rfolgreich, ehrgeizig, ehrlich – das ist Nathalie Armbruster. Die Nordische Kombiniererin kämpft nicht nur im Wettbewerb um Anerkennung. Beim Weltcupfinale will sie aber vor allem sportlich überzeugen.
Der wichtigste Begleiter in Nathalie Armbrusters Karriere? Bei dieser Frage muss zumindest die Mutter nicht lange überlegen. „Ohne Papa geht nichts“, sagt Susi Armbruster: „Der Papa ist der Fels in der Brandung, würde ich sagen.“ Sofern nichts Wichtiges dazwischenkommt, wird Hans Armbruster seine Tochter auch beim Weltcupfinale der Nordischen Kombiniererinnen am 15. März im norwegischen Oslo vor Ort moralisch unterstützen. An ihm kann sich Deutschlands beste Athletin dieser Sportart fast immer aufrichten. Doch selbst der gestandene und scheinbar so unerschrockene Vater hatte seinen schwachen Moment – es war ausgerechnet in der Stunde des größten Triumphs seiner Tochter. Als die Kombiniererin im slowenischen Planica vor drei Jahren die Silbermedaille und damit ihren ersten großen internationalen Erfolg feierte, wurde Hans Armbruster von seinen Gefühlen übermannt.
Erst einmal alleine sein
„Da musste ich weg, alleine sein“, erinnert er sich. Auch heute noch bekomme er immer wieder Gänsehaut, wenn er daran zurückdenkt: „Emotionen pur“. Seiner Tochter ergeht es ähnlich. Die inzwischen 20-Jährige bezeichnet den zweiten WM-Platz als „emotionalsten Erfolg“ ihrer Karriere. „Dieser Moment da auf der Ziellinie, der war unbeschreiblich“, sagt sie und verrät ihre ersten Gedanken: „Nathalie, du bist gerade Vizeweltmeisterin geworden!“ Dass es wenig später für sie mit dem Mixed-Team sogar eine zweite Silbermedaille gab, „war dann wirklich die Kirsche auf der Torte“.
Und dass sie dieses Doppel-Silber als damals 17-Jährige geschafft hatte, sorgte für noch mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Doch damit stieg auch die Erwartungshaltung – von außen und von innen. „Diesen Druck in der zweiten Saison nach so einem Erfolg auszuhalten oder dem standzuhalten, war am Anfang schon schwer“, sagt die Schwarzwälderin rückblickend: „Die Medien haben da schon Druck auf mich ausgeübt und viel erwartet.“ Plötzlich konnte der Youngster nicht mehr nur im Schatten mitlaufen, sondern musste im Rampenlicht vorangehen. „Wenn man dann in so eine Saison geht und als das Zugpferd der ganzen Mannschaft angesehen wird“, äußert sie, „da lastet dann noch mal mehr Druck auf einem.“
Beim ersten Weltcuprennen danach sei sie dann Siebte geworden und „eigentlich super zufrieden mit dem Auftakt“ gewesen. Doch was musste sie auf den Sportportalen und in den Zeitungen lesen? „Schlagzeilen wie ‚Natalie Armbruster verpatzt den Weltcup-Auftakt‘. Das tut dann schon weh.“ Erschwerend kam hinzu, dass die junge Athletin extrem selbstkritisch ist. „Ich bin Sportlerin, ich bin ehrgeizig, ich bin zielstrebig“, sagt sie. Ihr Vater Hans, der sie auf fast allen Wettbewerben begleitet, spricht von einem fast zwanghaften Perfektionismus: „Sie möchte immer relativ schnell alles können.“ Nathalie möchte dem auch gar nicht widersprechen: „Papa hat schon recht, da möchte ich es manchmal so machen, dass es mir zu 1000 Prozent gefällt.“
Nicht nur im Sport, auch im Leben allgemein. Ihre Abitur-Abschlussnote von 1,0 ist kein Zufall. Dass sie für die Schule neben dem Leistungssport gepaukt hat, macht den perfekten Durchschnitt noch bemerkenswerter. „Ich bin einfach nur megafroh, dass die Schulzeit vorbei ist“, sagte sie der „Süddeutschen Zeitung“. Die Doppelbelastung sei irgendwann „zu viel“ geworden, „weil ich meinen Ehrgeiz, den ich im Sport habe, auch in der Schule nicht ablegen konnte“. Dennoch konnte sie in der Vorsaison den zweiten Platz im Mixed-Team bei der WM im norwegischen Trondheim wiederholen und einen persönlich sogar noch wertvolleren Erfolg feiern: Armbruster gewann die große Kristallkugel als Weltcupgesamtsiegerin der Saison 2024/25. In dem noch jungen Frauen-Wettbewerb war sie die erste deutsche Kombiniererin, der das gelungen ist. Begünstigt wurde das aber auch durch eine Disqualifikation der nach dem Sprung im österreichischen Seefeld führenden Norwegerin Ida Marie Hagen.
