Für die deutschen Handballer war Dänemark im EM-Finale eine Nummer zu groß. Doch selbst nach Einschätzung der dominierenden „Wikinger“ könnte die Zukunft tatsächlich der Mannschaft von Bundestrainer Alfred Gislason gehören.
Bundeskanzler Friedrich Merz ist in diesen geopolitisch und wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht für jeden der beste Motivator. Doch bei den deutschen Handballern hat der Regierungschef mit einem bierseligen Versprechen Anfang Februar nach der Silbermedaille bei der EM in Dänemark für die kommenden Großereignisse – insbesondere zunächst die kommende Weltmeisterschaft Anfang 2027 im eigenen Land – nachhaltig für Ansporn gesorgt.
Kanzler Merz als Handball-Fan
„Der Bundeskanzler“, berichtet Nationalmannschafts-Teammanager Benjamin Chatton auch noch Wochen nach der klaren Niederlage im EM-Finale gegen die „Überflieger“ der Gastgeber (27:34) immer noch angetan von der Unterstützung des vielbeschäftigten Politikers, „der Bundeskanzler hat uns zugesagt, dass er auch 2027 vorbeischauen will. Wir hoffen, dass wir ihm auch einen Anlass dazu geben und wieder das Finale erreichen und dann auch etwas Goldenes in der Hand halten können.“
Tatsächlich hätte wohl selbst ein EM-Triumph – als erster Turniersieg nach der Europameisterschaft 2016 – den Traum von der Wiederholung des Wintermärchens exakt 20 Jahre nach dem bislang letzten Titel für das Mutterland des Handballs bei der Heim-WM 2007 kaum noch mehr befeuern können als die begeisternden Auftritte im nördlichen Nachbarland. „Wir kommen nächstes Jahr wieder, spielen bei uns zu Hause. Vielleicht haben wir da die eine oder andere vorteilhafte Situation auf unserer Seite – und schlagen dann die Dänen bei uns in eigener Halle im Finale“, beschrieb der deutsche Torwart-Star Andreas Wolff seine Wunschvorstellung von der näheren Zukunft.
Der Kieler „Hexer“ ist mit seinem Glauben an die Stärken und Qualitäten im Team von Bundestrainer Alfred Gislason keinesfalls ein Einzelgänger. „Lust auf mehr“ betonte zuletzt bei der Rückkehr in den Bundesliga-Alltag auch Julian Köster mehrmals im Brustton der Überzeugung. Für den Rückraumspieler war die EM eine Bestätigung dafür, dass Olympia-Silber 2024 „keine Überraschung, kein Ausrutscher im positiven Sinne war. Der Hunger ist nach wie vor groß, dass wir noch mal ganz oben angreifen wollen.“
Handball in Deutschland, meinte etwa auch Kösters Rückraum-Kollege und Dänemark-Legionär Juri Knorr, ist inzwischen „wieder ganz cool anzuschauen. Aber wir müssen an uns arbeiten“, analysiert der Spielmacher die Ausgangslage für die WM: „Dänemark ist die Messlatte. Er ist die Messlatte.“
Gidsels Angst vor dem Heimvorteil
Gemeint ist Mathias Gidsel. Der Denker und Lenker der Dänen führte die „Wikinger“ in den vergangenen Jahren zum Golden Slam des Handballs: Olympiasieg, WM-Triumph und EM-Titel. Doch im Moment des maximalen Erfolgs sprach Gidsel aus, was viele dachten. „Es macht mir ein bisschen Angst, dass die Deutschen den Heimvorteil haben nächstes Jahr“, sagte der Bundesliga-Star vom Deutschen Meister Füchse Berlin: „Ich glaube, jetzt ist die deutsche Mannschaft unser größter Gegner.“
Gidsels Erfolgstrainer Nikolaj Jacobsen stellte sich nach seiner Turnier-Auswertung auch auf künftige Titel-Duelle mit dem deutschen Team ein. „Deutschland gehört seit der EM bei den großen Turnieren zum engen Favoritenkreis“, meinte der Coach ebenso anerkennend wie respektvoll: „Die Deutschen haben eine fantastisch talentierte und junge Mannschaft. Irgendwann wird sie auch anfangen, Turniere zu gewinnen. Ich hoffe nur, dass es nicht mehr in meiner Zeit passiert.“
Solche Aussagen hört man beim Deutschen Handballbund (DHB) selbstverständlich gern. Die Entwicklung seines Teams freue ihn „extrem“, sagte Gislason, „noch mehr als die Silbermedaille“. Zwar wollte der Isländer keine Prognosen für die Heim-WM wagen, aber „mein Team hat bei der EM wieder viele Schritte nach vorn gemacht. Wir sind sehr viel weiter im Zusammenspiel, haben weiter Selbstvertrauen gesammelt und sind besser eingespielt.“ Alles zusammen, meint Gislason, „lässt mich in eine rosige Zukunft blicken“, zumal das Team sehr jung sei und „bestimmt noch sechs Jahre so zusammenspielen kann“. Wenn die DHB-Auswahl 2027 beim WM-Turnier konzentriert agieren würde, macht der frühere Meister-Trainer letztlich doch wenigstens leise Hoffnungen auf „2007 reloaded“, dann sei „diese Mannschaft ein sehr großer Favorit, um mit um die Medaillen zu spielen“.
