Die Eisbären Berlin brauchen in der kommenden Saison ein neues Torhüter-Duo. Jake Hildebrand und Jonas Stettmer verlassen Medienberichten zufolge den Verein – mit einem letzten Hurra?
Im Eishockey stehen in der Regel sechs Spieler pro Mannschaft auf dem Eis, und dabei ist eine Position in dieser Sportart ein bisschen wichtiger als die anderen. „Der Torwart ist der wichtigste Spieler auf dem Eis.“ Das sagte nicht irgendwer, sondern der wohl beste Eishockeyprofi der Geschichte: Wayne Gretzky. Und der frühere Stanley-Cup-Gewinner Patrick Roy, selbst einer der besten Goalies seiner Generation, meinte: „Das Torhüterspiel macht im Eishockey 75 Prozent aus.“ Auch bei den Eisbären Berlin wissen die Verantwortlichen, wie neuralgisch die Torhüter-Position ist. Der Finne Petri Vehanen war bis zu seinem Karriereende 2018 unumstrittener Stammtorwart und sorgte dafür, dass der Hauptstadtclub dichter an die nationale Spitze heranrücken konnte. Seine Nachfolger taten sich schwer, die Lücke zu schließen, die sein Rücktritt hinterlassen hatte. „Du brauchst einen Torhüter, so etwa Alter 28, der das Team über Jahre konstant begleitet. Nur so bekommst du die Kurve nach oben“, hatte der frühere Eisbären-Torwart René Bielke damals gesagt.
„Der wichtgiste Spieler auf dem Eis“
Geholt wurde dann genau so einer: Mathias Niederberger. Mit dem gebürtigen Düsseldorfer als phänomenalem Rückhalt feierten die Eisbären die Meistertitel 2021 und 2022, ehe sich der Nationalspieler zu einem Wechsel zu Red Bull München entschied. Und bei den Berlinern kehrte das Torwartproblem zurück. Das Experiment, auf die damals blutjungen Tobias Ancicka (21) und Juho Markkanen (20) als Torwart-Duo zu setzen, entpuppte sich als Fehler. Die unerfahrenen Jungprofis waren zwar nicht allein verantwortlich für das peinliche Verpassen der Play-offs, doch bei den Verantwortlichen reifte schnell die Überlegung, wieder auf deutlich mehr Erfahrung auf der Torwart-Position zu setzen. Und so kam der gestandene Jake Hildebrand – und mit ihm wieder die defensive Stabilität und vor allem der Erfolg. Mit dem inzwischen 32-Jährigen als Nummer eins wurden die Eisbären 2024 und 2025 Meister, doch genau wie einst Niederberger wird der US-Amerikaner übereinstimmenden Medienberichten zufolge den Club zu einem DEL-Konkurrenten verlassen. Und den Eisbären droht das nächste Torwartproblem.
Demnach wird Hildebrand seinen auslaufenden Vertrag in Berlin nicht verlängern und zu den Adlern Mannheim wechseln. Also ausgerechnet zu dem Club, gegen den die Eisbären ihr finales Heimspiel-Doppelpack der Vorrunde an diesem Wochenende einleiten. Nach dem Duell am Freitag mit Mannheim wartet in der Uber Arena Red Bull München als letzter Hauptrunden-Gegner. Hildebrand wird nicht auflaufen können, der Goalie steht wegen einer Unterkörperverletzung seit einigen Wochen nicht zur Verfügung. Der Club ließ öffentlich verlauten: „Ein Comeback in der laufenden Saison wird vom Heilungsverlauf abhängen.“ Sicher auch davon, wie weit die Eisbären in den Play-offs kommen. Vor den beiden letzten Vorrundenpartien ist zwar noch Tabellenplatz sechs und damit die direkte Viertelfinal-Qualifikation möglich. Doch die Gegner Mannheim und München haben es in sich. Zudem präsentierten sich die Eisbären in dieser Saison bislang viel zu selten titeltauglich – und Hildebrand trug seinen Teil dazu bei.
