Das Saarlandmuseum präsentiert die Ausstellung „Marthe Donas & Alexander Archipenko – Power-Paar der Avantgarde“. Rund 120 Werke vergegenwärtigen das Zusammenwirken des Künstlerpaars während der Jahre 1917 bis 1920.
Er war kamerascheu. Alexander Archipenko wendet den Blick nach unten, hebt die Hand, will das Gesicht bedecken. Sein Malerfreund Christian Schad hält ihn grinsend auf. Im Dezember 1919 entsteht im Kreis von Freunden in Genf die Fotografie, die in der Ausstellung wandgroß zu betrachten ist. Hinter Archipenko zu erkennen: Marthe Donas – lachend, strubbelig-kinnlanges Haar, wacher Blick. Sie ist 34 Jahre alt, Archipenko zwei Jahre jünger und ein erfolgreicher Künstler. Die beiden sind ein Paar und haben sich 1917 in Cimiez nahe Nizza kennengelernt.
Eine Künstlerin mit Pseudonym
„Für Ihren Salon empfehle ich Ihnen wärmstens einen sehr talentierten modernen Maler namens ,Tour Donas‘. Er ist mein bester Schüler“, schrieb Alexander Archipenko an den Galeristen Herwarth Walden. Archipenko hatte Marthe Donas’ Talent erkannt und setzte sich für sie ein. Die Künstlerin trat mit dem männlichen Pseudonym „Tour Donas“ auf. Eine Frau als Künstlerin hatte es viel schwerer. Sie wurde weder von den Kollegen noch von den Galeristen oder von der Öffentlichkeit ernst genommen. Die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Kathrin Elvers-Švamberk, berichtet, man habe Donas geraten: „Du solltest in keinem Fall weiter einen weiblichen Namen führen, weil: So wird das nichts!“
Ist aus dem Ausstellungsprojekt „Marthe Donas & Alexander Archipenko – Power-Paar der Avantgarde“ etwas geworden? „Eine hervorragend gesetzte, hervorragend kuratierte, mit geleisteter Forschungsarbeit arrangierte Ausstellung“, findet Lisa Felicitas Mattheis, die kunst- und kulturwissenschaftliche Vorständin der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz. Sie überschlägt sich vor Begeisterung. Ihr im Foyer zuhörend, denke ich: „Ja, was soll sie schon anderes sagen?“ Die Flügeltür zum Ausstellungsraum wird geöffnet. Die Ausstellungsfläche ist durch Wände unterteilt, auf diese Weise entstehen Kabinette, die durch unterschiedliche Farben thematisch kenntlich werden. Die farbintensiven Arbeiten auf den Wänden fluten im ersten Moment wie im Zeitraffer ins Auge des Betrachters ein. Die Lichtspots steigern die Farbintensität. Ich bin beeindruckt, noch bevor ich die Arbeiten im Einzelnen betrachtet habe. Der „Wow“-Moment zählt.
„Eine Kooperation und zwei Stationen“
1920, Öl auf Holz, Privatsammlung - Foto: Marthe Donas Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2026/Cedric Verhelst
Wie ist die Ausstellung zustande gekommen? Und: Wer ist Marthe Donas? „Das Kooperationsprojekt nahm seinen Ausgang, als ich im Jahr 2022 erfuhr, dass man beim Königlichen Museum der Schönen Künste Antwerpen, kurz KMSKA, plant, Marthe Donas, eine der bedauerlicherweise vergessenen Heldinnen der klassischen Moderne, wieder ins rechte Licht zu rücken“, erklärt Kuratorin Dr. Elvers-Švamberk. „Bekanntermaßen beherbergt das Saarlandmuseum europaweit den größten Archipenko-Bestand. Marthe Donas erlebte auf dem Höhepunkt ihrer glänzenden, wenngleich kurzen Karriere einen intensiven Austausch mit Archipenko.“
Die belgische Malerin Marthe Donas ist 1885 in Antwerpen geboren. Im KMSKA ist die Ausstellung in erweiterter Fassung unter dem Titel „Enchanted Modernism. Donas, Archipenko & La Section d’Or“ bereits zuvor präsentiert worden. „Die Antwerpener Kollegen kamen mit üppigen Leihwünschen, die dann bei uns den Gedanken in Gang setzten, man könnte über eine Kooperation und eine zweite Station nachdenken.“ In den Worten von Dr. Elvers-Švamberk schwingt Freude mit. Zu Recht. Was aus den Überlegungen geworden ist, macht staunen und zeigt einmal mehr, aus welch vorzüglichem Bestand die Stiftung Saarländischer Kulturbesitz Projekte zu entwickeln versteht, aber auch begehrte Kunstwerke an Museen von Weltrang entleihen kann.
