Warum Verkaufen im Internet ein echtes Abenteuer ist
Was ist letzter Preis?“ Oh Mann, wie ich diese Frage liebe. Kommt Ihnen bekannt vor? Genau. Kleinanzeigen. Man stellt was rein zum Verkaufen, ist ja nachhaltig und bringt auch noch ein paar Euro. Und dann das. „Letzter Preis?“ Kein „Hallo“ oder „Guten Tag“. Die kommen auch bei anderen Nachrichten eher selten. Dann heißt es zum Beispiel: „Ist XY noch da?“ Liebe Leute, ist es so schwer, einen kurzen Satz zu formulieren?
Private Online-Verkäufe sind oft ein Quell der Freude und eine Art Sozialstudie für den gegenwärtigen Stand der zwischenmenschlichen Kommunikation. Gut für meinen Blutdruck ist es auch, wenn dann schon gefühlt zehn Minuten nach der Nachricht nochmal ein Fragezeichen geschickt wird. Soll dann wohl heißen, warum meine Antwort noch nicht da ist. Entschuldigung, dass ich einen Job habe, schlafen muss, noch das ein und andere Hobby ausübe und nicht nonstop am Handy hänge.
Mein momentaner Favorit ist allerdings der Fall, dass manche Leute „sofort“ das Inserierte abholen möchten. Zuerst freue ich mich. So schnell verkauft, und ich muss es noch nicht mal verschicken. Pustekuchen. Viermal hab ich es probiert. Preis vereinbart, meine Adresse angegeben und eine Uhrzeit abgemacht. Und dann kam keiner. Ich rätsle. Adressen-Klau? Aber nicht so ganz, denn meinen Namen hatte ich nicht gesagt, nur Straße und Hausnummer. Einbrecher, die herausfinden wollen, wann ich nicht zu Hause bin? Hab mal gegoogelt, da wird schon vor dem einen und anderen gewarnt. Herrje. Ich will doch einfach nur ein paar Sachen loswerden.
Vor einiger Zeit hab ich dann Vinted entdeckt. Kennen Sie das? Finde ich eigentlich genial. Man kann da alles anbieten – vom getragenen Kleid, Pulli, Mantel über Videos, Schmuck bis hin zu Gitarren. Einfach alles. Funktioniert echt gut. Macht Laune. Bis auf die Funktion „Verhandeln“. Da werde ich dann regelmäßig angeschrieben mit Preisangeboten. Mein Preis ist zehn Euro. Angebot kommt: sieben Euro. Ich denke, nö, bisschen wenig. Ich wieder zurück: neun Euro. Dann kommt: 7,75 Euro. Kein Witz. Wie kommen die auf solche Zahlen?
Oder man hat etwas wirklich Wertiges, was man nicht so gerne für zwei Euro verschleudert. Entweder interessiert sich kein Aas dafür (halloooo, das war echt teuer in der Anschaffung!!) oder es kommt ein so unverschämt tiefes Gebot, dass man irritiert seine eigene Anzeige nochmal überprüfen muss, ob man anstatt der teuren Halskette nicht versehentlich eine Zahnbürste eingestellt hat.
Früher hab ich ab und zu mal bei Ebay was verkauft. Einfach als Auktion. Das halten aber mittlerweile meine Nerven nicht mehr aus. Richtig lustig wird es, wenn dann zu einem Produkt gefühlt 500 Fragen kommen und man einen Nachmittag damit beschäftigt ist, Dinge von allen Seiten abzumessen, schwierige Materialfragen zu beantworten, mit der Lupe nach Gebrauchsspuren zu suchen, Quittungen und Rechnungen nach 20 Jahren noch aufzufinden und eidesstattliche Versicherungen abzugeben, dass der Hund das Handy ganz bestimmt nie im Maul hatte.
Umgekehrt kann man sich natürlich online auch als Käufer betätigen. Ha! Dann kann man sich mal rächen für all das Ungemach. Naja, macht man ja dann doch nicht. Der Seitenwechsel hat aber auch so seine Tücken. Problem eins: Auf meine Anfrage kommt gar keine Antwort. Problem zwei: Auf meine Anfrage kommt drei Wochen später eine Antwort (äh, was war das dann nochmal?). Problem drei: Ich habe gar keine Frage gestellt und auch nicht geboten, sondern den Artikel nur auf „Merken“ gestellt und bekomme ein Preisangebot vom Verkäufer und noch eine persönliche Nachricht, die so liebenswürdig ist, dass ich ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich nicht kaufe.
So geschehen bei Vinted. Da kann man als Verkäufer nämlich genau sehen, WER den Artikel favorisiert hat. Das gibt’s bei Kleinanzeigen nicht. Ein Vorteil. Und es gibt noch einen: Wenn man die Nerven komplett verliert, setzt man XY einfach in die Rubrik „zu verschenken“. Dann sollten Sie aber das Handy auf keinen Fall aus der Hand legen! Denn schauen Sie etwa zehn Minuten später drauf, droht bei den 5.000 Nachrichten im Stil von „Ich hole es gleich ab, wo wohnen Sie?“ ein Nervenzusammenbruch. Aber danach Erleichterung. XY ist aus den Füßen, hat zwar nix eingebracht, aber irgendjemand freut sich. Und ich … geh vielleicht demnächst lieber mal auf den Flohmarkt.