Genau wie in der vergangenen Hauptrunde schwächelte der US-Amerikaner, in seinen 30 DEL-Spielen kommt er auf eine Fangquote von 89,1 Prozent – das ist nur Durchschnitt. In der Vorsaison konnte er sich in der finalen Saisonphase wieder fangen und sich auch auf seinen Vertreter Jonas Stettmer verlassen. Doch auch der 24-Jährige konnte in dieser Spielzeit noch nicht oft überzeugen, zudem soll es Medienberichten zufolge hinter den Kulissen Krach gegeben haben. Laut der „Bild“-Zeitung soll Stettmer Probleme mit dem Trainerteam gehabt und sich deshalb – genau wie Hildebrand – zu einem Wechsel nach Saisonende entschieden haben. Dem Vernehmen nach kehrt Stettmer zu seinem Ex-Club ERC Ingolstadt zurück, wo er mit Devin Williams ein Gespann bilden soll. Bedeutet für die Eisbären: Das Team bestreitet die heiße Saisonphase mit zwei Torhütern, die ab Sommer nicht mehr unter Vertrag stehen und von denen einer aktuell verletzt ist. Keine optimalen Voraussetzungen für den nach wie vor nicht ad acta gelegten Angriff auf Meistertitel Nummer zwölf.
„Es ist etwas mehr Druck auf meinen Schultern, was ich aber gern annehme. Ich finde das positiv“, sagte Stettmer über die aktuelle Situation sichtlich unbeeindruckt. Und auch Sportdirektor Stéphane Richer glaubt, dass Stettmer zurück zu alter Stärke finden und sich noch alles zum Guten wenden kann. „Diese Saison hat er sicher mehr erwartet, auch was seine Leistung betrifft“, sagte Richer: „Jetzt hat er die Chance, seine Qualität zu zeigen und unter Druck zu spielen.“ Bei den jüngsten Siegen gegen Dresden (5:2), in Nürnberg (5:4) und vor allem bei Tabellenführer Köln (1:0) zeigte Stettmer, dass auf ihn Verlass ist. Gegen die Haie habe er „herausragend gehalten“, wie Siegtorschütze Andreas Eder betonte. Dennoch: Eine Zukunft über das Saisonende hinaus dürfte es für Stettmer nach drei Jahren in Berlin nicht mehr geben.
Erschreckend dünne Personaldecke
Der Club hat sich längst nach neuen Torhütern für die Saison 2026/27 umgeschaut – und ist offenbar sogar schon fündig geworden. Laut „Bild“ und „Eishockey News“ verpflichten die Eisbären den 25-jährigen Jonas Neffin, der in der DEL2 in Regensburg gute Leistungen zeigt. Doch Neffin dürfte allerhöchstens als Backup eingeplant sein, ein neuer Stammtorwart muss definitiv her. Und nicht nur der. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass die Eisbären eine Auffrischung ihres Kaders dringend benötigen. Es fehlt aktuell auch an Qualität, um mit den Topteams der Liga mitzuhalten. Dass das Verletzungspech enorm ist, verschlimmert die Lage zusätzlich.
Neben Hildebrand muss Trainer Serge Aubin auch auf Patrick Khodorenko und Blaine Byron verzichten. Für die beiden Stürmer ist die Saison definitiv vorbei. Hinzu kamen zuletzt die Ausfälle von Mitch Reinke und Lean Bergmann, deren Rückkehr ins Teamtraining vom Zeitpunkt her ungewiss ist. „Da bin ich inzwischen sprachlos“, sagte Sportdirektor Richer: „Wir hatten schon Jahre mit vielen Verletzungen, aber diesmal ist es extrem.“ Dass die Verantwortlichen den Vertrag mit Stürmer Matej Leden aus disziplinarischen Gründen aufgelöst haben, kommt erschwerend hinzu. Die Entscheidung ist nachvollziehbar, doch dünnt die Personaldecke weiter aus.
Diejenigen, die auf dem Eis stehen, geben unbestritten alles. „Der Einsatz ist da, jeder gibt Gas, auch bei jedem Training“, bestätigte Angreifer Leonhard Pföderl: „Aber dann trifft man die falschen Entscheidungen. Wenn man schießen sollte, spielt man einen Pass, und genauso andersherum.“ Dass bei schlechten Ergebnissen automatisch auch eine mentale Blockade entsteht, „das sieht man ja in jedem Sport“, so Pföderl. Cheftrainer Aubin fordert deswegen für die anstehenden K.-o.-Spiele eine perfekte Mischung aus Konzentration und Leichtigkeit: „Sie müssen ihr Mojo – oder wie auch immer man es nennen möchte – wiederfinden, alles geben und dabei trotzdem Spaß haben.“ Bei den jüngsten Siegen in der Liga hat das geklappt, das soll jetzt im Hauptrunden-Finale auch so sein.