Seit 2019 überzeugt Schauspielerin Judith Hoersch in der ZDF-Reihe „Lena Lorenz“. Jetzt überrascht die Wahl-Berlinerin mit ihrem Debütroman „Niemands Töchter“.
In der ZDF-Reihe „Lena Lorenz“ widmet sie sich als Hebamme Lena mit Hingabe und Empathie werdenden Müttern und ihren Sorgen. Und auch am Rande des Erzählstrangs hat sie im Film manches Päckchen zu tragen. Im richtigen Leben ist Schauspielerin Judith Hoersch seit 2019 selbst Mutter einer Tochter und meistert das Familienleben abseits des Sets prächtig. Mit ihrem Partner, dem Kameramann Joe Berger, und dem gemeinsamen Kind lebt die gebürtige Kölnerin seit vielen Jahren in der Nähe des Berliner Volksparks Schöneberg. Nun überrascht die Schauspielerin und Synchronsprecherin mit ihrem ersten Roman „Niemands Töchter“ (Piper Verlag). Darin schildert sie, wie eine in Not geratene Mutter ihre Tochter aussetzt und sich beide Lebenswege gestalten. Judith Hoersch erzählt aus Sicht verschiedener Romanfiguren und in verschiedenen Zeitsträngen, die zueinander führen.
„Die Kraft das eigene Glück zu suchen“
In der lesenswerten Lektüre geht es um zwei Mütter und zwei Töchter, deren Leben auf ungewöhnliche Weise miteinander verwoben sind. Deren Geschichte beginnt 1981 in Westberlin und endet in der Gegenwart. Es sei ein „Roman über das, was wir verlieren können, das, was bleibt, sowie die Kraft, das eigene Glück zu suchen“, beschreibt die Schauspielerin ihr Werk.
Dabei hat die Story auch Bezüge zum wahren Leben der Autorin, die nach eigenen Worten bereits seit ihrer Kindheit Kurzgeschichten schreibt. So bildet die Indienreise von „Mutter Marie“ im Roman einen Wendepunkt: „Tatsächlich habe ich selbst zwei große Indienreisen unternommen. Mit dem Rucksack, und allein bin ich in meinem Leben schon viel rumgekommen. Doch Indien hatte eine besonders soghafte Wirkung auf mich. Dieses Lebensgefühl konnte ich unmittelbar aus meinen eigenen Erfahrungen heraus ins Schreiben übertragen“, sagt die 44-Jährige.
Auch für die Bäckerei im Buch in Mayen (Rheinland-Pfalz) gebe es ein reales Vorbild: „Ich habe unzählige Stunden bei meinen Großeltern und in unseren Bäckereien verbracht. Meine ganze Familie stammt aus Mayen – dort sind meine Wurzeln, auch wenn ich in Köln aufgewachsen bin. Die Bäckerei im Buch war tatsächlich unsere, und die Romanfiguren Jupp und Hedwig tragen in abgewandelter Form viel von meinen Großeltern in sich. Nicht das, was ihnen widerfährt, doch ich brauchte mir beim Schreiben nur vorzustellen, wie sie reagiert hätten.“
Wie sie als Schauspielerin, Schriftstellerin und Mutter den Alltag mit Job und Familie unter einen Hut bekommt, sei ihr manchmal selbst schleierhaft, sagt die „Lena Lorenz“-Darstellerin auf Nachfrage: „Ein Schlüssel, dass dieser Spagat gelingt, ist sicherlich Disziplin und eine gute Planung, und gleichzeitig auch Flexibilität. Als Mutter habe ich gelernt: Nutze die Lücke – und sei dann zu 100 Prozent bei der Sache.“
Wenn sie mit ihrer Tochter zusammen sei, dann ganz und gar. Dasselbe gelte für Schauspiel und Schreiben: „Meistens stehe ich sehr früh auf und schreibe schon mal ab 5Uhr morgens, auch vor Drehtagen. Ich versuche, jeden Tag zu schreiben. Da agiere ich nicht so sehr nach dem Lustprinzip. Wenn ich mir etwas vornehme, bin ich sehr damit beschäftigt, sehr stur und sehr eisern. Das habe ich wohl von meiner Großmutter“, so die sympathische Judith Hoersch im Gespräch.
Erfüllte sich mit Buch lang gehegten Wunsch
Wo sie textet, sei eher zweitrangig: Das kann im Berchtesgadener Land sein, wo sie sechs Monate im Jahr für den „Lena Lorenz“-Dreh auch privat lebt (sechs neue Folgen ab 9. April im ZDF) oder aber in ihrer Wahlheimat Berlin, wo sie seit 2004 mit Hauptwohnsitz gemeldet ist. „Berlin hat mich sehr interessiert. Die Stadt hat mich geformt und mir eine Stimme gegeben. Hier durfte ich mich finden und erfinden; ohne Strukturen, die schon da waren. Und ich liebe Berlin – trotz Veränderungen – noch immer: diese unfertige, undergroundige und kulturell so reizvolle City.“
Doch auch Brandenburg sei ihr vertraut, beispielsweise die Neustädter Gestüte in Neustadt/Dosse, wo sie, die aktive Reiterin, regelmäßig die Mark genießt und erkundet. Auch Liepnitzsee, Barnim und Uckermark hat sie kennengelernt, aktuell aber auch Polen und Dänemark für sich entdeckt. Während der Zeit rund um den Watzmann bei Berchtesgaden seien dagegen Italien und Kroatien näher gewesen. „Früher in Köln lagen indes Holland, Belgien oder Frankreich für Urlaube und Ausflüge näher“, sagt die Schauspielerin und Buchautorin.
Sie schreibt den eigenen Worten nach „immer auch ein Stück entlang des eigenen Lebens. Es gibt Elemente, in denen ich mich wiederfinde oder mit denen ich mich verbunden fühle. Nachdem ich Romanfiguren entworfen habe, ist der Anfang meist noch nebulös“, sagt die Autorin. Dramaturgie komme bei ihr stets an zweiter Stelle. „Ich brauche diese Freiheit beim Schreiben.“
Diese Freiheit beschert ihr auch die Hauptrolle in der „Lena Lorenz“-Reihe, die für ein finanzielles Fundament sorgt, wie sie einräumt. „Dadurch spüre ich wenig Druck, unbedingt liefern zu müssen.“
Der Roman endet in der Hoffnung auf den Neustart einer Familie. Ist denn so ein Neuanfang mit Aussöhnung immer möglich? „Zumindest möchte ich das glauben. Familie, das kann viel sein. Sie muss nicht zwingend die klassische Kernfamilie sein. Wichtig ist doch, dass wir unsere ‚Herde‘ finden – unsere Menschen, unseren Ort, an dem wir ganz wir selbst sein dürfen“, sagt Judith Hoersch.
Mit ihrem Debütroman habe sie sich den lang gehegten Wunsch erfüllt, eine Geschichte auf diese Art und Weise zu schreiben. Gleich mit ihrem ersten Werk landet Judith Hoersch einen Volltreffer.