Mit Spannung wird erwartet, wer am 15. März im Dolby Theatre in Hollywood bei der 98. Oscarverleihung mit einem Academy Award geehrt wird. Wir haben uns die Filme angeschaut und sagen die Preisträger voraus – ob das Orakel richtig liegt, wird sich zeigen.
Bei der diesjährigen Oscarverleihung lautete die große Frage im Vorfeld: Wer bekommt den Oscar als bester Hauptdarsteller? Wird es Leonardo DiCaprio sein – oder Timothée Chalamet? Beide haben in ihren Filmen hervorragende Performances abgeliefert und stehen hoch im Kurs. Als beste Hauptdarstellerin hat wohl – glaubt man dem Hollywood-Buzz – die Britin Jessie Buckley die größte Chance, den goldenen Glatzkopf zu gewinnen. Die Favoriten für den besten Film sind mit 16 Nominierungen „Blood & Sinners“, dicht gefolgt von „One Battle After Another“ mit 13 Nominierungen. Die deutsche Oscar-Hoffnung „In die Sonne schauen“ wurde leider nicht für die Kategorie „Bester Internationaler Film“ nominiert. Moderiert wird der Abend von US-Comedian Conan O’Brian. Ob der Forum-Tipp richtig war, kann ab dem 16. März überprüft werden.
Wir haben jeweils drei Nominierungen in den wichtigsten Kategorien näher unter die Lupe genommen:
Bester Film
„One Battle After Another“
In diesem meisterhaft inszenierten, politisch subversiven Thriller (Regie: Paul Thomas Anderson) macht sich ein Ex-Revoluzzer (Leonardo DiCaprio) – jetzt im total bekifften Ruhestand – auf die verzweifelte Suche nach seiner Tochter Willa (Chase Infiniti), die von einem ultra-reaktionären US-Marshall (Sean Penn) entführt wurde. Im munteren Wechsel: Atemberaubende Action-Szenen und absurde Screwball-Momente. Dazu die vielleicht nervenaufreibendste Autoverfolgungsjagd der jüngeren Filmgeschichte.
„Marty Supreme“
Ein Schuhverkäufer (Timothée Chalamet) aus New York will Tischtennis-Weltmeister werden. Das ist der Startschuss (Regie: Josh Safdie) zu einer extrem verrückten und extrem unterhaltsamen Odyssee, bei der ein abgefeimter Narzisst wie ein junger Gott Tischtennis spielt und sein Talent am Ping-Pong-Tisch sowie seinen Charme bei den Frauen schamlos ausnützt. Ein prominentes Opfer seiner Liebesabenteuer ist eine elegant-laszive Hollywood-Diva (Gwyneth Paltrow).
„Hamnet“
Das kluge und komplexe Filmdrama (Regie: Chloé Zhao) erzählt die Geschichte von William Shakespeare (Paul Mescal) und seiner Frau Agnes (Jessie Buckley), deren Sohn mit elf Jahren an der Pest stirbt. Agnes, tieftraurig, kommt mit dem Verlust kaum zurecht. William geht nach London und versucht, seinen Schmerz am Theater mit dem Stück „Hamlet“ zu kompensieren. Ein Tearjerker der Extraklasse. Auch Wim Wenders hat geweint.
Wird gewinnen: „One Battle After Another“
Sollte gewinnen: „One Battle After Another“
Bester Regisseur
Paul Thomas Anderson – „One Battle After Another“
Der Independent-Regisseur Paul Thomas Anderson („Magnolia“, „There Will Be Blood“) wollte schon immer mal ein Action-Movie drehen. Das ist ihm jetzt hervorragend gelungen. Seine sehr freie Verfilmung von Thomas Pynchons Roman „Vineland“ ist eine hinreißende Eulenspiegelei zwischen Polit-Paranoia und extravagantem Spaß. Den Golden Globe hat er dafür schon bekommen. Wird es auch für den Oscar reichen?
