Das Dudweiler Statt-Theater ist eine kulturelle Institution in dem saarländischen Örtchen. Nun bringt das Ensemble den Agatha-Christie-Klassiker „Mord im Orientexpress“ auf die Bühne.
Hier wird Ungarisch gesprochen, dort ein Fetzen Russisch, hier ein bisschen Englisch, und wenn der Held erscheint, dann auch Belgisch – pardon, Flämisch. Niemand Geringeres als Hercule Poirot betritt in Kürze die Bühne, die in Dudweiler die Welt bedeutet. Der berühmte belgische Detektiv mit dem markanten Schnurrbart fährt auf der Rückreise von einem seiner Fälle von Istanbul nach Calais. Dann passiert der „Mord im Orientexpress“, als ein amerikanischer Geschäftsmann brutal ermordet wird. Poirot vermutet Täter oder Täterin noch an Bord des Zuges, der wegen eines Schneesturms in einer Schneewehe stecken geblieben und von der Außenwelt abgeschnitten ist. Poirot nimmt die Ermittlungen auf.
„Eine gewisse überlegene Subtilität“ möchte Guido Aßenmacher der legendären Rolle aus Agatha Christies Krimiklassiker verleihen, wie er während einer Probe des Dudweiler Statt-Theaters erzählt. Vorsicht und Hirnschmalz sind auch bitter nötig, denn fast jeder der mysteriösen Passagiere hatte ein Motiv, den Mord zu begehen. Bei der Befragung durch Poirot verstricken diese sich zudem immer tiefer in ein Netz aus Lügen und Intrigen. Nichts ist, wie es scheint. Mit jedem neuen Hinweis nimmt die Spannung zu – sowohl beim Publikum als auch innerhalb der Charaktere – und die Wahrheit über den Mord führt schließlich zu einer überraschenden Auflösung. Der Kriminalroman wurde 1934 veröffentlicht und wurde bereits mehrfach verfilmt, zuletzt 2017 sehr erfolgreich von und mit Kenneth Branagh.
Der vielleicht berühmteste Fall aus der Feder von Agatha Christie bietet Gelegenheit für einige amüsante Momente, doch wie Guido Aßenmacher erklärt, liegt der Fokus deutlich auf der Krimi-Handlung: „Wir wollten keine Clownerie.“ Da der Darsteller in Frankreich wohnt, sei der flämische Akzent kein großes Problem für ihn, wie er mit einem Augenzwinkern erzählt. Die Anlage der Rolle habe er sich „von Anfang an genauso vorgestellt“. Im Statt-Theater ist er seit rund fünf Jahren am Start, coronabedingt ist es die dritte Produktion, an der er teilnimmt. „Mir gefällt es genauso, wie wir es spielen“, sagt er selbstbewusst. Regisseurin Sonja Schuler gebe die nötigen Freiheiten zur Entwicklung der Rollen und leite natürlich auch an. „Sie hat das letzte Wort“, erklärt der Poirot-Darsteller.
Selbst gebaute Kulissen
Sonja Schuler ist jedoch nicht nur verantwortlich dafür, dass auf der Bühne alle Puzzlestücke zusammenpassen, sondern legt auch im Hintergrund mächtig Hand an. Noch vor dem Pressebesuch in der Kreuzkirche im Dudweiler Ortsteil Herrensohr streicht die Vorsitzende des Statt-Theaters einige Teile der Kulisse. „Das bringt mich runter“, sagt sie lächelnd. Dann macht sie sich noch Gedanken darüber, wie die einzelnen Teile später im Bürgerhaus Dudweiler wirken, wo die vier Vorführungen stattfinden, die bislang terminiert sind. Im Bürgerhaus selbst, das im Eigentum der Landeshauptstadt Saarbrücken ist, gebe es keine geeigneten Probenräume. Und die zum Probenbesuch noch nicht ganz fertigen Elemente versprechen einen kurzweiligen Ausflug in das Schneegestöber durch den Osten des ehemaligen Jugoslawiens, zwischen Vinkovci und Brod.
Gespielt wird am Bahnsteig in Istanbul sowie später im Orientexpress selbst. Dabei spielt das elfköpfige Ensemble teils in holzbudenartigen Kulissen, die selbst gebaut wurden, sowie an kleinen Tischen und Stühlen, die den Speisesalon darstellen. Seitlich links befindet sich das Telefon, mit dem Robert Hartmann alias Schaffner Michel versucht, die Polizei zu erreichen – doch Zagreb antwortet einfach nicht, „obwohl in Abteil zwei eine Leiche verrottet“. Hartmann spielt den Schaffner mit so viel Eifer, dass beim Telefon-Kurbeln die Kulisse wackelt. Er ist ein Urgestein des 1988 gegründeten Statt-Theaters und seit 1989 dabei. „Eigentlich wollte ich nur Technik machen“, erzählt er. Doch seine ersten Schritte auf der Bühne seien so gut angekommen, dass er seitdem regelmäßig als Schauspieler mitwirkt. „Irgendwann packt es einen ja auch“, sagt Robert Hartmann.
„Wir hatten noch nie einen Krimi“
Ob nun der Mörder ein geheimnisvoller weiterer Schaffner ist oder einer der weiteren Fahrgäste, oder ob das Statt-Theater etwas an der Auflösung verändert hat, erlebt man bei den Vorstellungen am besten selbst. Premiere ist am Samstag, 14. März. Doch wieso wurde eigentlich dieser Klassiker ausgewählt? Sonja Schuler erklärt, dass der „Orientexpress“ die 43. Produktion ist. Zwischen Klassikern von Goethe und Brecht, Kindervorstellungen, Moritaten aller Art und Musicalaufführungen habe eines gefehlt: „Wir hatten noch nie einen richtigen Krimi gespielt“, sagt sie, die von Anfang an dem Statt-Theater die Treue hält.
Da passt „Mord im Orientexpress“ gut rein, denn das Stück bietet nicht nur die Möglichkeit, einige Charaktere exzentrisch auftreten zu lassen, sondern auch, ein tolles Bühnenbild zu entwerfen sowie bei den Kostümen aus dem Vollen zu schöpfen. Und so ernten die Darstellerinnen und Darsteller ebenso großes Lob für ihre Uniformen oder Kleider, wie sie es auch selbst verteilen. Generell ist die Stimmung am Probenort in der Kreuzkirche sehr gut. Julia Conrad als Mary Debenham beispielsweise bekommt zwar in den Arm geschossen, schafft es aber dennoch, lachend einen Stuhl herbeizuheben – es war ja auch nur ein Theater-Schuss.