„Wir rücken ein sehr interessantes Kapitel der europäischen Kunstgeschichte in den Blick – die Zeit der letzten Jahre des Ersten Weltkriegs und der beginnenden Zwanzigerjahre. Archipenko hat, wie viele Pariser Künstler, die Jahre des Krieges nicht in Paris, sondern an der Côte d’Azur verbracht, in Nizza“, erzählt die Kuratorin, die eine Kennerin seines Schaffens ist, hatte sie sich doch 2008 für die Ausstellung „Alexander Archipenko. Retrospektive“, die im Saarlandmuseum zu sehen war, intensiv mit ihm befasst.
Als Einstimmung auf Archipenkos Frühwerk ragt „Gondoliere“ (1914) auf, eine seiner berühmtesten Plastiken, eine Stilisierung der menschlichen Figur, die auf eine kubistische Formensprache verweist. 1912 tritt Archipenko der kubistischen Künstlergruppe „La Section d’Or“ bei. Marthe Donas kommt mit dem Kubismus in Ausstellungen der Künstlergruppe „Lyre et Palette“ in Paris in Berührung. Fasziniert vom Umgang mit abstrakten Flächen, wird sie Schülerin des Malers André Lhote. Im Frühjahr 1917 begleitet sie eine Dame nach Nizza, um ihr Zeichenunterricht zu erteilen. Sie begegnet Archipenko. Die wechselseitige Inspiration zwischen der belgischen Malerin Marthe Donas und dem ukrainischen Bildhauer Alexander Archipenko lässt sich an den vielgestaltigen Werken ablesen.
Marthe Donas erprobt für damalige Zeit Ungewöhnliches. „Ich lade Sie ein, das Kinderporträt aus der Nähe zu betrachten“, sagt Dr. Elvers-Švamberk und erklärt: „Donas arbeitet mit ungewöhnlichen Zusätzen in der Malschicht. Sie mischt Sand oder Zement in ihre Ölfarben und strukturiert diese dann auch sehr unkonventionell. Sie arbeitet mit verschiedenen kammartigen Instrumenten“. Marthe Donas’ „Kubistische Puppe“ (1917/18) zeigt ebenso Ungewohntes: Der Umriss des Gemäldes orientiert sich am Motiv. Alexander Archipenko brachte mit der Skulpto-Malerei Farbe, Bewegung, Materialassemblage und auch Plastik zueinander und schuf so eine weitere Form seiner Ausdrucksfähigkeit, was sich an der Arbeit „Im Boudoir“ (1915), die vom Philadelphia Museum of Art gesandt wurde, ablesen lässt. Weshalb hat ein wundervolles Gemälde von Amedeo Modigliani Eingang in die Ausstellung gefunden? Der Frauenakt entstand 1917 in Nizza. Modigliani war ein enger Freund von Archipenko.
„Der Tanz war ein zentrales Thema“
„Der rote blaue Tanz“ zählt ebenso zum Bestand der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz wie „Gondoliere“ und ist eines der Highlights im Kabinett „Der Tanz“. „Tanz war für eine progressive Künstlerschaft ein zentrales Thema. Es herrschte eine riesige Tanzbegeisterung in der breiten Bevölkerung. Experimentelle neue Tanzarten wurden erfunden“, berichtet die Kuratorin. Mary Wigman, die deutsche Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin, gilt als eine der bedeutendsten Vertreterinnen des modernen Ausdruckstanzes. Sergei Diaghilevs Ballettkompanie „Les Ballets Russes“ erweitert die Grenzen der Choreografie sowie die Möglichkeiten der Kostüm- und Bühnenraumgestaltung. Bildende Künstler transformieren die Körperbewegungen der Tänzer in abstrakte Raum- und Linienkompositionen. Auch Archipenko und Donas lassen sich vom modernen Tanz inspirieren. Jahrzehntelang galt „Tanz“ (1918/19) von Donas als verschollen – erst kürzlich tauchte das Werk in Japan auf. Das Ikeda Museum of 20th Century Art in Izu hat das Gemälde entliehen und reisen lassen. Eine Frau und ein Mann im Paartanz? Zwei Figuren, die durch eine gemeinsame Bewegung zu einer Figur werden? Ein Mensch-Roboter-Mischwesen?
In Paris gründen Donas und Archipenko „La Section d’Or“ (Der Goldene Schnitt), eine Künstlergruppe mit Mitgliedern aus verschiedenen Ländern, die 1920 in Paris, danach in Brüssel und Genf ausstellt. Ein Jahr später eröffnet Archipenko in Berlin eine Kunstschule. Das Künstlerkollektiv zerfällt. Die Beziehung zwischen Donas und Archipenko endet. Trotz ihres zeitweiligen Erfolgs geriet Marthe Donas früh in Vergessenheit, wohingegen Alexander Archipenkos Ruhm bis heute andauert. Übrigens bezeichnete der Berliner Galerist Herwarth Walden „Tanz“ von Marthe Donas als ein „Schlüsselwerk der internationalen Avantgarde“. Wusste er zu dem Zeitpunkt schon, dass er das Werk einer Frau rühmt? Ich sollte nachfragen …