Als Harry Potter wurde er weltberühmt. Der schnelle Ruhm machte ihn zum Alkoholiker – eine Sucht, die er überwunden hat. Heute kümmert er sich vor allem um seine Familie. Vor Kurzem hat er dem neuen „Harry-Potter“-Darsteller einen rührenden Brief geschrieben.
Sitzt man dem 1,65 Meter großen und sehr schlanken Schauspieler gegenüber, möchte man ihn fast ein bisschen beschützen. Vor einer Welt, die ihn für immer als Harry Potter in Erinnerung behalten will. „Eigentlich habe ich mich schon sehr früh als Schauspieler begriffen – und nicht als Harry-Potter-Darsteller“, meint Daniel Radcliffe mit einem vielsagenden Lächeln. „Allerdings musste ich nach dem Ende des ‚Harry Potter‘-Franchise noch einmal ganz von vorne anfangen. Es war alles andere als einfach, das ‚Potter‘-Image loszuwerden. Schnell war mir klar, dass ich diesen Neuanfang am besten mit Rollen bewerkstelligen konnte, die niemand von mir erwartete. Das zu wagen, dazu gehörte allerdings eine große Portion Mut. Aber Schüchternheit hat in der Filmbranche sowieso nichts zu suchen. Also bin ich einfach kopfüber ins kalte Wasser gesprungen. Und künstlerisch hat es mich schon damals viel mehr zu Arthouse-Movies hingezogen als zum Mainstream. Denn im Independent-Kino wird definitiv mehr riskiert. Und das kommt mir sehr entgegen. Das erklärt vielleicht auch meine eklektische Rollen-Wahl.“
„Zehn Jahre lang unter Druck“
Als Kind aus reichem Elternhaus besuchte er eine Reihe sehr exklusiver englischer Schulen, die, wie er später sagte, ein sehr elitäres Weltbild propagierten. Daniels Eltern waren anfangs alles andere als begeistert, dass ihr elfjähriger Sohn für die Dreharbeiten zum ersten „Harry Potter“-Film in die USA gehen sollte. Also verlegte man die Drehorte, auch auf das Betreiben von Harry-Potter-Erfinderin J.K. Rowling hin, nach England. Daniel bekam in den nächsten Jahren Privatunterricht. Radcliffe erinnert sich: „Als ich dann die ‚Potter‘-Filme drehte, war ich plötzlich weg vom exklusiven Milieu der Reichen und kam mit Menschen jeglicher Couleur und aus jedem erdenklichen sozialen Background in Kontakt. Das hat meinen Horizont enorm erweitert und mich ganz sicher davor bewahrt, ein Snob zu werden. So gesehen war die ‚Harry-Potter‘-Zeit meine Erziehung des Herzens.“
Als die letzte Klappe zum letzten „Harry-Potter“-Film fiel, war es für Daniel Radcliffe eine große Befreiung. Damals war er gerade mal Anfang 20. Er war in beruflichen Dingen völlig unabhängig. Also probierte er sich aus: zum Beispiel in so unterschiedlichen Filmen wie „Die Frau in Schwarz“, „Kill Your Darlings“, „The F-Word“, „Swiss Army Man“, „Guns Akimbo“, „The Lost City – Das Geheimnis der verlorenen Stadt“ und „Flucht aus Pretoria“.
Den frühen Ruhm – besser gesagt: den „Harry-Potter-Wahnsinn“ – hat Daniel Radcliffe allerdings nicht schadlos überstanden. „Ich war ja gerade mal elf Jahre alt, als ich zu Harry Potter wurde. Und der Druck, zehn Jahre lang einen ‚Potter‘-Film nach dem anderen zu liefern, war wirklich immens hoch. Das hat mich letztlich zum Alkoholiker gemacht. Ich kann heute noch mit dem Finger auf Filmszenen von damals zeigen, bei denen ich total weggeschossen war. Zwei tote Augen – nichts dahinter. Hinzu kam noch, dass ich so gut wie keinen Schritt in der Öffentlichkeit tun konnte, ohne von Paparazzi fotografiert oder von Fans belagert zu werden. Dieses Leben unter dem Vergrößerungsglas hat mich total verängstigt. Und da ich privat eher der schüchterne Typ bin, habe ich immer öfter ein paar Drinks gekippt, um meine Hemmungen loszuwerden. Das hat eine Zeit lang auch gut funktioniert – bis ich merkte, dass ich ohne Sprit im Blut keinen Spaß mehr am Leben hatte. Das war das Alarmsignal. Aber ich habe es schließlich geschafft, vom Alkohol loszukommen. Seit 15 Jahren bin ich trocken!“
„Ich will lernen, Zeichen setzen“
Das ungezügelte Leben fand ein Ende, als er 2012 bei den Dreharbeiten zu „Kill Your Darlings“ die amerikanische Schauspielerin Erin Darke kennenlernte. Im April 2023 bekam das Paar einen Sohn.
Neben der Schauspielerei hat Daniel Radcliffe auch Theater gespielt. Sogar schon während der „Harry-Potter“-Zeit. Zuletzt in dem Stephen-Sondheim-Musical „Merrily We Roll Along“, wofür er 2024 seinen ersten Tony Award als bester Nebendarsteller erhielt.
Seine Harry-Potter-Vergangenheit wird Daniel Radcliffe wohl nie ganz abstreifen können. Und warum sollte er auch? Solange man ihn auch in anderen Filmen als fabelhaften Schauspieler wahrnimmt. Außerdem zählen zu seinen engsten Freunden immer noch seine „Potter“-Co-Stars Emma Watson und Rupert Grint. Auch die „Harry Potter“-Neuverfilmung, die 2027 als Serie starten wird, hat er wohl auf dem Schirm. Auf jeden Fall hat er dem neuen Harry-Potter-Darsteller Dominic McLaughlin vor Kurzem einen sehr rührenden Brief geschrieben. Darin steht: „Ich hoffe, du hast eine wunderbare Zeit und eine sogar noch schönere, als ich sie hatte.“
Daniel Radcliffe denkt noch lange nicht ans Aufhören: „Ich will arbeiten, lernen, Zeichen setzen. Dabei halte ich mich an das, was mir mein Cricket-Trainer mit auf den Weg gegeben hat: Gut in Form zu sein, kann schnell vergehen. Klasse bleibt bestehen!“