Kapitän Johannes Golla sieht darin allerdings keinen Automatismus, auch wenn die DHB-Auswahl bei den vergangenen vier großen Turnieren zweimal das Finale und einmal das Halbfinale erreichte. „Um die nähere Zukunft muss man sich keine Sorgen machen – wenngleich natürlich keine Garantie da ist, dass es so weitergeht“, sagt der erfahrene Kreisläufer.
Elf Spieler im deutschen EM-Team sind 25 Jahre oder jünger – darunter Knorr, Köster oder die Junioren-Weltmeister um Renārs Uščins. „Ich glaube, dass die Mannschaft eigentlich nur besser werden kann in den nächsten Jahren und dass man sich da noch auf einiges freuen kann“, sagte Knorr. Team-Methusalem Wolff, der mit 34 Jahren noch lange nicht ans Aufhören denkt, formulierte es noch offensiver. „Die Mannschaft hat so ein Entwicklungspotenzial, dass wir in zwei, drei Jahren vielleicht die Mannschaft sind, die es zu schlagen gilt“, sagte der Schlussmann und schielte damit bereits ein wenig zum nächsten Olympia-Turnier in zwei Jahren in Los Angeles. In jedem Fall ist der Keeper überzeugt, dass die deutsche Mannschaft sich noch mehrere Gelegenheiten für Titelgewinne verdienen wird: „Wir werden noch öfters Finals gegen Dänemark spielen.“
Große Vorfreude auf das Turnier
Dem DHB wäre für „seine“ WM im nächsten Januar natürlich ein Happy End in Gold nur allzu recht. Der gesamte Auftritt von Gislasons Schützlingen mit einer Mischung aus hochklassigen Leistungen und nicht minder imponierenden Nehmerqualitäten bleibt, „und gibt uns super Rückenwind für 2027“, resümierte DHB-Sportvorstand Ingo Meckes: „Und dann haben wir nicht mehr 15.000 Dänen gegen uns, sondern 20.000 Fans für uns. Dann sehen wir mal, wie es aussieht.“
Die Erfüllung des WM-Traums wäre für Mannschaft und Verband unabhängig von Olympia-Gold die sprichwörtliche Endstation Sehnsucht – praktisch in allen Bereichen. Der bisherige Vorverkauf für das WM-Turnier stellt bereits alles Dagewesene in den Schatten. Erfolge weit und breit also.
In den kommenden Jahren wird eine Reihe von Großturnieren in Deutschland ausgerichtet – die Männer-WM außer 2027 auch noch mal 2029 sowie die Männer- und Frauen-Europameisterschaften 2032. Ähnlich wie beim Fußball spielt der DHB mit dem Gedanken, die Eintrittskarten der Partien unter Beteiligung Deutschlands bei der WM 2029 zu verlosen – dann wird der DHB das Weltturnier neben Frankreich als Junior-Partner ausrichten. „Wir kommen in eine Luxussituation, die wir so noch nicht kannten“, sagt DHB-Vorstandschef Schober.
Das 2019 vom Verband ausgerufene „Jahrzehnt des Handballs“ ist zur Erfolgsgeschichte geworden. Die Einnahmen aus den Großturnieren haben den Verband gesundet, vergrößert, professionalisiert – auch in der Kundenansprache. Eine einstellige Millionensumme ist beispielsweise als Gewinn der EM 2024 übriggeblieben. Mit dem Höhepunkt 2032 enden dann vorerst fast eineinhalb Dekaden deutscher Handball-Herrlichkeit: In sechs Jahren will der DHB erst im Januar die Männer-EM (mit Frankreich), dann im Dezember die Variante der Frauen austragen (mit Polen und Dänemark). Ein mutiger Plan, der nur funktionieren kann, weil es hierzulande mehr geeignete Hallen und Hotels gibt als bei allen anderen europäischen Partnern.
Man könnte meinen, die Konkurrenz beobachte die deutsche Ausrichtungslust argwöhnisch. Dem ist nicht so: Erst kürzlich kamen aus Island, Kroatien und Frankreich Worte der Vorfreude.