erfolg an diesem Abend gewesen sein.“ Das ist faktisch gar nicht mal falsch, denn Aryna Sabalenka verlor das Schau-Spiel.
Nun, ich kenne doch mein Internet. Das wird ja wohl noch nicht alles an Empörung gewesen sein. Das sehen offensichtlich auch Hunderte Influencerinnen und Zeitungsspaltenfüller so. Und so wird sich munter darüber aufgeregt, dass dieser „Kampf der Geschlechter“ in Dubai stattfand. Man kann sich auch darüber aufregen, dass Aryna Sabalenka Belarussin ist und somit garantiert das System Putin gutheißt. Vom Angriffskrieg auf die Ukraine distanziert sie sich zwar regelmäßig, aber dem ehemaligen Ostblock kann man eh nicht trauen.
Die Spielerin hinterfragte außerdem einst, ob es aus körperlicher Sicht Sinn macht, dass Transgender-Athletinnen im Frauentennis mitspielten. Sie sagte, das sei aus sportlicher Sicht „nicht fair“. Doch was weiß diese Spitzenathletin denn schon, die seit ihrem sechsten Lebensjahr Tennis spielt und 65 Wochen lang die Weltranglistenerste war und ist? Wie kann Sabalenka – die im Fachbereich Sport und Sportpädagogik mit Schwerpunkt auf Sportspielen und Kampfsportarten studierte – sich erdreisten, mehr zu wissen als Menschen im Internet, die ein viel zu kleines Mikrofon in den Händen halten, aggressiv in die Kamera reden und unzählige Tutorials auf Youtube zu allen möglichen Themen geschaut haben? Und dann legte sie während des Matches auch noch eine Macarena-Tanzeinlage hin und sieht obendrein noch unverschämt gut aus!
Mittlerweile beginnen meine Katzen damit, mich anzufauchen, weil ich immer lauter vor mich hin fluche. Ich beginne damit, den Geifer an meinem Mund abzuwischen und beschließe, empathisch mir selbst gegenüber zu sein, und poste ein paar süße Bilder meiner schlafenden Katzen. Irgendjemand merkt an, ich hätte den falschen Filter benutzt.