Bis zum 7. Juni zeigt das Museum Barberini die Ausstellung „Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland“. Zu sehen sind 110 Werke aus 60 Sammlungen.
Avantgarde – wenn man dazugehörte, dann konnte das lebensgefährlich sein, zumindest noch lebensgefährlicher als für die anderen. Avantgarde, das waren die Männer der Vorhut, die in der französischen Armee das gegnerische Terrain erkundeten – und die ersten waren, die auf den Feind stießen. Die Avantgarde, von der Ortrud Westheider spricht, war mutig, aber nicht wirklich in Gefahr – höchstens in der Gefahr, total falsch zu liegen und in der Versenkung zu verschwinden. Aber da Ortrud Westheider über sie spricht, sind sie in dieser Gefahr nicht umgekommen.
Ortrud Westheider ist Direktorin des Potsdamer Museums Barberini und Kuratorin der Ausstellung „Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland“, die dort bis zum 7. Juni zu sehen ist. „Max Liebermann war der Wegbereiter der ersten künstlerischen Avantgarde in Deutschland. Mit seinem frühen und richtungsweisenden Blick nach Frankreich leitete er eine Erneuerung der Malerei ein, die den deutschen Impressionismus nachhaltig prägte“, fasst das Museum den Hintergrund der Ausstellung zusammen.
Zwischen Skepsis und Aufbruchstimmung
Aber wo ist Max Liebermann Teil der Vorhut gewesen? „Das Malen unter freiem Himmel löste im 19. Jahrhundert eine Bewegung gegen die akademische Kunst aus, die einer künstlerischen Selbstermächtigung gleichkam: Die eigene Beobachtung trat an die Stelle kompositorischer Schemata, die Gegenwart verdrängte tradierte Erzählungen, die Farbe entsprach der subjektiven Empfindung unmittelbarer als die gezeichnete Linie. Die impressionistische Lichtmalerei brach mit den bis dahin herrschenden ästhetischen Normen. Es entstand eine mit dem modernen Individuum in Resonanz stehende Kunst“, erklärt Westheider in ihrem Essay zur Ausstellung.
Sie spricht von einem „paradoxen Nebeneinander von Aufbruchs- und Beharrungselementen in der Entwicklung der Kunst“. Denn das aufstrebende Bürgertum, das als wichtigstes Publikum galt, habe „die neue Strömung zunächst nur zögerlich aufgenommen und blieb selbst in Frankreich bis um die Jahrhundertwende in großen Teilen reserviert. Unverständnis und Skandal entfachten aber das Interesse neuer Akteure. Schriftsteller wurden zu Kunstkritikern, Verleger zu Kunsthändlern, Unternehmer zu Sammlern. Aus Reaktion wurde Parteinahme: Kunsthistoriker wie Heinrich Wölfflin und Künstler wie Max Liebermann stimmten darin überein, einer Revolution in der Kunst beizuwohnen, einer Kunst, die sich erstmals in der Geschichte den äußeren Erscheinungen überließ“, schreibt die Museums-Chefin.
Die von ihr und Valentina Plotnikova kuratierte Ausstellung zeigt anhand von über 110 Werken aus mehr als 60 internationalen Sammlungen die Entwicklung des Impressionismus in Deutschland in seiner ganzen Bandbreite. Im Zentrum steht Liebermann in seinen Rollen als Künstler, Sammler und Präsident der Berliner Secession, der entscheidende Impulse für die Internationalisierung des deutschen Kunstbetriebs gab. Zugleich will die Ausstellung sichtbar machen, „wie eine neue Generation von Malerinnen und Malern – inspiriert von der französischen Moderne – Themen wie pulsierende Stadtansichten, Freizeit- und Naturdarstellungen, Kinderportraits und Theaterszenen künstlerisch weiterentwickelte“.