Josh Safdie – „Marty Supreme“
Josh Safdie hat zusammen mit seinem Bruder Benny schon eine Reihe packender Independent-Movies wie „Daddy Longlegs“, „Good Time“ und „Der schwarze Diamant“ gedreht. Seit 2024 ist er solo unterwegs und hat mit „Marty Supreme“ (Timothée Chalamet) gleich einen Volltreffer gelandet. Das Tischtennis-Drama wurde von Fans und Kritikern in den höchsten Tönen gelobt. Gerüchte, dass Safdie bei einem früheren Dreh sexuelles Fehlverhalten am Set wohl toleriert hätte, wurden gerade hochgekocht. Und könnten ihn – wir erinnern uns an den Skandal um die Schauspielerin Karla Sofía Gascón („Emilia Peréz“) – den Oscar kosten.
Ryan Coogler – „Blood & Sinners“
Ryan Coogler hat mit seinen beiden „Black Panther“-Verfilmungen, die zum Besten gehören, was aus dem Marvel-Comic-Kosmos ins Kino kam, längst Filmgeschichte geschrieben. Mit seinem Vampir-Horror-Movie „Blood & Sinners“ ist ihm der große Wurf gelungen. 16 Nominierungen sprechen eine deutliche Sprache. Der Film ist auch eine wagemutige Hymne auf die afroamerikanische Kultur – mit einem blutigen Twist.
Wird gewinnen: Paul Thomas Anderson
Sollte gewinnen: Paul Thomas Anderson
Bester Hauptdarsteller
Leonardo DiCaprio – „One Battle After Another“
So durchgeknallt wie in diesem Film hat man Leonardo DiCaprio schon lange nicht mehr gesehen. Als Guerilla-Extremist a. D. liegt er meist bekifft auf dem Sofa. Dann wird seine Tochter entführt –
und Leo wird zum wilden Berserker im Morgenmantel. Wie er den Drahtseilakt zwischen Kidnapper-Jäger und liebendem Vater meistert, ist großes Kino.
Timothée Chalamet – „Marty Supreme“
Vergangenes Jahr ist Timothée Chalamet als Bob Dylan knapp am Oscar für die beste Hauptrolle vorbeigeschrammt. Als Marty Mauser hat er dieses Jahr die besten Chancen, sich die Trophäe endlich zu holen. Obwohl – oder gerade weil – er hier ein ziemlich unsympathisches Schlitzohr spielt. Aber wie er das macht, das muss man gesehen haben!
Ethan Hawke – „Blue Moon“
Vergessen wir nicht Ethan Hawkes eindrucksvolle Darstellung des legendären amerikanischen Songwriters Lorenz Hart: Er schrieb zur Musik seines Partners Richard Rodgers die Texte zu vielen Evergreens, darunter „Blue Moon“ und „My Funny Valentine“. Der Film erzählt von dem, was sich an einem Abend nach der Broadway-Premiere des Musicals „Oklahoma!“ in der New Yorker Künstler-Bar Sardi’s zuträgt. „Blue Moon“ ist ein grandioses Kammerspiel unter der Regie von Richard Linklater. Und Ethan Hawke verleiht der melancholisch-tragischen Figur des Hart Eleganz und Würde.
Wird gewinnen: Timothée Chalamet
Sollte gewinnen: Leonardo DiCaprio
Beste Hauptdarstellerin
Jessie Buckley – „Hamnet“
Die britische Schauspielerin Jessie Buckley ist in dem Drama „Hamnet“ Agnes, die Ehefrau von William Shakespeare, die den Tod ihres Sohnes kaum verkraftet. Sie spielt diese Frau mit sensibler Intensität und emotionaler Kraft, die unter die Haut geht. Das ist gefühlvolle und völlig unsentimentale Schauspielkunst der Sonderklasse. Da bleibt kein Auge trocken. Hat bis jetzt schon so ziemlich jeden Preis abgeräumt.
Emma Stone – „Bugonia“
Zwei Oscars als beste Hauptdarstellerin hat sie schon, nämlich für „La La Land“ und „Poor Things“. Beim letztgenannten Film führte, wie auch bei „Bugonia“, der griechische Exzentriker Giorgos Lanthimos Regie. Für die Rolle in diesem zynisch-makabren Science-Fiction-Spektakel rasierte sich Emma Stone ihren Kopf kahl. Ob es für einen Oscar-Hattrick reichen wird, wird man sehen.
