Trump hat keinen Plan – und das iranische Regime spielt mit dem Feuer
Könnte es sein, dass US-Präsident Donald Trump einen ähnlich schweren Fehler begeht wie Kremlchef Wladimir Putin? Dass beide Staatenlenker infolge von Selbstüberschätzung und Machtversessenheit Kriege losgetreten haben, die ihnen entgleiten?
Erinnern wir uns: Putin dachte am 24. Februar 2022, dass er die Ukraine in ein paar Tagen militärisch überrennen könnte. Er täuschte sich in der Resilienz der ukrainischen Bevölkerung. Trump wiederum hatte die Illusion, das iranische Regime durch vernichtende Luftschläge im Schnelldurchgang zur „bedingungslosen Kapitulation“ zu zwingen. Er täuschte sich in der Resilienz der iranischen Machtelite.
Damit soll keineswegs der Kampf der Ukrainerinnen und Ukrainer mit den Vergeltungsaktionen Irans gleichgesetzt werden. Das eine ist der Widerstand der Bevölkerung gegen einen Aggressor. Das andere ist die gezielte militärische Eskalation eines repressiven Mullah-Regimes, das um seine Existenz fürchtet. Was beide Fälle eint, ist der Irrglaube des amerikanischen und des russischen Präsidenten, mit militärischer Übermacht Bedingungen diktieren zu können.
Trump, der bei den iranischen Massen-Protesten im Januar die Bevölkerung noch zu einem Aufstand ermunterte, redet nun völlig anders. Er könne sich mittlerweile auch vorstellen, einen Deal mit dem Regime zu machen, heißt es. Die Entscheidung, wer der neue Mann an der Spitze werde, müsse allerdings über seinen Tisch gehen. Der Präsident hat bis heute kein schlüssiges Ziel formuliert, das er in Iran erreichen will. Er agiert wetterwendisch und impulsgetrieben. Seine Politik, so scheint es, folgt den Effekten des Reality-TV. Hauptsache, jeden Tag in den Schlagzeilen. Hauptsache, immer wieder den vermeintlichen Sieg verkünden. Es ist eine inszenierte Atemlosigkeit.
Doch Trumps Kurs ist losgelöst von der Realität. Die amerikanisch-israelischen Attacken auf mehr als 4.000 Ziele in Iran haben zu großen Zerstörungen geführt. Die Kollateralschäden werden immer größer. Nach Recherchen der „New York Times“ und der Plattform Bellingcat ist ein Tomahawk-Marschflugkörper der USA verantwortlich für rund 170 Tote an einer Mädchenschule in der südiranischen Stadt Minab. Der „schwarze Regen“, der nach der Bombardierung von Öllagern auf Teheran niederging, ist vermutlich nicht die Hilfe, die sich die Demonstranten im Januar erhofft hatten.
Doch das iranische Regime streckt nicht die Waffen. Auch unter dem neuen Obersten Führer Modschtaba Chamenei, dem Sohn des am 28. Februar von der israelischen Luftwaffe getöteten Ali Chamenei, führt Iran einen asymmetrischen Krieg. Die Islamische Republik weiß, dass ihre Armee und die Revolutionsgarden den Streitkräften der USA und Israels gnadenlos unterlegen sind. Deshalb weitet sie den Konflikt systematisch auf die öl- und gasreichen Golfstaaten aus. Iranische Drohnen und Raketen greifen nicht nur US-Stützpunkte zwischen Kuwait und Saudi-Arabien an. Auch Ölraffinerien, Meerwasser-Entsalzungsanlagen und Wohngebäude geraten ins Visier.
Das Kalkül: Wenn der für die globale Ölversorgung entscheidende Nahe Osten in Brand gesetzt wird, springt der Funke auf die Weltwirtschaft über. Die Ölpreise haben den Preis von 100 Dollar pro Barrel übersprungen. Die Verbraucher an den Tankstellen ächzen, die Börsen rauschen in den Keller. Das iranische Regime spielt mit dem Feuer, um einen Waffenstillstand zu erzwingen.
Der Krieg hat einen extrem hohen Preis. Die Frage ist: Wie viele Schäden will Trump in Kauf nehmen, um was zu erreichen? Wenige Tage vor dem Beginn der Luftschläge hatte Irans Außenminister Abbas Araghchi dem US-Sondergesandten Steve Witkoff weitreichende Zugeständnisse beim Nuklear-Programm seines Landes gemacht. Demnach soll Teheran bereit gewesen sein, die Urananreicherung für drei bis fünf Jahre auszusetzen und sie erst danach in einem Konsortium mit Golfstaaten unter internationaler Aufsicht wieder aufzunehmen. Zudem habe die Tür für US-Unternehmen offen gestanden, in iranische Öl- und Gasanlagen zu investieren. Mit Blick auf das gegenwärtige Chaos, dessen Ende nicht abzusehen ist, lässt sich sagen: Es wäre erfolgversprechender gewesen, mit Iran weiter zu verhandeln. Man hätte Teheran zunächst Einschränkungen in der Atom-Frage abringen und danach zu anderen Themen übergehen können.