Frankreich hat die Künstler inspiriert
Neben Schlüsselwerken von Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Slevogt und Fritz von Uhde werden auch Arbeiten weiterer bedeutender und von einigen Betrachterinnen und Betrachtern neu zu entdeckender Künstlerinnen und Künstler gezeigt – darunter Philipp Franck, Dora Hitz, Gotthardt Kuehl, Sabine Lepsius, Maria Slavona und Lesser Ury. Max Liebermann selbst setzte sich als künstlerischer Avantgardist über die engen Vorstellungen der kaiserlichen Kunstpolitik hinweg und wurde um 1900 zum Vorbild für viele Künstlerinnen und Künstler in Deutschland. Als Präsident der Berliner Secession und der Preußischen Akademie der Künste trug er maßgeblich zur Internationalisierung des deutschen Kunstbetriebs bei. Früh sammelte er Werke französischer Impressionisten, die für ihn den Maßstab zeitgenössischer Kunst darstellten, und beriet den damaligen Direktor der Nationalgalerie in Berlin, Hugo von Tschudi, bei dessen Ankäufen in Paris.
„Der Blick nach Frankreich spielte für die Entwicklung des Impressionismus in Deutschland von Beginn an eine entscheidende Rolle“, erklären die Kuratorinnen. Die im Frankreich der 1860er-Jahre entstandene Malerei faszinierte durch kräftig leuchtende Farben und eine energische, skizzenhafte Pinselführung. Neben Liebermann bezogen zahlreiche weitere Malerinnen und Maler ihre Inspiration aus den Werken ihrer französischen Kollegen. Auf Reisen nach Paris setzten sie sich intensiv mit der französischen Moderne auseinander. Was die Motive anging, eröffnete sich dabei ein breites Spektrum – von sonnendurchfluteten Landschaftsdarstellungen und stimmungsvollen Figurenbildern bis hin zu sorgfältig arrangierten Stillleben. Die erste Präsentation französischer Impressionisten in Deutschland fand 1883 in Berlin statt: In der Galerie Fritz Gurlitt wurden 16 Gemälde von Édouard Manet, Claude Monet, Camille Pissarro und Alfred Sisley gezeigt, darunter zehn Werke aus dem Besitz des Sammlerpaars Carl und Felicie Bernstein. In den 1890er-Jahren folgten Ausstellungen in München und Weimar. Um die Jahrhundertwende präsentierten die Berliner Secession und die Galerie Paul Cassirer regelmäßig Werke wie Monets „Impression. Sonnenaufgang“ oder Manets „Frühstück im Grünen“ – Bilder, die in Frankreich selbst noch als skandalös galten. „In Deutschland wurde der Impressionismus schnell als Avantgarde-Strömung anerkannt und galt als Widerstand gegen die national geprägte Kunstpolitik des Kaisers“, ordnen die Kuratorinnen die Entwicklungen ein.
Einen besonderen Fokus legen sie auf „den lange vernachlässigten Beitrag von Künstlerinnen zur Entwicklung des deutschen Impressionismus“. Gezeigt werden Werke von Charlotte Berend-Corinth, Emilie von Hallavanya, Dora Hitz, Sabine Lepsius und Maria Slavona. „Sie behaupteten sich bereits im konservativen Kaiserreich künstlerisch und ermöglichen heute ein erweitertes Verständnis der Bewegung“, erklären die Kuratorinnen. Die Leihgaben stammen aus bedeutenden deutschen und internationalen Sammlungen, darunter die Alte Nationalgalerie Berlin, das Albertinum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, das Folkwang Museum Essen, das Städel Museum Frankfurt, die Neue Pinakothek München, das Museo Nacional Thyssen-Bornemisza Madrid, das Musée d’Orsay Paris und das Belvedere Wien.
„Eine Ausstellung zum Impressionismus in Deutschland in dieser Reihe zu zeigen, eröffnet die Möglichkeit, die Werke unserer eigenen Kunstgeschichte mit frischem Blick in einem internationalen Kontext zu betrachten“, sagt Ortrud Westheider. Sie hofft, dass die Ausstellung „die hohe malerische Qualität und die emotionale Ausdruckskraft des Impressionismus in Deutschland sichtbar machen“ kann.