Kate Hudson – „Song Sung Blue“
In diesem warmherzigen und – trotz tragischer Momente – wunderbaren Feel-Good-Movie zeigt Hollywoodstar Kate Hudson viel Gefühl und Lebensfreude. Zusammen mit Hugh Jackman versucht sie, als „Neil-Diamond-Tribute-Duo“ endlich Erfolg zu haben. Ein bittersüßer Weg. Eine Rolle mit Tiefgang. Und singen kann sie auch noch!
Wird gewinnen: Jessie Buckley
Sollte gewinnen: Jessie Buckley
Bester Nebendarsteller
Sean Penn – „One Battle After Another“
Das Enfant terrible unter den Hollywoodstars hat in seiner langen Karriere viele Leute in der Filmbranche vor den Kopf gestoßen. Und doch wurde seine Schauspielkunst bereits mit zwei Oscars („Mystic River“ und „Milk“) gewürdigt. Als zombiehafter US-Soldat auf gefährlichen Abwegen stiehlt er diesmal fast allen die Schau. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn er den Oscar für die beste Nebenrolle nicht bekäme.
Benicio Del Toro – „One Battle After Another“
Den Oscar für die beste Nebenrolle könnte Benicio Del Toro, der im selben Film eine kleinere Rolle hat, seinem Kollegen Sean Penn abspenstig machen. Wie immer ist Del Toros Performance makellos. Als lässiger Karate-Lehrer Sensei Sergio hat er ein paar wunderbare Obi-Wan-Kenobi-Momente.
Jacob Elordi – „Frankenstein“
Der australische Schauspieler ist ein Geheimtipp in diesem Oscar-Rennen. In Guillermo Del Toros „Frankenstein“-Phantasmagorie spielt Elordi das aus Leichenteilen zusammengebaute Monster mit sehr viel Empathie – bevor es als geschundene Kreatur dann die Welt mit Terror überzieht. Zurzeit kann man ihn, in aller Schönheit, an der Seite von Margot Robbie in der Literaturverfilmung „Wuthering Heights“ bewundern.
Wird gewinnen: Sean Penn
Sollte gewinnen: Sean Penn
Beste Nebendarstellerin
Elle Fanning – „Sentimental Value“
In dem Familiendrama unter der Regie von Joachim Trier spielt Elle Fanning eine Hollywoodschauspielerin, die das Skript eines norwegischen Regisseurs und Eigenbrötlers (Stellan Skarsgård) ins Englische übertragen soll. Vor allem Elle Fannings sehr einfühlsames Zusammenspiel mit Stellan Skarsgård macht den Film sehenswert. Es ist ihre beste Nebenrolle seit „Die Verführten“.
Wunmi Mosaku – „Blood & Sinners“
Die nigerianisch-britische Schauspielerin Wunmi Mosaku konnte ihr schauspielerisches Talent bisher vor allem in der Horror-Serie „Lovecraft Country“ und der Krimi-Serie „We Own This City“ entfalten. In dem Vampir-Schocker „Blood & Sinners“ läuft sie als Köchin für den Gauner Smoke (Michael B. Jordan) zur Hochform auf. Zu ihrem großen Entsetzen sieht Annie, dass der totgeglaubte Smoke nach seiner Auferstehung Vampirbisse am Hals hat – und verätzt ihn daraufhin mit Knoblauch. Annies Stunden sind darauf gezählt …
Teyana Taylor – „One Battle After Another“
Und noch einmal „One Battle After Another“. Einen Golden Globe hat Teyana Taylor für ihre Rolle als sexy Revoluzzerin Perfidia schon eingeheimst. Bei einem Überfall auf ein US-Militär-Camp kommt es zwischen ihr und dem ultra-reaktionären Colonel Lockjaw (Sean Penn) zu einem grotesk-erotischen Kontakt. Danach trifft sich das ungleiche Paar noch zu weiteren Schäferstündchen. Nach der Geburt ihrer Tochter verschwindet sie von der Bildfläche. Knapp 30 Minuten auf der Leinwand reichten, damit Teyana Taylor für den Oscar als beste Nebendarstellerin nominiert wurde.
Wird gewinnen: Teyana Taylor
Sollte gewinnen: Wummi Mosaku