Armbruster will immer besser werden
Hagen ist in diesem Winter die überragende Kombiniererin. Die 25-Jährige hatte bis zum Weltcup im finnischen Lahti acht von neun Wettkämpfen gewonnen, bei ihrem Triumph in Seefeld betrug ihr Vorsprung auf Platz zwei satte 55 Sekunden – eine Machtdemonstration. Armbruster wurde bei dem Wettkampf Anfang Februar Fünfte. Die Platzierung fand sie „trotzdem top“, denn sie quälte sich auf der Laufstrecke aufgrund einer Erkältung. „Jetzt will ich erstmal wieder gesund werden“, hatte sie unmittelbar nach dem Rennen im TV-Interview gesagt: „Ich habe gemerkt, dass meine Lunge echt verschleimt ist.“ Noch schlimmer war es ihr zuvor beim Rennen in Ramsau ergangen, als sie auf der Strecke bei einer Tempoverschärfung von Hagen unbedingt mitgehen wollte und sich dabei übernommen hatte. Armbruster kollabierte und fiel ohnmächtig in den Schnee. „Auf einmal hat einfach mein Körper zugemacht, ich wollte laufen, aber es ging nicht mehr, es ging kein Schritt mehr“, sagte die Baden-Württembergerin hinterher. Dass sie sich selbst berappeln und am Ende sogar noch als Dreizehnte ins Ziel fahren konnte, begründete sie mit ihrem eisernen Willen, niemals aufgeben zu wollen: „Und dann dachte ich mir: Nein, ich kann das nicht mit mir vereinbaren, hier ein, Did Not Finish‘ zu machen.“
Typisch Nathalie Armbruster. „Sie ist eine super Arbeiterin, sie will in allem, was sie macht, das Beste aus sich rausholen. Ob das in der Schule ist, beim Sport oder im gesamten Leben“, sagt Florian Aichinger. Der Bundestrainer bei den Nordischen Kombiniererinnen glaubt fest daran, dass Armbruster auch aufgrund dieser Qualitäten ein großer Star ihrer Sportart werden kann: „Sie hat es auf jeden Fall in sich.“ Es schadet natürlich auch nicht, dass die junge Athletin in Interviews höchst eloquent und unterhaltsam ist. Ein Beispiel: Nach ihrem ersten Weltcupsieg sagte sie, angesprochen auf ihr Erfolgsrezept: „Eat Pasta, run faster.“ Auf Deutsch: Iss Pasta, laufe schneller. „Ich bin, glaube ich, ziemlich lebensfroh“, sagt sie über sich selbst. Und genauso kommt sie im TV auch rüber. Verstellen will sie sich auch dann nicht, wenn sie den Skianzug ablegt und auch als Privatperson nun mehr in der Öffentlichkeit steht. „Ich bin schon ziemlich Mädchen. Ich liebe pink, ich trage auch gerne Kleider und Röcke.“ Seit einem Jahr ist sie mit dem Kombinierer Nico Zarucchi liiert. Kraft geben ihr auch die vielen Tiere, die sie immer um sich herum hat, wenn sie zu Hause ist. „Ich liebe Tiere, vor allem meine zwei Katzen und mein Kaninchen“, sagt Armbruster. Ihre zweite Lieblingsfreizeitbeschäftigung ist das Lesen. „Aber Krimis sind nicht so mein Ding“, erklärt sie, „ich mag lieber Happy Ends.“
Zu wenige Athleten?
Ein Happy End in ihrem Kampf um olympische Gleichberechtigung gab es bei den Winterspielen in Italien nicht. Das Internationale Olympische Komitee entschied sich gegen die Aufnahme des Frauen-Wettbewerbs ins olympische Programm. Die Begründung: Die Entwicklung sei noch nicht ausreichend genug, noch gebe es zu wenig Athletinnen in der Weltspitze. „Das tut richtig, richtig weh“, sagt Armbruster dazu, „das ist eine riesige Sauerei.“ Statt um olympische Medaillen zu kämpfen und sich allein mit einem Start bei Olympia einen riesengroßen Traum zu erfüllen, musste Armbruster zahlreichen nationalen und internationalen Medien erklären, warum sie die IOC-Entscheidung für einen Skandal hält. „Im 21. Jahrhundert die Frauen auszuschließen, ist einfach ein No-Go“, findet Armbruster. Die junge Athletin erklärt auch, warum: „Man kann diese Entscheidung gerade jetzt, wo das Niveau in der Frauen-Kombination derart gestiegen ist, meiner Meinung nach nicht rechtfertigen.“
Die Argumentation des IOC, dass die Sportart in zu wenigen Ländern ernsthaft betrieben werde und die Leistungsdichte deswegen vor allem bei den Frauen nicht groß genug sei, lässt Armbruster nicht gelten. „Man hat das alles öfter gehört: Bei den Frauen seien zu wenige Starterinnen, zu wenige Nationen, daher sei es auch viel leichter, erfolgreich zu sein, als bei den Männern“, sagt sie: „Aber eigentlich ist es ein Witz.“ Allerdings ein schlechter, so Armbruster. Denn solche Aussagen würden den Athletinnen schwer zu schaffen machen. „Wenn man diese Dinge andauernd hört, fängt man irgendwann selbst fast schon an, seine eigene Leistung kleinzureden.“ Dabei erlebe sie hautnah bei den Frauen „spannende, hochkarätige Rennen“. Außerdem seien in manch anderen Sportarten auch nicht mehr Nationen vorn vertreten. Bezogen auf die Nordische Kombination sollte das IOC vielmehr wertschätzen, „dass sich überhaupt schon 35 Frauen trauen, von diesen Schanzen zu springen – und es werden immer mehr.“
Armbruster hat sich in den vergangenen Wochen in dieser Thematik zur großen Kritikerin des Ringeordens und zur großen Fürsprecherin ihrer Kolleginnen entwickelt. „Ich spreche einfach aus, was ich denke, und nehme da auch mittlerweile kein Blatt mehr vor den Mund“, sagt die Deutsche, „weil ich denke, dass solche Dinge gesagt werden müssen, über die wir hier sprechen.“ Sie sei zwar in diese Rolle eher „reingerutscht“, sagt sie, aber sie nehme diese selbstverständlich an. Und zwar mit Verve – so wie alles, was Nathalie Armbruster anpackt. Das passt zu ihrem Naturell, denn sie könne „Ungerechtigkeiten sehr, sehr schlecht ertragen“, wie Armbruster zugibt: „Unsinnige Entscheidungen nachzuvollziehen, das fällt mir auch sehr, sehr schwer. Da denke ich natürlich gleich an die Entscheidung vom IOC, dass wir nicht ins olympische Programm aufgenommen wurden. Mit so etwas tue ich mich dann wirklich sehr, sehr schwer.“